St. Pölten

Erstellt am 13. Februar 2018, 05:56

von Nadja Straubinger

Aufklärung statt Straf-Anhebung. Regierung will längere Strafen für Sexual-Delikte. St. Pöltner Experten: „Sollte eher an Prävention gearbeitet werden.“

Symbolbild  |  271 EAK MOTO/Shutterstock.com

Eine Erhöhung des Strafmaßes für Sexual-Delikte wird derzeit in der Regierung diskutiert. In St. Pölten sehen Experten diese Entwicklung kritisch, schließlich werde das aktuelle Rahmen schon nicht ausgeschöpft.

„Bei etwa 80 Prozent unserer Frauen ist auch sexuelle Gewalt im Spiel“, betont Haus-der-Frau-Leiterin Maria Imlinger. Bei den meisten stellt sich das aber erst im Laufe der Zeit heraus, wenn sie Vertrauen geschöpft haben. „Es ist ein großer Tabubereich, weil es Frauen in ihrem Innersten trifft“, weiß Imlinger.

Sie denkt, dass die Anzahl der betroffenen Frauen über die Jahre gleichgeblieben ist. Was sich aber geändert hat: „Die Wahrnehmung. Frauen glauben nicht mehr, dass sie das mitmachen müssen.“ Obwohl im Haus der Frau eine Anzeige empfohlen wird, melden die Betroffenen oft nur die Gewalt, nicht aber die Sexual-Delikte.

„Die Wahrnehmung hat sich verändert. Frauen glauben nicht mehr, dass sie das mitmachen müssen.“

Maria Imlinger, Haus der Frau

Von einer Veränderung der Wahrnehmung spricht auch die Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums „die Möwe“ Irene Kautsch: „Betreuende Personen reagieren heute schneller auf Symptome, die sich bei betroffenen Kindern und Jugendlichen zeigen.“

Laut einer Untersuchung nehme die sexuelle Gewalt ab, die Dunkelziffer sei aber sehr hoch. Kautsch betont: „Eine Anhebung der Strafe bringt nicht so viel, weil es Probleme bei der Beweisfindung gibt.“ Das aktuelle Strafmaß werde oft nicht ausgeschöpft. Außerdem mache die Anzeige für Kinder und Jugendliche die Situation noch schlimmer, denn: „Im Grunde wollen sie nur, dass es aufhört. Für Kinder ist es oft gar nicht wichtig, dass die Person, die ihnen meistens nahe steht, bestraft wird.“

  Prävention in Form von Aufklärung

  Das sieht auch der Psychologe Norman Schmid so: „Etwa 80 Prozent der sexuellen Übergriffe finden in der Familie, bei Bekannten oder Nachbarn statt. Diese anzuzeigen fällt vielen Betroffenen schwerer als bei Fremden“ Schmid könnte sich vorstellen, dass ein präventiver Effekt durch die Erhöhung des Strafmaßes eintritt. Er gibt aber auch zu bedenken, dass das Hauptproblem die Dunkelziffer sei. „Da der Großteil der Übergriffe im vertrauten Umfeld geschieht, sollte in diesen Bereichen stärker sensibilisiert werden“, sagt Schmid.

Dem pflichtet auch Psychotherapeutin Bettina Brückelmayer bei. „Es sollte eher an der Prävention in Form von Aufklärung, Wachsamkeit und der Verordnung von Psychotherapie gearbeitet werden.“ Für Kinder und Jugendliche sollte diese ihrer Meinung nach frei sein.

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