Der Tag, der die Welt veränderte. So haben Menschen aus dem Bezirk die historischen Ereignisse im Jahr 1989 in Erinnerung.

Von Josef Rittler. Erstellt am 08. Mai 2019 (06:27)
Rittler
„Achtung! Grenzgebiet – Eintritt nur mit Erlaubnis“ und ein Kranz aus originalem Stacheldraht : Miroslava und Josef Grubmüller mit ihren Andenken an den Fall des Eisernen Vorhanges.

Die pensionierte Ärztin Miroslava Grubmüller aus Hainburg freute sich damals besonders über den Fall des Eisernen Vorhangs. Sie stammt nämliche aus der Umgebung von Prag, hat dort studiert und kam nach ihrer Heirat mit Josef Grubmüller im Jahr 1971 in den Westen, ab 1980 nach Hainburg. „Ich bin im Kommunismus aufgewachsen, für uns war die Öffnung der Grenzen etwas sehr Positives“, sagt Grubmüller. Vor allem die strengen Grenzkontrollen bei der Ein- und Ausreise waren unangenehm, die stundenlangen Wartezeiten.

Das Auto wurde genau untersucht, mit Spiegeln unter das Auto geschaut und sogar mit Stangen der Tank sondiert. Natürlich wurden auch die Koffer ausgeräumt und genau kontrolliert. Sie habe ihre Eltern öfter besucht. „Wir haben immer aufgeatmet, wenn wir wieder in Österreich waren“, so Grubmüller. Zwar blieben ja Grenz- und Passkontrollen bis 2004 aufrecht, doch manches hätte sich gleich verändert. Im Osten habe man freier reden können. „Früher hieß es immer nur ,pst‘ und man musste auch aufpassen, wen man trifft.“

Die Grenzöffnung zwischen Österreich und der Tschechoslowakei erfolgte Anfang Dezember 1989. Am internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember fand der Marsch nach Hainburg statt. Gut 70.000 Slowaken überschritten die Grenze nach Österreich, um ihre Rückkehr ins freie Europa zu feiern. Dort wurden sie freundlich empfangen. „Wir haben zwei junge Burschen getroffen, die Verbotsschilder abmontiert hatten und mit sich trugen“, erzählt Grubmüller, die die Schilder als Geschenk bekam. Sie hängen jetzt als Andenken im Keller der Grubmüllers.

 Ich will unter allen Umständen verhindern, dass es hier jemals wieder Grenzkontrollen gibt.“Gerhard SchödingerBürgermeister

 Wohl einer der wenigen diesseits der Grenze, die direkt in diesen „Marsch nach Hainburg“ involviert waren, war der Hainburger Thomas Häringer. Als damals 27-jähriger Sohn eines Kommunisten dürfte er im September 1989 bei einer Veranstaltung in Prag aufgefallen sein. Denn, als im November die Bürgerbewegung jenseits der Grenze begann, kontaktierten ihn mit Milan Kňažko und Jan Budai zwei prominente Aktivisten. „Ich habe mich mit ihnen getroffen und sie haben von ihren Plänen berichtet“, erzählt Häringer. Er habe daraufhin Hainburgs Bürgermeister Johann Ritter informiert. „Er hat gesagt ‚Kommunisten-Bub, ich glaub dir‘. Beim nächsten Treffen waren dann schon Vertreter von Bezirkshauptmannschaft, Verteidigungsministerium dabei“, schildert Häringer. An besagtem Tag des „Marschs der Freiheit“ wurde eine riesige Rot-Kreuz-Übung samt Feldspital angesetzt. „Und es gab Gerüchte, dass das Militär mit 900 Soldaten das Gebiet überwacht hat“, erzählt Häringer. Er hatte sich mit einigen Mitstreitern auf ein paar tausend Leute vorbereitet, Mineralwasser und Brot als Willkommen organisiert. „An die 70.000 Leute sind einfach über die Grenze und zu Fuß nach Hainburg gegangen“, erzählt Häringer von den überwältigenden Augenblicken.

„Eigentlich habe ich erst zweimal Weihnachten erlebt: 1984, als im eisigen Auwald bei Hainburg Studenten, Polizisten und Arbeiter einander nicht totschlugen, und 1989, als sich die Stacheldraht-Grenzen öffneten“, verpackte Erna Frank von den Hainburger Burgspielen diese Momente später in eine Weihnachtsgeschichte.

Der heutige Landtagsabgeordneter und Wolfsthaler Bürgermeister Gerhard Schödinger erinnert sich an zwei markante Punkte in diesem Jahr. Damals versah er nämlich als Polizist an der Grenze Dienst. „Am 19. April 1989 krachten zwei Ostdeutsche mit dem Auto durch die Grenzsperre. Einer wurde dabei tödlich verletzt. Ich habe Erste Hilfe geleistet“, erzählt Schödinger. „Im Dezember ist die Grenze einfach aufgegangen“, so Schödinger. Es habe etwas gedauert, bis er die Tragweite der Ereignisse wirklich erkannte. „Die wirklichen Auswirkungen bekamen wir erst zehn, zwanzig Jahre später zu spüren“, so Schödinger.

Gerade in seiner Grenzgemeinde sei die Großstadt vor der Tür zum Fortgehen und Einkaufen bereits zur Selbstverständlichkeit geworden. Dem Fall des Eisernen Vorhangs hätten wir es zu verdanken, dass wir heute in der dynamischsten Region Europas leben. „Ich will unter allen Umständen verhindern, dass es hier jemals wieder Grenzkontrollen gibt“, betont Schödinger.

Die NÖN veranstaltet am 5. Juni um 18 Uhr im Alten Kloster in Hainburg eine Podiumsdiskussion, bei der die Ereignisse aus 1989 sowie deren Auswirkungen thematisiert werden.

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