Erstellt am 10. Januar 2018, 05:13

von Veronika Löwenstein

AMS-Chef: „Fachkräftemangel wird sich verstärken“. Zahl der Arbeitslosen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Ursachenforschung mit dem AMS-Geschäftsstellenleiter.

Geschäftsstellenleiter Manfred Nowak im AMS-Eingangsbereich, wo man am Computer auf Jobsuche gehen kann.  |  Löwenstein

Das Wirtschaftswachstum ist auch im Bezirk Korneuburg angekommen: Ab der zweiten Jahreshälfte 2017 stiegen die Beschäftigungszahlen, während die Zahl der Jobsuchenden zurückging. Zum Jahreswechsel waren aber noch immer 3.075 Menschen im Bezirk Korneuburg auf Arbeitssuche, und die Zahl der Beschäftigungslosen hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt. AMS-Geschäftsstellenleiter Manfred Nowak spricht über die Ursachen.

NÖN: Durchschnittlich waren im letzten Jahr 2.763 Menschen im Bezirk arbeitslos. Im Jahr 2008 waren es 1.386. Was ist in dieser Zeit passiert?

Manfred Nowak: Grundsätzlich muss man sagen, dass diese Entwicklung in unserem Bezirk nicht anders als im Rest von Österreich ist. Das Arbeitskräftepotenzial ist größer geworden. Den größten Brocken macht aber die Pensionsreform mit der abgeschafften Frühpension aus. Ein bisschen etwas kommt von der Ostöffnung. Bei uns kommt noch hinzu, dass Gerasdorf dazugekommen ist, das macht in etwa 350 Arbeitslose aus.

In einem NÖN-Gespräch vor fünf Jahren haben Sie gesagt, Sie glauben daran, diesen Wert von 2008 wieder erreichen zu können. Glauben Sie das noch immer?

Nowak: Nein, das glaube ich nicht mehr. Das ist unrealistisch.

Haben wir den Plafond erreicht?

Nowak: Ja, das denke ich schon. In den nächsten Jahren wird die Arbeitslosigkeit zurückgehen. Es wird jetzt besser, weil die geburtenstarken Jahrgänge vorbei sind. Ich sehe auch bei uns im Osten jetzt einen Aufschwung, wenn auch nicht so stark wie im Westen Österreichs. Die Frage ist, ob der Rückgang der Arbeitslosen alle in gleicher Weise betrifft. Der Fachkräftemangel wird sich verstärken, wenn die Konjunktur anspringt. Die Frage ist, ob das die Gruppe 50 plus betrifft.

Die Gruppe der über 50-Jährigen macht mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen aus. War das schon immer so krass?

Nowak: Im letzten Jahr betrug der Anteil der über 50-Jährigen 38 Prozent. Im Jahr 2008 waren es 22 Prozent. Der Grund ist die Pensionsreform. Alle, die früher befristet arbeitsunfähig waren, sind jetzt bei uns gemeldet.

Woran liegt es, dass ältere Menschen schwer einen Job finden?

Nowak: Da spielen mehrere Dinge eine Rolle. Einerseits das Lohnniveau: Kollektivverträge sehen höhere Gehälter für Ältere vor. Viele haben sich in ihren Betriebskarrieren ein Wissen angeeignet, das in anderen Betrieben nicht gefragt ist. Und dann ist da noch die Skepsis der Betriebe.

Wie leid ist Ihnen in diesem Zusammenhang um die Beschäftigungsaktion 20.000, die die neue Regierung abschaffen will? Die Aktion war ja für langzeitarbeitslose Menschen über 50 Jahre gedacht ...

Nowak: Es ist schade, weil es doch eine relativ große Personengruppe betrifft. Bei uns sind es 500 Personen, die in diese Zielgruppe hineinfallen. Die Anforderung war, 230 Dienstverhältnisse im Bezirk zu schaffen. Wir waren mitten im Planen. Wir haben den Gemeinden Hoffnungen gemacht und den Personen, dass sie einen Job finden. Das war verlorener Aufwand.

Durchschnittlich gab es 2017 330 offene Stellen, fast doppelt so viele wie 2016. Woran scheitert es, dass man keine passenden Bewerber findet?

Nowak: Weil die Stellen nicht dem entsprechen, was an Arbeitslosen am Markt ist. Oder es sind Stellen, die aus verschiedenen Gründen nicht attraktiv sind.

Hängt das mit den Arbeitszeiten zusammen? Den klassischen 9-to-5-Job gibt es ja nicht mehr ...

Nowak: Ja, aber das ist noch nicht in der Gesellschaft angekommen.