Gmünd

Erstellt am 10. Januar 2018, 06:00

von Markus Lohninger

Bezirk Gmünd verlor fast 500 Einwohner. Nach Jahren der Entspannung kamen Gmünd im Vorjahr fast 500 Einwohner abhanden. 80 solche Jahre, und der Bezirk wäre leer gefegt!

NÖN/Gemeinden; Foto: Ljupco Smokovski/shutterstock; Grafik: Bischof

Es mag eine schöne Illusion gewesen sein, der sich die Einwohner im Bezirk Gmünd im Schatten der großen Fluchtbewegungen 2015 hingegeben haben: Das kurze Zeitfenster der kräftigen Bevölkerungs-Zunahme nach jahrzehntelangem Schwund ist wieder geschlossen, nach einem leichten Minus 2016 war das Vorjahr von massivem Abgang geprägt.

Nur noch insgesamt 37.092 Einwohner zählten die 21 Gemeindeämter des Bezirkes per 31. Dezember 2017, das ist ein Rückgang um 463 Personen oder 1,2 Prozent. – Würde der Bezirk jedes Jahr so viele Einwohner verlieren wie 2017, dann wäre er in 80 Jahren ein unbewohnter Flecken Land…

Zarte Einwohner-Zugewinne gab es nur in sechs Gemeinden, am meisten in Hoheneich (+9).

„Wir sind bei Arbeitsplätzen oder Kinderbetreuung gut aufgestellt, schauen, dass Gmünd lebenswert ist und Wohnmöglichkeiten geschaffen werden.“ Helga Rosenmayer

Überall sonst gab es Verluste. Am stärksten traf es die größten Stadtgemeinden Gmünd (-138), Heidenreichstein (-105) und Schrems (-76), gefolgt von Brand-Nagelberg (-50) und Litschau (-42). Die Verluste sind zu großen Teilen durch Flüchtlinge erklärbar: Gmünd, Schrems, Heidenreichstein und Litschau bekamen 2015 die mit Abstand meisten Geflüchteten im Bezirk, 2017 gab es überall starke Abwanderung von Flüchtlingen nach Wien – primär wegen dort anderer Existenzgrundlagen.

Dreimal mehr Tote als Neugeborene: Gerhard Kirchmaier verlor 105 Heidenreichsteiner Gemeindebürger.  |  NOEN

Die seit Jahren von kräftigen Bevölkerungs-Verlusten geprägte Gemeinde Brand-Nagelberg erhielt indes 2015 durch das Haus für minderjährige Flüchtlinge in Neu-Nagelberg 24 neue Hauptwohnsitzer und zwölf zusätzliche Beschäftigte. Jetzt ist die Einrichtung wie berichtet geschlossen, die Hauptwohnsitzer sind weg und auch die Jobs. Gmünd muss indes ab Herbst die Nachmittags-Betreuung an der Volksschule nach kurzzeitiger Aufstockung auf zwei Gruppen reduzieren – wodurch die Förderungen sinken und folglich die Kosten für Stadt und Eltern steigen.

In Bad Großpertholz trug sich gar der Fall zu, dass während des Jahres ein Flüchtlingskind zur Welt kam, das als – juristisch gesehen – Pertholzer Baby die Marktgemeinde mit seinen Eltern vor Jahresende bereits wieder verlassen hatte.

Der extreme Aderlass im Bezirk war nicht nur durch Flüchtlinge bedingt. Die Sterbezahl ging überall außer in Amaliendorf-Aalfang, Eggern, Großschönau, Harbach, Kirchberg, Litschau und Reingers (-9) nach oben, der Bezirk verzeichnete insgesamt fast ein Fünftel mehr Sterbefälle als 2016.

Gmünd – im Bild Bürgermeisterin Helga Rosenmayer – verzeichnete den stärksten Aderlass.  |  NOEN

Zugleich ging die Geburtenziffer überall außer in Amaliendorf-Aalfang, Brand-Nagelberg, Eggern, Eisgarn, Hoheneich, St. Martin, Waldenstein und Großpertholz (+11) zurück. Eisgarn und Unserfrau-Altweitra waren die einzigen Gemeinden mit mehr Geburten als Todesfällen, bei einem Verhältnis Geburten: Sterbefälle von jeweils 9:8.

