Haag

Erstellt am 22. Januar 2019, 04:51

von Peter Führer

„Gewalt wird vernichtender“. Fünf Frauenmorde erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Symbolbild  |  271 EAK MOTO/Shutterstock.com

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die fünf Morde – vier davon in Niederösterreich – gemeinsam haben.

Oft gibt es besondere Risikofaktoren, die im schlimmsten Fall und unter besonderen Umständen leider auch zu den schlimmsten Taten führen können. „Ein erstes Warnzeichen sind Aggressionen gegen Tiere oder Gegenstände. Da sollte man schon genauer hinschauen. Kommen dann starke Krisen dazu, etwa durch den Verlust der Arbeit, Geldprobleme, Alkohol- oder Drogenabhängigkeiten oder psychische Krankheiten, dann kann es unter Umständen eskalieren“, erklärt Maria Reichartzeder vom Frauenhaus Amstetten.

Die gefährlichsten Zeiten für Frauen sind jene während der Trennungsphase. Vor allem in diesem Zeitraum passieren die meisten Gewalttaten. „Oft haben wir das Gefühl, dass Frauen unterschätzen, was passieren kann. Vor allem, wenn Gewalt vorher schon regelmäßig vorkommt“, so Reichartzeder. Eine Möglichkeit der Schutzmaßnahme sind Betretungsverbote. 2018 wurden laut NÖ Gewaltschutzzentrum im Bezirk inklusive Waidhofen/Ybbs 120 derartige Betretungsverbote ausgesprochen.

Reichartzeder hat den Eindruck, dass das Ausmaß der Gewalt ansteige. „Mir fällt auf, dass die Gewalt in vielen Fällen verheerender und vernichtender wird“, so Reichartzeder.

Wchtig für Frauen sei es, über Gewalt zu reden, mit Bekannten, Freunden oder auch Institutionen (siehe Infobox).

Gewalt kann viele Formen annehmen

Aufgrund der jüngsten Ereignisse stellen sich viele die Frage: Nimmt die Gewalt zu? Verroht die Gesellschaft? Diese Frage ist kaum zu beantworten, erklärt Ernst Sichart, Vorsteher des Bezirksgerichts Amstetten. „Gewalt kann von leichten Beeinträchtigungen bis zum Mord reichen. Dass da Gewalt generell zu- oder abnimmt, kann kaum jemand seriös beantworten. Selbst bei Kriminalstatistiken müsste man sich anschauen, ob nicht anders gezählt oder gewertet wird.“

Für das Bezirksgericht Amstetten könne Sichart nicht sagen, dass es vermehrt Gerichtsverfahren aufgrund von Gewalthandlungen gibt. Die Zahl der Verhandlungen schwankt, das hat aber nicht unmittelbar damit zu tun, dass sich Delikte häufen oder weniger werden. „Es kann auch sein, dass Verfahren nach hinten geschoben werden“, so Sichart. Bei der Frage, welches Geschlecht sich aufgrund von Gewalt häufiger auf der Anklagebank befindet, gibt es aber eine klare Antwort: „Die Strafverfahren sind schon extrem männerdominiert.“

Um künftigen Gewalttaten durch Männer entgegenzuwirken, gibt es unter anderem das Antigewaltprogramm der Caritas Männerberatung. Zielgruppe sind Männer, die Gewalt ausgeübt haben und entweder aus freiwilliger Motivation oder aufgrund einer behördlichen oder gerichtlichen Weisung teilnehmen.

Antigewaltprogramm der Caritas für Männer

„Die Betroffenen werden von ausgebildeten Männern in zumindest zwanzig Einheiten über mehrere Monate in Einzelgesprächen beraten. Ziel dieses Programms ist es, die Gewalt zu beenden und die individuellen Wirkungsweisen rund um die Gewalt herauszufinden“, klärt Beatrix Dallinger, Fachbereichsleiterin von Rat & Hilfe der Caritas der Diözese St. Pölten, auf.

Dies diene ebenso dem Schutz der Opfer, sorge für mehr Sicherheit und will künftige Gewalthandlungen reduzieren. Im Jahr 2018 wurden bei der Männerberatung der Caritas insgesamt 61 Personen bei 431 Gesprächen beraten.

Umfrage beendet

  • Wird genug für die Opfer häuslicher Gewalt getan?