Fleischer war Lebensretter des Kaisers

In Baden liegt der Fleischermeister begraben, der am 18. Februar 1853 ein Attentat an Franz Josef I. vereitelt hat.

Dietmar Holzinger Erstellt am 18. September 2021 | 06:56

Betritt man den Helenenfriedhof in Baden, glaubt man, sich in einer längst untergegangenen Epoche zu bewegen. Prinzessinnen, Grafen, Fliegerasse, Generäle sowie unvergessliche Schauspieler und Sänger liegen hier begraben. Mit Fantasie kann man sie auferstehen lassen. Auch etliche zum „Ritter“ geadelte Persönlichkeiten fanden hier ihre letzte Ruhe.

2021, 29. August: Magisch von den „toten Seelen mit ihren glorreichen Namen“ angezogen, durchwandle ich das „Promi-Gräberfeld“. Im Augenwinkel blendet mich ein Lichtstrahl, abgeleitet von einem goldglänzenden Wappen – das des „Josef Ritter von Ettenreich“. In meiner Funktion als „Friedhofsgucker“ sagt mir mein Gefühl, dieser Name „Ettenreich“ könnte eine spannende Story abgeben?! Ich beginne mit den Recherchen – lange brauchte ich nicht zu forschen – schnell war festgestellt, Ettenreich war der „Superheld des Jahres 1853“.

2021, 1. September: Nette Unterstützung bei meiner Spurensuche bekomme ich von den charmanten Damen Ulrike Scholda, Birgit Doblhoff-Dier und Ewa Reutt vom altehrwürdigen Rollettmuseum zu Baden und so begab ich mich auf eine Zeitreise zurück in das Wien des 19. Jahrhunderts.

1800, 25. August: Hineingeboren in eine Wiener Gastwirten-Familie, erblickte Joseph Christian Ettenreich in der Siebensterngasse 29, 1070 Wien, das Licht der Welt. Sein Vater betrieb eine Gaststätte in der Langen Gasse. Der Gastwirte Sohn erlernte das Fleischergewerbe am „Tiefen Graben“. Er eröffnete eine „Metzgerei und Selcherei“ und dürfte dabei sehr erfolgreich gewesen sein. In der Karolinengasse 4, richtete er einen „Haferhandel“ ein – Hafer war der „Treibstoff“ der Rösser – gab es keinen Hafer, lag die Wirtschaft im 19. Jahrhundert still. Mit dem Handel von Hafer und anderer Getreidesorten wurde Ettenreich so richtig reich. In dieser Zeit dürfte der Haferhändler die ersten Verbindungen in die Kurstadt-Baden geknüpft haben. Die Liebe zu Baden hielt ein ganzes Leben und über den Tod hinaus.

Heldentat fasziniert seit 170 Jahren

1853, 18. Februar – Wien: In seinem Haus in der Margaretenstr. 9, konnte der „Bürger Ettenreich“ noch nicht ahnen, dass sich in ein paar Stunden sein Leben komplett ändern würde. Dass er zu den heldenhaftesten Persönlichkeiten der Habsburger Monarchie aufsteigen würde und die Kunde, seiner Heldentat, auch 170 Jahre danach, nichts an Faszination verloren hat!

Die schicksalhaften Stunden

Der ehemalige „Fleischhauer Ettenreich“, seit einigen Jahren „Privatier“ aus eigenem Fleiß geworden, machte seinen gewohnten Vormittagsspaziergang über die Basteien. Zur gleichen Zeit rüstete auch seine Majestät „Kaiser Franz Joseph I.“, nach sechsstündiger Arbeit, zum täglichen Fußmarsch auf der „Kärntnertor-Bastei“. Mit von der Partie war sein Adjutant „Maximilian Graf O’Donell“ zum Schutz des 23-jährigen Kaisers abgestellt.

Auch eine etwas unheimliche Figur schlich an diesem kalten und trüben Freitag umher. Es handelte sich um den ehemaligen „Husar“ den um 1853 in Wien als Schneidergeselle tätigen „Janos Libenyi“. Sein Blick, starr – böse – zu allem entschlossen – unter dem Winterrock ein frisch geschliffenes Küchenmesser! Libenyi dürfte von den Spaziergängen des Kaisers gewusst haben, er erblickte auch seine Majestät allzu bald, zog sein Mordwerkzeug und stach den Monarchen ins Genick.

Das Messer glitt aber am Kragen der Dragoneruniform von Franz Joseph ab. Jetzt ging alles blitzschnell – Adjutant „Graf O’Donell“ zog seinen Säbel, doch der Attentäter riss den Grafen samt Degen zu Boden. Der „bärenstarke Fleischermeister“ Ettenreich griff nun ins Geschehen ein, er wusste aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich beim Gerangel um ein Attentat auf seine Majestät Kaiser Franz Joseph handelt.

Ettenreich sah beim Herbeieilen nur zwei Männer in Offiziersuniformen, umso größer das Erstaunen, als er in das Antlitz des jungen Monarchen blickte. Mit starker Hand ergriff nun der Fleischhauer die strähnige, lange Haarpracht des „Mordgesellen Libenyi“ und riss ihm so zu Boden. Währenddessen brachten sich der verletzte Kaiser und sein Adjutant im Albrechtspalais in Sicherheit.

