Ferdinand Kerschner im Interview: Glasgow - und nun?

Der Seitenstettner Vizepräsident des "Forum Wissenschaft und Umwelt", Ferdinand Kerschner, über Corona und Klimagipfel.

Erstellt am 27. November 2021 | 06:06
Lesezeit: 5 Min
440_0008_8237572_ams47wolf_kerschner.jpg
Der Seiten stettner Ferdinand Kerschner fordert ein weltweites Umdenken in Sachen Klimaschutz und nimmt die ältere Generation in die Pflicht.
Foto: privat

NÖN: Erst kürzlich ist vom Institut für Umweltrecht der Johannes-Kepler-Universität Linz und der Karlsuniversität Prag ein Buch über Klima-, Biodiversitäts- und auch Tierschutz herausgegeben worden. Ihr Beitrag darin behandelt die Zusammenhänge zwischen Corona- und Klimakrise. Wie könnten Sie das kurz zusammenfassen?

Kerschner: Corona-Krise und Klimakrise weisen Parallelen, aber auch Unterschiede und Zusammenhänge auf. Um die Dimension der Klimakrise als größte Herausforderung unseres Jahrhunderts aufzuzeigen: Unbestritten ist die ältere Generation höchst anmaßend: Sie hat in wenigen Jahrzehnten mehr als alle bisherigen Generationen an Klima, Umwelt, kurzum an Ökosystemen zerstört. Dadurch sind letztlich viele Menschen in ihrer Gesundheit, ja ihrem Leben konkret gefährdet. Das trifft auch auf die Corona-Krise zu. In beiden Katastrophenfällen treffen den Staat Schutzpflichten. In der Corona-Krise ergibt sich meines Erachtens daraus nun sogar die Pflicht des Staates, einen allgemeinen Impfzwang anzuordnen, um diese massive Gefährdung, aber auch den abermaligen Zusammenbruch der Wirtschaft und den Verlust tausender Arbeitsplätze zu verhindern. Und gleichermaßen bedarf es auch in der Klimakrise des raschen und effektiven Handelns. Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass der Gesetzgeber sehr schnell handeln kann, wenn er nur will! In der Klimakrise besteht Handlungspflicht, um die jungen Menschen nicht in ihren Grund- und Freiheitsrechten entscheidend zu beeinträchtigen. Und dazu braucht es auch ein Klimabudget, das freilich unter den Corona-Hilfsmaßnahmen stöhnt, weil es nämlich übermäßig gekürzt werden könnte. Zum Zusammenhang: je schlimmer der Klimawandel, umso mehr Zerstörung auch der Biodiversität und desto häufiger auch Pandemien! Glasgow – und was nun? Es gilt rasch und effektiv zu handeln!

NÖN: Die Klimaschutzdebatte dreht sich vorrangig um die Definition politischer Zielwerte zur Senkung der CO2-Emissionen. Vor allem die europäische Politik setzt sich zum Teil ambitionierte Ziele, konkrete wirtschaftliche Überlegungen bleiben noch oft außen vor. Wäre nicht ein Gesamtkonzept erforderlich, das Klima, Energie und Wirtschaft zusammenbringt?
Kerschner:
Ja, natürlich, der Klimaschutz als größte Herausforderung unseres Jahrhunderts erfordert Energie- und Verkehrswende und eine nachhaltige (Land-)Wirtschaft. Vor allem bedarf es eines globalen, internationalen Übereinkommens, fossile Brennstoffe im Boden zu lassen! Der Klimagipfel hätte ein solches beschließen können und müssen. Der Aufruf, die Nutzung von Kohlekraftwerken schrittweise zu verringern, ist zwar besser als nichts, wird aber leider – mangels Verbindlichkeit und Sanktionierbarkeit – in der Praxis nicht viel bewirken. Und wir brauchen eine ökosoziale Marktwirtschaft: Wer Klima und Umwelt schädigt, muss als Verursacher der Kosten zahlen. Wer umwelt- und klimafreundlich handelt, soll belohnt werden, Gewinne machen! Davon sind wir leider weltweit und auch in Österreich meilenweit entfernt. Wirtschaft und Politik verharren noch überwiegend in kurzfristigem und kurzsichtigem Denken.

