Gmünd

Erstellt am 10. Januar 2018, 04:03

von Markus Lohninger und Thomas Weikertschläger

Landtagswahl: „Abwanderung wird gefördert“. Die Spitzenkandidaten im Bezirk Gmünd über Ausbildung & Perspektiven für junge Menschen in der Region.

Margit Göll, Viktoria Prinz, Walter Hoffmann und Manfred Stattler  |  zVg

Der Bereich Bildung und Perspektiven für junge Menschen im Bezirk ist eines der Hauptthemen unserer Spitzenkandidaten im Wahlkampf. Wie wird die Situation bewertet? Wo werden die Chancen, wo die Probleme gesehen? Die NÖN hat sich umgehört.

Der hohen Dichte an Industrie-Arbeitsplätzen für oft hochqualifizierte Fachkräfte stehe in der Region Gmünd-Schrems nicht ausreichend ausgebildetes technisches Personal gegenüber, beklagt SPÖ-Spitzenkandidatin Viktoria Prinz: Entsprechende Ausbildungs-Angebote würden fehlen, „wer sich für eine technische oder technologische Ausbildung interessiert, muss nach Hollabrunn, Krems, St. Pölten, Wien oder Freistadt ausweichen. Damit wird die Abwanderung junger Menschen gefördert.“

Zugleich habe das Waldviertel ein Überangebot an Handelsakademien. Sie fordert neben mehr Aufklärung zum Job-Angebot in der Heimat und der Förderung des Interesses an technischen Berufen vor allem bei Mädchen („um junge Frauen weg von unterbezahlten typischen Frauenberufen zu bringen“) eine höhere technische Lehranstalt bzw. „adäquate Schwerpunktsetzungen“ in den Handelsakademien.

„Alarmglocken“ wegen Schulpendler-Massen

Letzteres sei bereits am Weg zur Umsetzung, sagt ÖVP-Spitzenkandidatin Margit Göll. Jeder HAK-Standort im Waldviertel soll wie berichtet ab nächstem Schuljahr einen anderen Schwerpunkt bekommen, jener für Gmünd ist Logistik. Göll: „Gute Firmen benötigen gute Mitarbeiter. In Zusammenarbeit mit den Betrieben wird überlegt, was der Bezirk braucht. Wir wollen alles tun, um junge Leute zu halten und die Schul-Standorte absichern zu können.“

Die von Prinz angesprochene Gefahr der Abwanderung infolge einer Schul-Ausbildung in weiter Ferne sieht auch Göll. 50 Schulbus-Sitzplätze reichen wie in der NÖN berichtet bereits nicht mehr aus, um alle jungen Menschen aus dem Bezirk Gmünd ins oberösterreichische Freistadt zu karren. Die Berichterstattung habe bei ihr „die Alarmglocken schrillen lassen“, man müsse den Ursachen dafür auf den Grund gehen und die Art der Bewerbung in unseren Mittelschulen unter die Lupe nehmen, weil damit tatsächlich Abwanderung produziert werde.

„Unser Ziel muss es sein, Schüler im Bezirk zu halten, wir müssen mehr in sie hineinhören, ihre Interessen und Bedürfnisse aufgreifen. Da liegt noch viel Arbeit vor uns“, sagt Göll. Genauso sieht sie noch Bedarf für Maßnahmen, junge Menschen ohne Abschluss mit Weiterbildungs-Programmen zu fördern. Auch will sie an einer Image-Korrektur der Polytechnischen Schule und des Lehrberufes mitarbeiten.

In dieser Hinsicht stimmt FPÖ-Spitzenkandidat Walter Hoffmann mit Göll überein. Man müsse stärkeres Augenmerk auf die „Lehre mit Matura“ legen. Immer mehr Schüler würden ins Gymnasium, immer weniger in eine Mittelschule gehen – „nach der Gym-Matura bleibt aber nur das Abwandern nach Wien zum Studieren“.

Für hier bleibende junge Leute müsse wie derzeit in Gmünd die Schaffung von leistbarem Wohnraum vorangetrieben werden, dieser Aspekt sei eine wesentliche Ergänzung zum Ausbildungs- und Jobangebot in der Region. Außerdem sollten mehr Ausbildungsplätze für Lehrstellensuchende zur Verfügung stehen, sagt Walter Hoffmann: Derzeit sei es für Jugendliche schwierig, überhaupt geeignete Plätze zu finden.

Der Grüne Bezirkssprecher Manfred Stattler tritt für maßgeschneiderte Angebote der Hochschulen für Bewohner ländlicher Regionen und den Ausbau der Bildungseinrichtungen am Land ein. Letztere seien in den Städten angesiedelt, was die Erreichbarkeit für Studierende aus ländlichen Regionen erschwere und so Abwanderung fördere.

Stattler: Auch Zuzug für Ausbildung möglich

Eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen hält er für wünschenswert. Und, so Stattler: Gymnasien sollten sich auf die Oberstufe konzentrieren und aufbauend auf die Mittelschule Bildungswege zur Matura anbieten. Das Lehrstellenangebot in Klein- und Mittelbetrieben müsse mit Unterstützung des Landes angehoben, Lehre mit Matura gefördert werden. Die BHS seien mit ihren neuen Schwerpunktsetzungen auf einem guten Weg. Drohenden Fachkräftemangel und Überalterung müsse eine Ausbildungsoffensive entgegengesetzt werden, die einen Zuzug von Ausbildungswerbern ermöglicht. „Vor allem Klein- und Mittelbetriebe müssen dabei von der öffentlichen Hand unterstützt werden“, so Stattler.

Neos-Spitzenkandidat Patrick Kernstock will die Lehre als praxisnahe, kombinierte, modular aufgebaute Ausbildung im Betrieb und Berufsschule, forcieren. Das ermögliche jungen Menschen, später in einen anderen Beruf umzusteigen oder sich einem Studium zu widmen. Schulen und Betriebe sollten in der Region verstärkt kooperieren, um Schülern eine Karriere in der Heimat aufzuzeigen. Um Abwanderung vorzubeugen, müsse es zudem eine übergeordnete Planung für die gemeinsame Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten geben. Außerdem müsse es leichter werden, unternehmerisch tätig zu sein. Das schaffe Arbeitsplätze.

Man müsse aber, mahnt VP-Abgeordnete Göll, bei aller Problemforschung auch das Positive sehen. Grundsätzlich sei der Bezirk gut aufgestellt, rüste sich mit der Ausbildung in Sozialberufen für den „stark steigenden Bedarf“, biete konstant hohe Lebensqualität und habe etwa in Sachen Kinderbetreuung sehr positive Entwicklungen. SP-Kandidatin Prinz geht das nicht weit genug: Sie kritisiert das Ende der Englisch-Förderung des Landes in Kindergärten, ihrer Ansicht nach müssen Nachmittags-Betreuung (durch zumindest ein verschränktes Ganztagsschul-Angebot im Bezirk für Familien ohne Betreuungs-Option) und Klein(st)kinderbetreuung kräftig ausgebaut werden.