„Bunker“: Relikt aus NS-Zeit neu entdeckt. Der Luftschutzstollen im Lindenberg ist ein stiller Zeuge von Aufrüstung, Zwangsarbeit und Elend.

Von David Steiner. Erstellt am 25. Juli 2021 (04:55)
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Für eine Kleingruppe wirken diese Stollen recht geräumig. Doch es ist zu erahnen, wie beengt sich Schutzsuchende gefühlt haben müssen, die bei Fliegeralarm zu Hunderten hineinströmten.
Steiner, Steiner

Es hat acht Grad Celsius und die feuchte Luft gleitet seidenweich in die Lungen. Kein Sonnenstrahl verirrt sich an diesen Ort - der Luftschutzstollen im Lindenberg, dessen äußere Elemente den Heurigen „Bunkerstüberl“ der Familie Herbert Bader beherbergen, bietet willkommene Abkühlung an diesem frühen Sommertag. Ursprünglich wurde er aber zu einem ganz anderen Zweck in den Stein gehauen.

Die NÖN hatte die Gelegenheit, einen Experten in das im Volksmund als „Bunker“ bekannte, unterirdische Bauwerk zu begleiten.

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Höhlenforscher, Fotograf und Autor Robert Bouchal erforschte den Luftschutzstollen.
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Der Höhlenforscher, Fotograf und Autor Robert Bouchal vermaß und kartografierte den Luftschutzstollen im Jahr 2014. In den Folgejahren erforschte er gemeinsam mit dem Historiker Johannes Sachslehner dessen Geschichte und sammelte Zeitzeugen-Berichte. Die Position des Stollens ist kein Zufall. Wo sich heute das Einkaufszentrum Bloomfield befindet, das in Blickweite des „Bunkerstüberls“ liegt, ragten vor etwa 80 Jahren die Fabriksmauern der Enzesfelder Metallwerke empor. Die Munitionsfabrik wurde Ende der 1930er Jahren ausgebaut und reichte bis auf das Areal des heutigen Ared Parks.

Wie Bouchal und Sachslehner recherchierten, schufteten in der NS-Zeit 10.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zusätzlich zu 5.000 inländischen Arbeitskräften in der Fabrik. Schutz vor Fliegerangriffen sollten im Luftschutzstollen nur Letztere finden. Zwangsarbeiter waren gezwungen, in Splitterdeckungsgräben im Werksbereich um ihr Leben zu fürchten. All das erzählt Bouchal während er eine Gruppe von Interessierten durch das unterirdische Labyrinth führt, das von Lampen notdürftig ausgeleuchtet wird. Die Fabrik fand ein jähes Ende. Im März 1944 entzündete sich bei Arbeiten eine Granate. Es folgte eine Kettenreaktion und Explosionen, die nicht nur die Fabrik, sondern auch Häuser in der Umgebung schwer beschädigten. Das Ereignis brannte sich in das Gedächtnis von Zeitzeugen in der Umgebung ein. In den Fabriksruinen wurde noch versucht, die Produktion wieder in Gang zu setzen. 1946 sprengen die Sowiets die Überreste.

Der Luftschutzstollen blieb erhalten, wird in den 1980ern von der Firma Hirtenberger temporär als Lager verwendet und verwaist bis in die Gegenwart.

Heute ist er ein stiller und fast vergessener Ort des Erinnerns an die Verbrechen des NS-Regimes. Die Geschichte rund um den Luftschutzstollen und die Munitionsfabrik inklusive Zeitzeugen-Berichte schrieben Robert Bouchal und Johannes Sachslehner im Buch „Lost Places in Wien und Umgebung“ (Styria Verlag) nieder - eine Leseempfehlung.