Groß-Enzersdorf

Erstellt am 10. Februar 2018, 04:15

von Ulla Kremsmayer

S1-Kontroverse: "Am besten ohne Tunnel“. Zwei Studien zur Donauquerung wurden in der Vorwoche präsentiert, sie bringen aber keine Klarheit. SP-Stadtchefin will nun endlich „notwendige Umfahrung“.

Das Projekt der Autobahnen- und Schnellstraßen Finanzierungs AG(Asfinag) sieht einen 8,2 Kilometer langen Tunnel vor.  |  Asfinag

Zwei Studien zum Lobautunnel und zum Lückenschluss der S1 – sie waren im rot-grünen Regierungsabkommen Wiens enthalten – hat die Wiener Grünen-Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou vergangene Woche vorgelegt.

Die eine, von der TU Wien unter Federführung von Hermann Knoflacher, kommt zu dem Schluss, dass der Lobautunnel der erfolgreichen Verkehrspolitik der Stadt Wien zuwider laufen würde. Der Modal-Split, der sich in Wien in den letzten Jahren zugunsten der Öffis sowie der Radfahrer und Fußgänger verschoben hatte, würde wieder zugunsten des Autoverkehrs umschlagen.

Die Donaustadt hinke hierbei noch hinterher, denn Bevölkerungswachstum und Motorisierung liefen hier fast parallel. Dieser Trend sei in keinem anderen Bezirk in dieser Deutlichkeit ablesbar und deutet auf massive Strukturmängel im 22. Bezirk hin.

Starke Zunahme von Arbeitsplätzen

Dennoch sei eine starke Zunahme von Arbeitsplätzen zu verzeichnen, die Donaustadt liegt nun im guten Mittelfeld, während etwa Simmering, an der Autobahn gelegen und mit bester Anbindung zum Flughafen, deutlich zurückgefallen sei. Knoflacher plädiert daher für eine Kraftanstrengung in Richtung Öffi-Ausbau und für eine kompakte Stadtentwicklung, die auf den Lobautunnel verzichtet.

Die zweite Studie, verfasst von einer Expertengruppe, als deren Sprecher zuletzt meist Christoph Schremmer vom ÖIR (Österreichisches Institut für Raumplanung) aufgetreten ist, hingegen meint, dass die angepeilte Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung im Nordosten der Stadt ohne S1 und Donauquerung erheblich behindert und zeitlich verzögert werde – dies „jedenfalls nach Einschätzung potenzieller Investoren“. Um anteilsmäßig so viele Arbeitsplätze wie Einwohner zu haben und damit dem Konzept der „Stadt der kurzen Wege“ zu entsprechen, bräuchten die beiden Bezirke Transdanubiens derzeit bereits etwa 60.000 zusätzliche Jobs.

Der Fortschritt in der Seestadt Aspern müsste aber bei einem Nichtbau warten. „Insgesamt ist zu erwarten, dass für Projekte in der Größenordnung von rund 30.000- bis 40.000 Einwohnern und 15.000 Arbeitsplätzen eine verzögerte Entwicklung um mehr als 10 Jahre eintreten würde. Ein solcher Entwicklungsstopp würde einen Entfall von Investitionen in Milliardenhöhe bedeuten und entsprechende Arbeitsplatzverluste nach sich ziehen.“

Die Experten warnen allerdings auch von negativen Folgen für Klimaschutz und Verkehrsentwicklung, sollte nicht sofort und begleitend zum Tunnelbau mit massiver Anstrengung und in Zusammenarbeit mit dem Umland Maßnahmen für den öffentlichen Verkehr, für eine kompakte Stadtentwicklung mit attraktiven Grün- und Freiräumen begonnen werden. Die Experten empfehlen daher ein Aktionsprogramm gemeinsam mit der Region.

Befürworter und Gegner fühlen sich bestätigt

Für Tunnelbefürworter wie Gegner war die Veröffentlichung der Studien meist nur wieder Wasser auf die eingefahrenen Mühlen. Die Wiener Roten konnten sich über die Empfehlung der einen Expertengruppe ebenso freuen wie die Grünen über die Ablehnung seitens der TU und die Warnungen der Expertengruppe.

Den Groß-Enzersdorfer Stadtspitzen erging es ebenso. Bei einem Hintergrundgespräch deuteten Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec (SPÖ) und der grüne Mobilitätsstadtrat Andy Vanek ihre Lieblingsvariante an: Sie hätten die S1 am liebsten ohne Tunnel. Denn wenn zwar die S1 bis zur Einmündung in die Stadtstraße (nördlich der Seestadt) gebaut würde und Groß-Enzersdorf damit Anbindung und seine lang erwartete Umfahrung bekäme, wäre auf die Donauquerung mit all ihren Verkehrsknoten samt erwartbarem Verkehr auf Groß-Enzersdorfer Gemeindegebiet gut zu verzichten.

Jedenfalls lohnt das Studium der beiden Studien, sie sind auf der Seite der Wiener Stadtplanung zu finden: https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/verkehrsplanung/lobautunnel-pruefung-planungsalternativen.html.