Amaliendorf-Aalfang

Erstellt am 15. November 2017, 06:00

von Thomas Weikertschläger und Markus Lohninger

Seeadler kippt Windkraft-Vision. Nach Reduktion der Flächen: Keine naturschutzbehördliche Bewilligung für Amaliendorf-Aalfang. WEB prüft Einspruch.

Symbolbild  |  WEB Windenergie AG

Dem bislang einzigen konkreten Windkraft-Projekt im Bezirk Gmünd droht das Aus: Die Bezirkshauptmannschaft lehnte mit Bescheid vom 7. November den Antrag der WEB Windenergie AG auf Erteilung einer naturschutzbehördlichen Bewilligung zur Errichtung von drei 200 Meter hohen Windkraftwerken in der Marktgemeinde Amaliendorf-Aalfang ab.

Aus der Sicht von Bürgermeister Gerald Schindl (SPÖ) handelt es sich dabei nur um eine „Formsache“. Er hält den Windpark nach wie vor für einen „Renner“. „Mit dem Windpark wäre die Gemeinde strom-autark, das ist eine Chance, die wir nützen müssen. Es wäre ein Verbrechen an unseren Kindern, wenn wir auf die Windkraft verzichten und auf Atomkraft setzen“, so der Ortschef.

 „Würden wir keine Chance sehen, dann hätten wir das Projekt nicht eingereicht. Eine Reaktion müsste aber fundiert sein.“ Arnold Kainz kann sich zum weiteren Vorgehen von WEB noch nicht äußern 

Bezirkshauptmann Stefan Grusch gibt allerdings auf NÖN- Nachfrage kaum Anhaltspunkte für etwaigen Optimismus. Das Projekt sei sehr genau untersucht worden, hält er fest. Aber: Der Windpark wäre der erste in der Region, in der es unter anderem im nur wenige Kilometer entfernt gelegenen – seit 1979 naturgeschützten – Ramsargebiet Bruneiteich einige seltene Vogelarten gibt. Besonders der hoch gefährdete Seeadler wäre nach Auskunft von Bezirkshauptmann Grusch durch einen Windpark bedroht. Es habe daher aus ornithologischer Sicht keine Möglichkeit gegeben, die Bewilligung zu erteilen.

Waldviertel ist Top-3-Region für Seeadler

Diese Ergebnisse hätten die Untersuchungen eines Amtssachverständigen gebracht, berichtet NÖ Umweltanwalt Thomas Hansmann. Aus Sicht der Umweltanwaltschaft habe es zwar mit dem Thema „Landschaftsbild“ auch ein weiteres zu beanstandendes Thema gegeben, ausschlaggebend sei aber das Vogelthema gewesen: „Da geht es um schlagenden Artenschutz. In diesem Fall geht es um jeden einzelnen Seeadler“, so Hansmann.

179 Exemplare des imposanten Wappentiers wurden bei einer groß angelegten Zählung von WWF, BirdLife und Nationalpark Donau-Auen im vergangenen Winter in Österreich beobachtet, was nach weitgehender Ausrottung im 19. und 20. Jahrhundert in weiten Teilen Europas als Erfolg gewertet wird. Immerhin 23 Seeadler wurden im Waldviertel gezählt, womit es bundesweit Top-3-Region ist (vor der Parndorfer Platte, wo trotz Seeadlern jetzt schon Dutzende Windräder rotieren).

Der ornithologische Aspekt im Genehmigungs-Verfahren überrascht Arnold Kainz, Projektierungs-Leiter der WEB Windenergie, nicht. Das Vorkommen des Seeadlers und dessen Brutplätze seien bei der Projekt-Einreichung aufgrund der Einbindung von Vogelkundlern bekannt gewesen. Deshalb habe man auch ein Kollisionsvermeidungssystem vorgeschlagen, das das Abschalten der drei wuchtigen Windräder im Fall des Nahens der Vögel bewirken soll.

„Keine Möglichkeit für Bewilligung“: Bezirkshauptmann Stefan Grusch.  |  ml

Umweltanwalt Hansmann bezeichnet dieses Bemühen als „groben Unfug. Es gibt keinerlei Beweis, dass diese Systeme funktionieren.“ Es könne nicht sein, dass man zunächst Windräder mit dem Hinweis auf diese Systeme errichtet, diese Windräder dann aber wieder abreißt, wenn sich herausstellt, dass sie eben nicht funktionieren.

WEB Windenergie hat vier Wochen Zeit, um gegen den Bescheid Beschwerde beim Landesverwaltungsgericht einzubringen. Ob es dazu kommen wird, das steht laut Arnold Kainz noch in den Sternen: Das fast hundertseitige Konvolut, mit dem der Bescheid zugestellt worden war, müsse nun erst einmal gesichtet und bewertet werden. „Dazu werden wir wieder externe Ornithologen einbinden. Würden wir in den Verfahren aber keine Chance sehen, dann hätten wir das Projekt gar nicht eingereicht“, lässt Kainz anklingen, dass ein Einspruch zumindest geprüft wird: „Eine Reaktion müsste aber fundiert sein.“

"Standort unbedingt durchboxen zu wollen, schadet eher dem Image der Windkraft“ Thomas Hansmann

Dass es am Landesverwaltungsgericht eine andere Entscheidung geben würde, glaubt Hansmann nicht. Auch wenn er die Windkraft befürworte, halte er ein solches Vorgehen für einen „Bärendienst“ an der Windkraft: „Nicht jeder Standort eignet sich. Diesen unbedingt durchboxen zu wollen, schadet eher dem Image der Windkraft.“

Ausgerechnet im Waldviertel bläst der Windkraft trotz des Windstrom-Vorreiters WEB aus Pfaffenschlag – der mit über 200 Windkraft-Anlagen, aber auch einzelnen Photovoltaik-Anlagen und Kleinwasserkraft-Werken, an die 300.000 Haushalte in Europa und Nordamerika versorgt – jetzt schon scharfer Wind entgegen. Bis dato wurden hier erst fünf kleine Windkraftwerke im Bezirk Zwettl realisiert, andernorts entwickelte sich teils massiver Protest. Im Bezirk Gmünd schwand die anfangs große Zustimmung. So passierte die Umwidmung für die geplanten Windräder bei Amaliendorf-Aalfang vor zwei Jahren nur noch mit knapper Mehrheit den Gemeinderat, zugleich wurde der Windpark dabei von vier auf drei Kraftwerke reduziert.

Diese könnten laut WEB immer noch bis zu 5.000 Haushalte zwischen Schrems und Litschau mit Grünstrom versorgen – was aus der Sicht von Projektierungs-Leiter Kainz ein wichtiger Beitrag zu den Energiezielen wäre. „Derzeit erzeugt das Waldviertel deutlich weniger Strom, als hier verbraucht wird“, sagt er: Die Erträge aus Wasserkraft und Photovoltaik seien überschaubar, die weiteren Alternativen genauso. Man müsse, wolle man an den Energiezielen festhalten, zusätzlich zum Energiesparen auch Kompromisse bei der -erzeugung finden.

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