Erstellt am 05. Juni 2018, 01:08

von Alexander Seger

Elektro-Jaguar made in Austria. Die Traditionsmarke bringt ihr erstes vollelektrisches Modell auf den Markt – gebaut in Österreich, geliefert in die ganze Welt.

Der I-Pace soll die Pace-Familie ab-runden und parkt, rein größentechnisch, zwischen dem E-Pace und dem F-Pace. Das Kofferraumvolumen? Mindestens 656 Liter, maximal 1.453 Liter.  |  NOEN, Jaguar

Seit es um leistungsstarke Elektroautos geht, kennt man auf der ganzen Welt den Erfinder des Wechselstroms – zumindest mit Nachnamen: (Nikolaus) Tesla. Mit dem I-Pace kommt jetzt Bewegung in die Oberklasse der batterieelektrischen Fahrzeuge. Der Jaguar ist ein europäisches Produkt, das die Stärken des Kontinents bündelt: Er wurde in England entworfen, unter der Leitung eines deutschen Ingenieurs vom berühmten weißen Blatt Papier weg entwickelt, und wird von Magna Steyr in Graz gebaut.

„Wir wollten das weltweit begehrenswerteste Elektroauto entwerfen – und ich glaube, dass wir diese Herausforderung bestanden haben!“ Ian Callum, Designdirektor Jaguar

Zwei Elektromotoren schicken zusammengerechnet 400 PS und 696 Newtonmeter Drehmoment auf die Reise, aufgeteilt auf beide Achsen – damit wird der I-Pace zum Allradler, der sich auch vor echten Offroad-Bedingungen nicht fürchten muss. Mit einer Wattiefe von 500 Millimetern liegt der Hochvoltrenner gleichauf mit dem Land Rover Defender! Unbefestigte Wege, die man zu Fuß nur schwierig bewältigen kann, meisterte er bei seiner Präsentation im Süden Portugals mühelos. Einsatzbedingungen, die man ihm im echten Leben wohl kaum zumuten wird. Gleiches gilt für den von uns absolvierten Abstecher auf die Rennstrecke: Dort punktet die Stromgroßkatze mit ihrem extrem tiefen Schwerpunkt und den Fahrwerkkomponenten der sportlich orientierten Modelle F-Type und F-Pace. Wer das Spitzentempo von 200 km/h freizügig ausreizt, wird die Prüfstandsreichweite der 90-Kilowattstunden-Lithium-Ionen-Batterie von 480 Kilometer freilich nicht einmal ansatzweise erreichen.

 |  NOEN

An der Ladesäule – 100 Kilowattstunden Gleichstrom vorausgesetzt – sind in 40 Minuten 80 Prozent Batteriekapazität nachgeladen, daheim dauert das deutlich länger: Da die großen Elektroautomärkte USA und China ebenso wie Holland und Norwegen im Wechselstromnetz nur einphasiges Laden kennen, sind derzeit nur sieben Kilowatt oder höchstens 35 Kilometer Reichweite pro Stunde möglich. An der Haushaltssteckdose sind es maximal 23 Kilometer, die pro Stunde nachgeladen werden. Ab Mitte 2019 soll der I-Pace auch die in Österreich verbreitete dreiphasige Drehstromversorgung nutzen können.

Das Karosseriedesign zeigt hinter dem Familiengesicht einen unverwechselbaren Wagenkörper und ist stromlinienförmig, ohne beim Einsteigen Verrenkungen zu erzwingen. Im Innenraum merkt man deutlich, dass hier eine erfahrene Autofirma mit großen Schritten auf das Thema Strom zugeht: Wären nicht die extrem starke Motorbremswirkung der Elektromaschine, die während normaler Fahrbedingungen das Bremspedal überflüssig macht, die großzügigen Platzverhältnisse (Radstand 2,99 Meter) bei vergleichsweise kompakten Außenabmessungen (4,68 Meter Länge) und die abwesenden Geräusche des Verbrennungsmotors – man würde nicht vermuten, dass hier die Zukunft fährt. Präzise Lenkung, komfortables Fahrwerk, Wohlfühlatmosphäre wohin man greift und schaut. Jaguar folgt zwar dem Trend zu Touchscreens, lässt aber die Schalter für wichtige Bedienfunktionen bestehen. Spielereien wie unübersichtliche Riesenbildschirme oder Flügeltüren, die via Smartphone zu wackeln beginnen, sucht man vergebens. Und einen Spurhalteassistenten, der in die Lenkung eingreift und nicht nur mit Warntönen meckert, leider auch.

Start & Preis. Ab sofort bestellbar. Die Preisliste startet bei 78.380 , drei Jahre Garantie auf das Auto und acht Jahre auf die Batterie. Richtig voll ausgestattet stehen knapp 110.000 auf der Rechnung. In absoluten Zahlen gewiss viel Geld, im Klassenvergleich freilich ein Topangebot.