NÖN: Österreich will bis 2040 klimaneutral sein; glauben Sie daran, wenn ja, wie wäre es zu schaffen?
Kerschner:
Ja, ich will es noch glauben, aber wir brauchen schon jetzt dringendst konkrete Maßnahmen: höhere CO₂-Steuer – eine solche von 100 Dollar/Tonne würde an Teuerung nur 2 ct/km für einen Mittelklassewagen bedeuten –, besseres Emissionszertifikatshandelssystem, mehr erneuerbare Energie (für diese aber auch mehr Stromleitungen, kürzere Verfahren und mehr Speichermöglichkeiten), mehr Energieeffizienz, Verkehrswende und mehr biologische Landwirtschaft! Aber alles jetzt und bald und nicht erst in 10 Jahren (wie der auf dem Klimagipfel beschlossene Waldschutz) oder gar erst 2040 oder 2050!

NÖN: Wir alle erleben unheilvolle Klima- und Wetterphänomene. Die Politik hechelt zumeist dem Geschehen hinterher, etablierte Systeme will man nicht infrage stellen. Was wäre diesbezüglich ein gangbarer Weg?
Kerschner:
Es bedarf auf allen Ebenen und in allen Bereichen eines Umdenkens in der Gesellschaft: international, EU-weit (vielleicht bald zumindest effektiver Baumschutz), national und beim Einzelnen. Der Staat allein kann nicht alles richten. Die konservative Landwirtschaft ist weltweit zu fast einem Viertel ursächlich für den CO₂- und Methanausstoß und sie bewegt sich – leider auch in Österreich – viel zu wenig. Wir brauchen einen „Tipping point“, einen Kipppunkt beim Denken. Ich rechne stark mit der jungen Generation und das auch bei den Wahlen!

NÖN: Klimapolitische Entscheidungen liegen oft in Händen von Menschen, die sich allein am wirtschaftlichen Wachstum orientieren. Bürgermeister freuen sich über neue Baulandwidmungen, immer mehr Boden wird versiegelt. Wie hieße das Gebot der Stunde?
Kerschner:
Es ist ein Anrennen gegen Mauern, etwa bei Übernutzung des Bodens, wodurch Speicherkapazität und Biodiversität verloren gehen. Die Rechtswissenschaft hat schon lange eine Kompetenzverschiebung – weg von der Gemeinde – gefordert. Eine Hoffnung anderer Art ruht zunehmend auf marktwirtschaftlichen Instrumenten, die eben in einer Marktwirtschaft sogar mehr als Ge- und Verbote bewirken können: Ein starker Anlagetrend geht Richtung Green-Bonds und Green-Fonds: Nachhaltige Unternehmen bringen mehr Zinsen und Dividenden.

NÖN: Im Vorfeld des Gipfels haben 100 Regierungschefs (G20-Gipfel in Rom) ein Ende der weltweiten Entwaldung gefordert? Können Sie da irgendwo eine Stopptaste erkennen?
Kerschner:
Ja, auch die EU will nun den Waldschutz stärken. Aber nicht erst in zehn Jahren, da kann alles vorbei sein. Österreich ist hier (wie Deutschland) mit seinem Prinzip nachhaltiger Waldbewirtschaftung (Begründer Hans Carl von Carlowitz) bereits seit dem 17. und 18. Jahrhundert Vorbild für nachhaltige Entwicklung allgemein.

NÖN: In Glasgow wurden erstmals das Auslaufen von Kohlestrom und das Ende staatlicher Subventionen für fossile Brennstoffe explizit als Ziele definiert. Reicht das?
Kerschner:
Es ist besser als nichts, es sind aber freilich nur Ziele, Absichten, denen die unmittelbare Durchsetzbarkeit fehlt. Es bräuchte ein Organ, das bei Zielverfehlung Sanktionen setzt.

NÖN: Greta Thunberg hat den Verhandlern vorgeworfen, nur „Blabla“ zu produzieren; was ist für Sie das Positivste am diesjährigen Ergebnis?
Kerschner:
die geplante Einführung eines weltweiten Emissionszertifikatesystems. Aber auch hier steckt bei der Umsetzung der Teufel im Detail. Man bedenke nur die zu vielen kostenlosen Vergaben und die zu geringe jährliche Reduktion der Zertifikate. Die gesteckten Klimaschutzziele können – wie beim Pariser Abkommen schon – wichtige Abwägungskriterien bei Klimaklagen sein.

NÖN: Welche drei Maßnahmen kann jeder Klimabewusste morgen schon umsetzen?
Kerschner:
Zuallererst: Mehr zu Fuß gehen, mehr Rad- und Bahnfahrten und grundsätzlich höhere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel! Das österreichische Klimaticket ist ein Meilenstein und Vorbild für andere Staaten! Zweitens: weniger Fleisch, mehr Qualität statt Quantität. Drittens: mehr biologische und regionale Produkte konsumieren!