Erstellt am 07. Februar 2014, 07:00

von Martin Gebhart

Zerrissene Gesellschaft. NÖN-Interview / Der neue Caritas-Präsident Michael Landau über Spannungen in der Gesellschaft, freiwilliges Engagement und den ermutigenden Papst Franziskus.

Foto: APA  |  NOEN, APA/Rupprecht@kathbild.at
Von Martin Gebhart

NÖN: Die Caritas gilt als gesellschaftlicher Seismograph. Wie sieht es aus, sind die Spannungen größer geworden?
Landau: Was wir sehen, ist, dass es in unserer Gesellschaft Spannungen gibt. Als Organisation, die jeden Tag mit Menschen an den Rändern der Gesellschaft zu tun hat, äußert sich das darin, dass wir sehen, es gibt sehr oft Menschen, die nicht mit dem vollen Tempo mithalten können, die durch den steigenden wirtschaftlichen Druck in Lebenslagen kommen, die sie aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen können. Da fordern wir Aufmerksamkeit ein. Ich sehe das in den 36 Sozialberatungsstellen österreichweit, ich sehe das in den Obdachloseneinrichtungen, in den Familienzentren und an vielen anderen Stellen. Gerade auch die jüngsten Armutszahlen, die offiziell von der Republik veröffentlicht worden sind, machen dieses Auseinanderwachsen deutlich.

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Ein Auseinanderwachsen wegen des wirtschaftlichen Drucks oder wegen des Tempos, das in der Gesellschaft gegangen wird?
Österreich hat die Wirtschaftskrise bisher besser überstanden als viele andere Länder. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass auch bei uns viele Familien zum Ende des Monats vor der Frage stehen, ob sie jetzt heizen oder essen sollen. Das muss uns als Gesellschaft schon hellhörig stimmen. Uns geht es als Caritas immer um die Menschen hinter den Zahlen. Es sind immer die gleichen Gruppen, die zu uns kommen. Das sind Alleinerzieherinnen, es sind Langzeitarbeitslose, es sind kinderreiche einkommensschwache Familien, es sind Migrantenhaushalte. Da glaube ich, dass wir noch nicht am Ende der Krise sind.

„Was Papst Franziskus tut, ist ungeheuer ermutigend“

Dabei gelten wir als zweitreichstes Land in Europa?
Es geht uns miteinander gut, und genau das macht deutlich, wir können etwas ändern, wenn wir es wollen. Es ist nicht zuerst eine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens.

Hat das Wollen abgenommen?
Ich glaube, es gibt im Grunde in unserem Land einen guten Grundwasserspiegel der Nächstenliebe. Das zeigt sich auch bei den rund 35.000 Freiwilligen, die im Bereich der Caritas aktiv sind. Wir sehen auch in der Arbeit in Niederösterreich jeden Tag, wie viel an regionaler Solidarität da ist. Wenn ich etwa an unsere Behinderteneinrichtungen wie jene in Retz denke. Wie selbstverständlich unsere Klienten hier zum Alltag gehören, wie viel an Aufmerksamkeit und an Zusammenhalt da ist. Das ist für mich etwas sehr Ermutigendes. Das ist etwas, worum wir uns bemühen, wenn wir zum Beispiel in unseren Einrichtungen überall Behindertenvertreter gewählt haben, die dann sogar im Landhaus empfangen wurden. Ich glaube, genau diese Begegnungen auf Augenhöhe sind ganz wichtig, um den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu stärken.

Wie viel Rückenwind erfährt die Caritas durch den neuen Papst?
Das, was Papst Franziskus sagt, mehr noch, was er tut, ist ungeheuer ermutigend. Der Papst macht deutlich, der Platz der Kirche ist an der Seite der Armen. Ich bin sehr froh, weil er den richtigen Platz der Kirche zeigt. Während vielleicht manches in der Debatte der vergangenen Jahre auf Nebenfragen fokussiert worden ist, glaube ich, dass er jetzt sagt, dass die Hauptfragen des Evangeliums andere sind. Das sind Fragen, wie wir Menschen miteinander umgehen, wie wir aufeinander achten, wie wir unser Zusammenleben gestalten. Und wie wir Rücksicht nehmen auf die, in denen uns Christus auch heute noch begegnet, die Armen.