In 10 Minuten verändert sich Ettenreichs Leben

Der kraftstrotzende Joseph Ettenreich drückte den Messerattentäter zu Boden – es gab für „Janos Libenyi“ kein Entrinnen. Etwa zehn Minuten, es war für Ettenreich eine halbe Ewigkeit, musste er den Attentäter bändigen – bis die schnaufende Militärwache angerannt kam und der „Mordgeselle“ abgeführt wurde.

Mit „Attentäter Janos Libenyi“ ist kurzer Prozess gemacht worden – am 23. Feber zum Tod verurteilt und drei Tage später bei der „Spinnerin am Kreuz“ hingerichtet. Trotz starken Schneetreibens kamen über 50.000 Schaulustige, um diesen grausigen Spektakel beizuwohnen! Die Menschenschar dankte – Gott – Graff O’Donell und Joseph Ettenreich für die Errettung ihres 23-jährigen Kaisers.

In nur zehn Minuten an einem kalten Wintertag 1853 veränderte sich also das Leben des „Bürgers Ettenreich“ total – die Kunde vom „Lebensretter des Monarchen“ eilte von Wien aus in die gesamte Donaumonarchie. Noch am Nachmittag des Schicksalstages 18. Februar erschienen die ersten „Extrablätter“ – die papierenen Zeugen sind wohlbehütet im Rollettmuseum archiviert. Für Ettenreich begann nun eine turbulente, große Zeit! Er wurde mit zahlreichen Orden überschüttet, sogar „Papst Leo XIII“ sendete ihm eine „päpstliche Auszeichnung“.

Der „Selchermeister“ verwandelte sich nun in den „Ritter von Ettenreich“. Der Fleischer wurde am 23. April 1853 in den erblichen Adelsstand erhoben – in seinem verliehenen Wappen durfte er auch die Initialen „F.J.“ (steht für Kaiser Franz Joseph) führen. Das goldene Wappen des Ritters auf grauen Granit angebracht, strahlt bis heute durch den Helenenfriedhof zu Baden.

Ettenreich war nun ein hoch angesehener Recke mit dem Prädikat, des „Kaiser’s Lebensretter“. Er konnte sich von Einladungen der Hocharistokratie kaum erwehren. Die „High Society“ im ganzen Habsburger Reich wollte seine Geschichte hören, in zig Zeitungen und Büchern wurde und wird noch immer über seine Heldentat berichtet. In den Schulen wurde Ritter von Ettenreich glorifiziert – er war der „Vorzeige Kaisertreue“ der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ettenreich kam auch die Ehre zuteil, zum Direktor der „Ersten Österreichischen Spar-Kasse“ gewählt zu werden.

Baden: Wenn Ettenreich nicht gerade beruflich in der Kur stadt zu schaffen hatte, wie in frühen Jahren als „Haferhändler“, später als vortragender „Lebensretter des Kaisers“, oder in seiner Funktion als Oberster-Direktor der Sparkassen, war der „geadelte Bürger Ettenreich“ auch privat gern gesehener Gast. Die „Badener-Curliste“ vom 12. August 1868 bekundet einen der Aufenthalte des Joseph Ritter von Ettenreich, in der Kur stadt stieg er am Hauptplatz 13 (65) ab. Es könnte sich dabei um das Haus „Zur Weißen-Rose“ oder das Hotel „Zum goldenen Hirschen“, gehandelt haben.

Der Held wird müde!

In den letzten Jahren seines erfüllten Lebens zog es den „Ritter Ettenreich“ immer mehr in die „Kur stadt an der Schwechat“. Er und seine Familie hatten hier vermutlich einen festen Wohnsitz. Der „Friedhofsgucker“ konnte leider nicht feststellen, wo sich in Baden die Langzeitunterkunft deren von Ettenreich befand. Über Informationen über das Leben – Schaffen und dem Wohnsitz von Ettenreich in Baden, wäre das „FG-Team“ sehr dankbar: holzinger.presse@gmx.at

1875 - Wien und Baden bei Wien - des „Ritters“ letzte Tage und seine Reise ins Jenseits: Margaretenstraße 9 – Anfang Februar – klirrende Kälte – pfeifender Wind und Schneegestöber durchzogen die Gassen und Plätze der Kaiserstadt an der Donau. Joseph, Christian Ettenreich liegt in den letzten Zügen seines tatenreichen Lebens. Wir schreiben den 4. Februar nachmittags, ein Pfarrer betritt das Zimmer des Sterbenden – Hochwürden verabreicht dem „Lebensretter des Kaisers“ die Heiligen Sakramente. Ettenreich ist um 18.45 Uhr nach langem schweren Leiden friedlich von dieser Welt gegangen. Die irdische Hülle wurde am Sonntag, 7. Feber, in der Karlskirche eingesegnet, sodann in die Kirche St. Helena bei Baden überführt und am Helenenfriedhof in der Familiengruft beigesetzt.