Gmünd

Erstellt am 14. Februar 2018, 06:00

von Markus Lohninger

Der lange Weg zurück zum Doktortitel. 2006 wurde Gmünder Zahnarzt Radenkovic der in Serbien erworbene Doktortitel weggenommen. Nach zwölf Jahren: Triumph vor Gericht!

Erleichtert: „Dr. Zoran Radenkovic“ dankt seinem Anwalt Robert Schwarz (rechts) und der NÖGKK als seinem Arbeitgeber.  |  M. Lohninger

„Ich habe als Doktor zu arbeiten begonnen, und ich wollte als Doktor in den Ruhestand gehen“, sagt Zoran Radenkovic. Nach zwölf aufreibenden Jahren im österreichischen Bürokratie-Dschungel und einem für Österreich beispielhaften Prozess gegen seine eigene Standesvertretung wird das der Arzt am Zahnambulatorium der Gebietskrankenkasse in Gmünd auch tun dürfen: Er ist nun wieder „Doktor Radenkovic“ – und nicht mehr nur „Zahnarzt Radenkovic“, landläufige Bezeichnung früherer Dentisten.

„Ich schlitterte in eine psychische Krise mit Burn-out und Depressionen. Die Sache musste zu Ende gehen – so konnte es nicht weiter gehen.“ Zoran Radenkovic

Mit seinem Sieg vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen die Zahnärztekammer, die ihm den Titel seit Anfang 2006 bei unveränderter Berufsbefähigung aberkannt hatte, hat er nun mit Anwalt Robert Schwarz auch gleich den Weg freigemacht für weitere Zahndoktoren aus Teilen Ex-Jugoslawiens, die wie er zu Unrecht um ihre akademische Würde gebracht wurden.

Zurück zum Start: Abschluss an Elite-Uni.

Um die filmreife Geschichte über „Dr. Radenkovic“ und den rot-weiß-roten Amtsschimmel zu erzählen, geht es zunächst weit in die Vergangenheit zurück. An einem Junitag im Jahr 1986 hatte der junge Serbe das Diplom als „Doktor der Zahnheilkunde“ an der Uni Belgrad im damaligen Jugoslawien erlangt. Er war zurecht stolz darauf, die Zahnmedizinische Fakultät der Hauptstadt hatte es gerade in die Top-5 im weltweiten Zahnuni-Ranking der Weltgesundheits-Organisation (WHO) gebracht. Der Abschluss hatte seinen Wert.

Dann kamen die politischen Unruhen, die das Nationengefüge veränderten. 1999, Belgrad stand inmitten des blutigen Kosovo-Konflikts, verließ Radenkovic mit seiner Familie und zwei kleinen Kindern seine Heimat. Im Juni erhielt er vom Wissenschafts-Ministerium nach intensiver Prüfung die Bescheinigung über eine Qualifikation, die jener von Zahnärzten in Österreich entspreche. Er landete via Baden in Gmünd, wo gerade die Stelle am Zahnambulatorium der Krankenkasse frei war, baute hier eine neue Existenz auf.

Das verflixte siebente Jahr.

Das ging etwas mehr als sechs Jahre lang gut. Dann wurde die Zahnärztekammer per 1. Jänner 2006 aus der Ärztekammer gelöst.

Und siehe da: „Mir wurde der Titel sofort aberkannt. Ich durfte ihn privat führen, durfte auch meinen Beruf unverändert und ohne finanzielle Einbußen ausüben“, blickt Radenkovic zurück: „Aber in offiziellen Urkunden schien der Doktortitel nicht mehr auf, in der Zahnärzteliste stand ich nur noch als ‚ZA‘ für Zahnarzt.“ Die Beziehung mit dem Gmünder Anwalt Robert Schwarz nahm ihren Anfang. Ein Spießrutenlauf begann – ein vermeidbarer.

Gleiche Ausbildung, ungleicher Wert?

Noch 2006 hatte das zuständige Ministerium die Zahnärztekammer über das Recht auf Eintragung von akademischen Graden aus anderen EU- bzw. EWR-Staaten informiert. Als der Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde die Uni verlassen hatte, war weder Österreich noch Jugoslawien bei der EU gewesen. 2006 waren Österreich und die aus Jugoslawien hervorgegangene Republik Slowenien Teil der EU – und Slowenien beschien ihm, inzwischen österreichischer Staatsbürger, die Gültigkeit von vor 1991 in Jugoslawien erworbenen Diplomen.

