Krieg aus weiblicher Sicht

Erstellt am 30. September 2022 | 05:52
Lesezeit: 3 Min
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Marlene Streeruwitz, geboren in Baden, Studium der Slavistik und Kunstgeschichte. Freiberufliche Autorin und Regisseurin. Lebt in Wien, London und New York.
Foto: Marija Kaniza
Autorin Sophie Reyer über das neue Werk von Marlene Streeruwitz, „Handbuch gegen den Krieg“.

Dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, wussten schon die alten Römer. Eine völlig neue – und endlich einmal weibliche – Sicht auf das Thema „Krieg“ wirft jedoch die in Baden geborene und allen gut bekannte Autorin Marlene Streeruwitz. Und wie immer nimmt sie dabei kein Blatt vor den Mund, im Gegenteil: Wie schon in ihrer Prosa, so wendet die Autorin auch in ihrem neuen, im bahoe books Verlag erschienenen Text „Handbuch gegen den Krieg“ eine Sprache an, die schneidet. Und das ist gut so.

„Sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt“

Der Text, knapp und präzise gehalten, beginnt mit einer einfachen Schilderung dessen, was wir alle kennen: mit Kriegsbildern. Doch diese medial aufgeladenen Darstellungen werden auch sofort wieder dekodiert und entlarvt. Die Bilder, die wir jeden Tag vorgesetzt bekommen, seien nämlich – so die Autorin – auch selbst Teil einer „sorgfältig konstruierten Maschine der Gewalt“. Wie genau diese Maschine arbeitet, wird in kurzen aber handfesten Kapiteln erläutert, die den historischen Bogen vom Beginn der patriarchalen Gesellschaftsstruktur über den Vietnam- Krieg bis hin in die Gegenwart des Ukraine-Krieges spannen.

Streeruwitz besticht allerdings nicht nur durch ihre klare und knappe Sprache – da besteht ein Satz beispielsweise nur aus dem Wort „denn“, da wird die Syntax beschnitten, werden Beschreibungen auf das Wesentliche reduziert – sondern auch durch die ausgewählte Form. So ist zwischen jedem Kapitel, das eine Facette des Begriffs „Krieg“ entlarvt, eine leere Seite eingeschoben- und bietet dem Leser Freiraum für ein kurzes Innehalten, einen Moment der Reflexion.

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Cover von „Handbuch gegen den Krieg“ (Marlene Streeruwitz, bahoe books 2022).
Foto: NOEN

Dass Krieg stets ein Missbrauch aller – und außerdem eine Institution, ja eine Produktionsmaschinerie ist, wird schon nach den ersten Seiten klar. Wie aber dieser Tatsache, ist sie einmal entlarvt, entgegen wirken? Auch da weiß die Autorin Rat: Unerschrocken und kühn beharrt sie auf einer neuen Form des Erzählens, die alle patriarchalen – und somit auktorialen – Sprachmuster von sich weist. Sie will eine Sprache des Miteinanders, die Superlative und vorschnelle Zuschreibungen kritisch hinterfragt und sich auf neue Rhythmen und (Denk)-Muster jenseits des Mainstream einlässt.

Da Krieg, wie Marlene Streeruwitz meint, ein „Rückfall in archaische Vorstellungen der Macht sei“, gilt es hier, neue Gesellschaftsformen zu finden, in denen fried- und liebevoller miteinander umgegangen wird.

In der Abwertung der Frauen- und Pflegeberufe sieht Streeruwitz die Hinwendung zu jener macht-affinen Lebensweise, die grundlegende Seinsformen sprachlos und in Abhängigkeit halten will. Und damit liegt sie absolut richtig! Schnell hat man „Handbuch des Krieges“ gelesen – doch lange begleitet einen der Inhalt. Was bleibt, ist vor allem ein letzter Satz, der im Kopf nachhallt: „Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit.“