Erstellt am 11. Oktober 2017, 06:31

von Daniel Lohninger

Prothesen aus dem 3D-Drucker. Der St. Pöltner Karl Neulinger entwickelte mit schwedischen Forschern ein System, das individuelle Implantate produziert.

Karl Neulinger entwickelt mit einem schwedischen Forscherteam Prothesen und Implantate im 3D-Druckverfahren.  Dieses Netzimplantat für Knochen wird im 3D-Druckverfahren hergestellt.  |  Lohninger

Ärzte und manche Patienten kennen das Problem: Ein neues Hüftgelenk wurde implantiert, die Operation verlief gut – und dennoch gibt es Beschwerden.

Die Ursache dafür liegt oft in Abweichungen von wenigen Millimetern, die dafür sorgen, dass das Zusammenspiel aus Implantat, Knochen, Nerven und Sehnen nicht reibungslos funktioniert.

St. Pöltner fand Lösung im 3D-Druck

Der St. Pöltner Karl Neulinger hat mit einem schwedischen Forscherteam und den gemeinsam gegründeten Unternehmen AIR und AIM Sweden die Lösung im 3D-Druck gefunden: Ein spezielles Verfahren macht es möglich, die Titan-Endoprothese auf Grundlage von CT-Bildern auf Mikrometer genau und abgestimmt auf die Knochenstruktur des Patienten zu drucken.

Basis dafür ist das sogenannte Pulverbettverfahren: Dabei wird durch Elektronenstrahltechnologie im Vakuum innerhalb weniger Tage aus Titan-Pulver eine Prothese gedruckt – punktgenau nach der auf dem Computer erstellten Konstruktion. „In einigen Jahren werden dafür nur mehr Stunden notwendig sein“, erklärt Neulinger.

Viele Vorteile durch 3D-Druck

Die Vorteile des Druckverfahrens sind nicht nur, dass die Prothesen um ein Drittel leichter sind und sich genau an den Knochen anpassen lassen. Sondern auch, dass die Operation durch die genaue Passform nicht einmal die halbe Zeit in Anspruch nimmt und sich die Bohrlöcher so anordnen lassen, dass die Schrauben nicht auf Nerven oder Sehnen drücken.

Mittels 3D-Druck lassen sich zudem Probleme lösen, die bisher unlösbar schienen – beispielsweise, dass Hüftprothesen zu punktuellen Belastungen im Knochen, in dem sie verankert sind, führen.

„Vor allem bei Osteoporose-Patienten bringt das mit sich, dass die neue Hüftprothese oft schon bald schmerzt und der Knochen mitunter auch bricht“, führt Neulinger aus.

Netzimplantant löst Problem

Die Antwort der 3D-Druck-Pioniere: Ein Netzimplantat, das im Knochen dafür sorgt, dass sich der Druck nicht auf wenige Punkte, sondern auf tausende verteilt. „Ein Netz wie dieses an den Knochen angepasst zu produzieren, ist bisher nicht möglich gewesen“, erklärt Neulinger.

In schwedischen Universitätskliniken wurden im 3D-Druck hergestellte Prothesen bereits mehrere dutzend Mal implantiert, die Märkte in Deutschland und in den USA sollen in den nächsten Monaten in Angriff genommen werden.

Arbeiten in Schweden, leben in St. Pölten

Doch warum gründet ein Ur-St. Pöltner mit schwedischen Forschern in Schweden ein Start-up, das genauso in den USA, in Deutschland oder in Österreich gegründet werden hätte können?

Die Antwort: Weil Neulinger im Zuge seiner früheren Tätigkeit in der Metallindustrie auf die schwedische Universitäts-Stadt Östersund und ihre Vorreiterrolle bei der Materialforschung aufmerksam wurde. Im Zuge der Schaffung eines neuen Businessparks in der 50.000-Einwohner-Stadt bot sich vor etwas mehr als zwei Jahren dann die Gelegenheit, das universitäre Know-how mit einem Start-up-Unternehmen zu kombinieren.

Neue internationale Arbeistwelt

Der berufliche Schwerpunkt in Schweden und der private Lebensmittelpunkt in St. Pölten sind für Neulinger kein Widerspruch, sondern Ausdruck der neuen internationalen Arbeitswelt: Mit Video- und Telefonkonferenzen, aber auch dem ständigen Datenaustausch via E-Mail lassen sich Projekte starten, entwickeln und umsetzen.

„Ich bin pro Monat nur ein paar Tage in Schweden. Die anderen Tage arbeite ich von Zuhause oder von allen möglichen Orten in Europa aus“, berichtet Neulinger.

Schon in einigen Jahren, ist Neulinger sicher, wird sich der 3D-Druck in der Medizintechnik auch in Österreich durchsetzen. Dann, wenn Prothesen, die mittels 3D-Druck erzeugt werden, serientauglich sind.