Kollegen im Belgrader Abschlussjahrgang, die nach den Kriegen dem Nachfolgestaat Slowenien zufielen, dürfen laut EU-Diskriminierungsverbot automatisch in Österreich als Doktoren arbeiten – Kollegen im gleichen Abschlussjahr der gleichen Uni, die wie Radenkovic Serbien zufielen, verlieren ihren Titel trotz slowenischer Bestätigung der Gleichwertigkeit?

Das widerspricht nach Ansicht des Anwaltes einer EU-Anerkennungsrichtlinie. „Viele hundert Tätigkeiten als Anwalt, eine Unzahl an Konferenzen und Briefen an diverse Stellen“ hätten sich, so Anwalt Schwarz, angesammelt. Er lief aber gegen Windmühlen. Die Jahre zogen ins Land, die Selbstständigkeit kam für „ZA Radenkovic“ trotz regelmäßiger Zahnarzt-Suchen im Bezirk nie infrage, „niemand käme zu einem Arzt, den er für keinen Doktor hält“.

Kein Bescheid – kein Gang vor Gericht.

Vor zwei Jahren wurde die Lage kritisch. Radenkovic: „Ich schlitterte in eine Krise mit Burn-out und Depressionen. Es war klar, dass die Sache zu Ende gehen musste – so konnte es nicht weiter gehen.“ Bloß: Der rege Briefverkehr habe ihm bis da nicht einmal einen offiziellen Bescheid eingebracht. Und: „Ohne Bescheid ist kein Gang vor Gericht möglich“, sagt Schwarz.

Im März beantragte die NÖGKK als Arbeitgeber die Eintragung des Doktortitels in die Zahnärzteliste und andernfalls die Ausfolgung eines Bescheides. Der kam nach fünfmonatiger Wartezeit in negativer Form. Die Voraussetzungen seien nicht erfüllt, hieß es darin, weil Serbien als Standort der Uni Belgrad kein EU-Land sei und sich der Entscheid des slowenischen Ministeriums auf die Qualifikation und nicht den Titel beziehe.

Klarer Fall: „ZA Radenkovic“ ist wieder „Dr. Radenkovic“.

Der Bescheid ebnete Schwarz den Weg vors Bundesverwaltungsgericht Wien. Das schloss sich in der Verhandlung vor Weihnachten 2017 der Interpretation der EU-Richtlinie über die Anerkennung von Berufsqualifikationen in Verbindung mit dem Beschluss des slowenischen Ministeriums über Zeugnisse und Diplome in den jugoslawischen Republiken an.

Auch nach 2006 hätte, wie es in der Begründung heißt, die Eintragung „Dr. Zoran Radenkovic“ in die Zahnärzteliste der Österreichischen Zahnärztekammer bleiben müssen. Der Fall muss glasklar gewesen sein, die Wartezeit auf das 16-seitige Urteil betrug gerade einmal einen Tag. Die Kammer ließ die sechswöchige Einspruchsfrist soeben verstreichen, der Bescheid ist rechtsgültig.

Der berühmte Präzedenzfall – und die Frage des Schadenersatzes.

Abgeschlossen ist der Fall damit noch nicht. Im Gegenteil – er könnte als Präzedenzfall etliche Kollegen von Radenkovic wieder von „Zahnärzten“ zu „Doktoren“ machen, entweder durch ein generelles Einlenken der Kammer, oder durch nachfolgende Prozesse.

Auch für die Zahnärztekammer selbst könnte die Sache ein Nachspiel haben. Anwalt Robert Schwarz: „Wir erwägen die Vorbereitung einer Schadenersatzklage.“ Seiner Ansicht nach hat die Kammer „trotz Kenntnis der einschlägigen Bestimmungen zumindest grob fahrlässig“ gehandelt – und mitangesehen, wie ein Mensch jahrelang darunter litt, bis er dadurch krank wurde.

Und was die Kammer dazu sagt.

Warum hat sich die Zahnärztekammer zwölf Jahre lang gegen die Anerkennung der Ausbildung gewehrt und es auf den Prozess ankommen lassen? Wird sie es nach dem nicht angefochtenen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes weitere „ZA‘s“ aus Ex-Jugoslawien zu „Doktoren“ machen, oder es auch in diesen Fällen auf Prozesse ankommen lassen? Wie blickt sie einer etwaigen Schadenersatzklage aus Gmünd entgegen?

Diese Fragen der NÖN bleiben vorerst leider unbeantwortet. Seitens der Zahnärztekammer wurde für die Presse-Anfrage nämlich auf den Wiener Zahnarzt Claudius Ratschew als deren offenbar einzigen Pressesprecher verwiesen – der war urlaubsbedingt trotz mehrerer Versuche nicht erreichbar.