In Heidenreichstein starben mehr als dreimal so viele Menschen, wie es Neugeborene gab (23:74). Eindeutiger war das Negativ-Verhältnis nur in Litschau (13:65) und Weitra (23:71), wo Pflegeheime mit Einwohnern aus Umland-Gemeinden die Statistik beeinträchtigen.

Heidenreichsteins SP-Bürgermeister Gerhard Kirchmaier führt den Abgang von 105 Gemeindebürgern auf beide Faktoren zurück: 2016 seien 120 Flüchtlinge in der Stadt gewesen, „nun stehen wir bei 58. Und dann schlägt sich eben die Bevölkerungs-Struktur nieder.“ Er hofft, dass Wohnraum geschaffen wird – etwa durch das angekündigte WAV-Bauprojekt am Ort des Kindergartens in der Waidhofner Straße, oder in den Edlaugründen. Im Jahr 2014 umgewidmet, ist dort allerdings bis dato noch keine einzige Parzelle bebaut. Drei sind immerhin einmal verkauft. Es brauche vermutlich einen ersten Häuslbauer, sagt Kirchmaier, das könne eine Welle nach sich ziehen.

Für die Stadt Gmünd, die im Rennen um die größte Gemeinde im Bezirk mit nun 5.385 Einwohnern wieder hinter Schrems (5.412) gerutscht ist, sieht Bürgermeisterin Helga Rosenmayer (ÖVP) dennoch positive Signale. Sie registriert den Zuzug junger Familien genauso wie eine regelrechte Bau- und Sanierungswelle für privaten Wohnraum (die NÖN berichtete).

Stark positiver 5-Jahres-Trend nur in Harbach

„Wir dürfen uns nicht von unserem Weg abbringen lassen“, sagt Rosenmayer, die in wenigen Tagen erstmals Großmutter wird: „Wir sind bei Arbeitsplätzen oder Kinderbetreuung gut aufgestellt, schauen, dass die Stadt lebenswert ist und Wohnmöglichkeiten geschaffen werden.“ Die Wohnraum-Nachfrage sei ungebrochen groß, sagt sie. Daher soll neben der Entwicklung des Siedlungsgebietes beim Harabruckteich das geplante Gemeinde-Wohnhaus in der Weitraer Straße heuer gleich in doppelter Ausführung mit nun 16 Wohnungen umgesetzt werden.

Karl Harrer: Nirgendwo im Bezirk war in den vergangenen fünf Jahren der Schwund größer als in Schrems.  |  NOEN, Archiv

In den vorigen fünf Jahren haben vor allem Harbach (+52), Eisgarn (+19) und Hirschbach (+11) nennenswerte Zugewinne gefeiert. Am anderen Ende der Tabelle stehen Kirchberg (-57), Heidenreichstein (-61), Brand-Nagelberg (-105) und vor allem Schrems (-185). In der Granitstadt will daher bei Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ) trotz des wieder erlangten Throns der größten Gemeinde im Bezirk keine Freude aufkommen. -76 Haupt- und -42 Nebenwohnsitzer, +5 Todesfälle, -12 Geburten – wie in Gmünd entwickelte sich auch in Schrems keiner der vier Eckpfeiler positiv.

Wie Rosenmayer will auch Harrer das Positive vor das Negative stellen – Zuzug auch junger Familien in Stadt und den Katastralgemeinden, reges Interesse an Baugründen und an Wohnraum. Für das „Junge Wohnen“ wird wie berichtet am Ort des früheren Bergkindergartens die nächste Etappe vorbereitet, der Wohnpark muss laufend ausgebaut werden. In Gebharts und Kottinghörmanns soll Bauland aufgeschlossen werden.

„Vorsichtig positiv“ bewertet auch Weitras Bürgermeister Raimund Fuchs (ÖVP) die Entwicklung in seiner Gemeinde, trotz negativer werdender Geburtenbilanz gab es nur minus vier Einwohner. Immer wieder würden leer werdende Gebäude von neuen Familien bezogen, der Hausbau schreite auch in den Katastralgemeinden voran, eine fünfte Kindergartengruppe ist nötig geworden. Steigende Kommunalsteuer-Erträge sieht er als Bestätigung dafür, dass es mit den Betrieben aufwärts geht: „Das Gesamtpaket passt. Wichtig wird, dass jetzt auch das Wohnprojekt Bergzeile realisiert wird. Die Nachfrage nach Wohnungen ist absolut vorhanden.“

Mitarbeit: Sonja Eder