Erstellt am 13. Februar 2018, 02:53

von Nina Pöchhacker

Je mehr Siegel, desto besser? . Statt das Vertrauen in Produkte zu erhöhen, führt die Vielzahl an Kennzeichnungen zu Verwirrung.

47 Prozent der Österreicher achten laut Greenpeace beim Einkauf von Lebensmitteln auf Gütezeichen.    |  Rido/Shutterstock.com

Prüfzeichen, Gütesiegel und Zertifizierungen sind für ein Drittel der Konsumenten ausschlaggebend, um ein Produkt zu kaufen. Das ergab eine Erhebung der Agrarmarkt Austria. Wer einen genaueren Blick auf die Verpackung von Joghurt, Apfelsaft und Co. wirft, wird mit einer Vielzahl von Kennzeichen konfrontiert. 103 mögliche Gütesiegel gibt es in Österreich, die für die verschiedensten Qualitätskriterien stehen.

Gütezeichen werden von Konsumenten zwar als Erstes mit „bio“ oder „nachhaltig“ in Verbindung gebracht, verliehen werden sie aber beispielsweise auch für das Einhalten von Hygienevorschriften oder nur bei Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. Prüfzeichen stehen immer für eine Qualitätskontrolle – aber in welchem Bereich und mit welchem Anspruch ist beim schnellen Griff ins Regal oft unklar. Für mehr Orientierung im Gütesiegel-Dschungel prüft beispielsweise der Verein für Konsumenteninformation (VKI) oder Global 2000 die Kriterien und Vergabe der Kennzeichen.

„Wenn es dann gerade einen Trend gibt, springt man auf. Egal, ob das für das Produkt sinnvoll ist.“ Martin Wildenberg, Global 2000

Kennzeichen werden im übersättigten Lebensmittelmarkt inflationär verwendet. „Labels, Gütesiegel und Zertifizierungen sind eine klassische Möglichkeit, sich abzuheben und zu zeigen, dass man ein besonderes Produkt hat“, so Martin Wildenberg, Nachhaltigkeitsexperte von Global 2000. „Da geht es dann aber leider oft nicht mehr um Sinnvolles. Wenn es dann gerade einen Trend gibt, springt man auf. Egal, ob das für das Produkt, die Umwelt oder den Konsumenten sinnvoll ist.“

Die Ansprüche von vielen Supermarkt-Eigenmarken wie etwa „Ja! Natürlich“ oder „Zurück zum Ursprung“ sind strenger als jene des EU-Biosiegels, abgedruckt werden aus rechtlichen Gründen immer beide. Dazu kommen kann noch das Zeichen „ohne Gentechnik hergestellt“, das „Bio-Austria-Kennzeichen“ und ein Herkunftsnachweis, wie das AMA-Gütesiegel.

„Es überschneidet sich vieles. Insgesamt ist es für Konsumenten unbefriedigend, weil zu viel auf der Verpackung steht und die Zeichen alle unterschiedliche Kriterien haben“, beschreibt Birgit Beck die Situation aus Sicht des VKI. Das führe auch zu einer gewissen Verwirrung: Die meisten Konsumenten fragen, ob man einer Bio-Marke vertrauen kann. Bei Produktbezeichnungen „biologisch“ und „ökologisch“ kann man sich als Verbraucher sicher sein, dass die Mindeststandards des EU-Biosiegels erfüllt sind. „Natürlich“, „nachhaltig“ oder „kontrollierter/umweltgerechter Anbau“ kann auf Erzeugnissen konventioneller Produktion stehen. Als Lösung plädiert der VKI für eine Reduzierung der Zeichen.

"Ein Drittel der Gütezeichen sei nicht vertrauenswürdig"

Probleme bei Gütezeichen stellt auch Greenpeace fest. In ihrem aktuellen Report „Zeichen-Tricks“ wurden 26 Kennzeichnungen von Lebensmitteln genauer unter die Lupe genommen. Insbesondere in Bezug auf Umwelt-, Tierschutz- und Sozialkriterien und die Vertrauenswürdigkeit. Das Ergebnis: Ein Drittel der Gütezeichen sei nicht vertrauenswürdig oder sogar ökologisch kontraproduktiv.

Ein Negativbeispiel ist beispielsweise Garantiert traditionelle Spezialität, weil so Greenpeace-Konsumentensprecherin Nunu Kaller, „das Zeichen fälschlicherweise für ein Herkunftszeichen gehalten wird, das für Regionalität steht. Es geht jedoch nur um die Produktionsart“.

Schlecht abgeschnitten haben auch die Meeresfisch-Siegel MSC und ASC. Das Marine Stewardship Council, welche das bekannte MSC-Siegel vergibt, kritisiert den Greenpeace-Ratgeber für die Einstufung als „nicht vertrauenswürdig“. Unabhängige Analysen würden zeigen, dass das MSC-Siegel alle Kriterien erfülle. Die NGO jedoch, bekräftigt ihre Einschätzung erneut, denn es gebe derzeit kein Zertifizierungssystem, das nachhaltigen Fischfang garantieren könne.

Greenpeace fordert, dass Gütezeichen, die der Umwelt mehr schaden als nützen, vom Markt verschwinden. Um mit einem Nachhaltigkeitszeichen werben zu dürfen, müssten bestimmte Punkte erfüllt werden: Die Standards sollten über die üblichen Bedingungen hinausgehen und der Nutzen müsse durch eine unabhängige Stelle geprüft werden.