Amstetten

Update am 17. April 2018, 08:01

von Doris Schleifer-Höderl

Fall Fritzl: Zehn Jahre später. Karl Gschöpf beschützte 2008 als Polizist die Opfer von Josef Fritzl. In der NÖN erinnert er sich.

In diesem Verlies hielt Josef Fritzl (Bild aus 2008) seine Tochter und die gemeinsamen Kinder gefangen.  |  LKA NÖ

Am 26. April 2008 kam in Amstetten einer der unglaublichsten und schrecklichsten Kriminalfälle überhaupt ans Tageslicht.

Josef Fritzl hatte seine Tochter Elisabeth vom 28. August 1984 bis 26. April 2008 im Keller seines Wohnhauses in der Ybbsstraße gefangen gehalten, regelmäßig vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt.

Einer, der 2008 hautnah an den Geschehnissen dran war, ist der damalige Inspektionskommandant von Ulmerfeld Hausmening, Karl Gschöpf. „Meine neun Kollegen und ich waren damals eineinhalb Monate dazu eingeteilt, neben dem Regeldienst Elisabeth und ihre Kinder im Landesklinikum Mauer zu bewachen – und zwar rund um die Uhr“, berichtet der Polizeibeamte, der inzwischen im Ruhestand ist.

„Wir wurden kurzfristig darüber informiert. Es war für uns Beamte, aber natürlich besonders für die Opfer eine Ausnahmesituation, mit der wir alle aber rasch umzugehen lernten“, erinnert sich Gschöpf.

Als Exekutivbeamter hatte ich schon einiges erlebt, aber so etwas hätte ich mir niemals vorstellen können. Karl Gschöpf

Noch heute ist er von der Persönlichkeit der damals 42-jährigen Elisabeth stark beeindruckt. „Man muss sich das einmal vor Augen führen, 24 Jahre dieses Martyrium! Wissend, dass einen Stock höher das normale Leben ist und hier unten die Hölle herrscht. Als Exekutivbeamter hatte ich schon einiges erlebt, aber so etwas hätte ich mir niemals vorstellen können. Das war auch für mich völlig surreal.“

Karl Gschöpf und seine neun Kollegen erlebten Elisabeth F. als „extrem starke, gefestigte Frau, die sich rührend um ihre Kinder kümmerte“. Ein bleibendes Erlebnis für die Polizisten waren die ersten Spaziergänge mit den jahrelang Eingesperrten auf dem Klinikgelände. „Eine Katze, ein Vogel – das alles war ihnen ja nur aus dem Fernsehen bekannt. Jetzt sahen sie sie zum ersten Mal in natura und es war sehr berührend, wie sie darauf reagierten.“

Presse: „Aufpassen wie die Haftelmacher“

Ihren Dienst versahen die Exekutivbeamten immer in Zivilkleidung und sie versuchten mit viel Einfühlungsvermögen, Elisabeth und ihren Kindern die ersten Schritte in Freiheit zu ermöglichen.

„Zunächst waren sie auf Pavillon 6, der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht, danach in der Nähe des Küchentrakts. Unsere Aufgabe war es vor allem natürlich auch, die internationale Presse von ihnen fernzuhalten. Da mussten wir wirklich aufpassen wie die Haftelmacher“, berichtet Gschöpf. Einmal sei ein ausländischer Journalist sogar auf einen Baum geklettert, um auf das Klinikgelände zu kommen. „Den haben wir aber rasch wieder runtergeholt!“

Gut in Erinnerung ist ihm natürlich auch noch die regelrechte Belagerung des Fritzl-Hauses in der Ybbsstraße. Dort standen täglich Dutzende Übertragungswagen und eine Hundertschaft von Journalisten war auf der Jagd nach Information. „Auch ich selbst wurde regelrecht mit Anfragen bombardiert. Eines Tages stand sogar eine Journalistin der britischen Boulevardzeitung Daily Mirror vor meinem Haus und läutete um 7 Uhr in der Früh Sturm, weil sie mich interviewen wollte. Ich habe ihr aber rasch klargemacht, dass sie da am falschen Dampfer fährt.“

Karl Gschöpf mit dem NÖN-Bericht über das Dankes-Plakat von Elisabeth und ihren Kindern und dem Brief einer Daily-Mirror-Reporterin.  |  Doris Schleifer-Höderl

Unvergesslich bleibt für Karl Gschöpf der Besuch, den Elisabeth F. und ihre Kinder am 6. August 2008 der Polizeiinspektion in Ulmerfeld abstatteten. „Nach uns hat ja eine Securityfirma die Überwachung der Familie übernommen, aber Elisabeth und die Kinder wollten sich bei uns bedanken.“

Bis heute steht Karl Gschöpf in Verbindung mit einem von Elisabeths Söhnen. „Er ruft mich öfter an und auch zu Elisabeth habe ich noch sporadisch Kontakt. Ich habe ihr gerade erst zum Geburtstag geschrieben.“

Laut Gschöpf hat die Familie inzwischen in ein normales Leben gefunden: „Ich wünsche ihr alles Glück der Welt.“