Korneuburg , Ebergassing

Erstellt am 14. März 2018, 10:13

von APA Red

Vater erstochen: Prozess gegen 19-Jährigen gestartet. Am Landesgericht Korneuburg hat am Mittwoch ein Prozess um einen tödlichen Messerstich in Ebergassing (Bezirk Bruck) begonnen.

Das Gericht in Korneuburg.  |  APA/GEORG HOCHMUTH

Der 19-jährige Angeklagte soll im August 2017 seinen Vater im Zuge eines Streits im Elternhaus in Bezirk Bruck a.d. Leitha erstochen haben. Die Staatsanwaltschaft warf dem Schüler Körperverletzung mit tödlichem Ausgang vor. Der Verteidiger sprach zu Beginn der Schöffenverhandlung von Notwehr.

"Es ist unstrittig, dass der Angeklagte seinen Vater erstochen hat", hielt der Staatsanwalt fest. Es gehe um die Frage der Notwehr. Der Vater soll seit Jahren aggressiv und gewalttätig gegenüber seiner Familie gewesen sein. Seine Frau soll er mehrfach verletzt haben.

Zum tödlichen Messerstich war es am 4. August 2017 gekommen, als der damals 18-jährige Angeklagte gemeinsam mit seinem Bruder im Innenhof des landwirtschaftlichen Anwesens Holzbänke zusammengebaut hatte. Aufgrund der Hitze an diesem Tag soll der Vater besonders gereizt gewesen sein.

Weil dem 59-Jährigen der Montageprozess offenbar zu lange dauerte, soll er seine Söhne beschimpft haben. Der 18-Jährige hatte sich das nicht gefallen lassen, was den Mann weiter in Rage brachte - er soll seinen Sohn getreten und von sich gestoßen haben. Der Schüler ging daraufhin in sein Zimmer, um der Situation zu entkommen. Der 59-Jährige folgte ihm.

Der Sohn nahm laut Anklagebehörde in seinem Zimmer ein Karambit-Messer in die rechte Hand. Sein Vater soll ihn weiter beleidigt und ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der 18-Jährige soll sich daraufhin in eine Verteidigungshaltung begeben und dem 59-Jährigen mit dem stark gebogenen Messer einen wuchtigen Stich ins Herz versetzt haben. Dabei wurden der dritte Rippenzwischenraum und die dritte Rippe durchtrennt sowie Herzbeutel und Hauptschlagader geöffnet.

Das Opfer verließ mit den Worten "der Bua ist ein Trottel" das Zimmer und brach aufgrund des enormen Blutverlustes bewusstlos zusammen. Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos.

Der Schüler ließ sich widerstandslos festnehmen. Er wurde aufgrund der Tatrekonstruktion vergangenen September aus der Untersuchungshaft entlassen.

"Eine Notwehrsituation hat es gegeben, aber das Mittel war nicht gerechtfertigt", sagte der Staatsanwalt. Der Faustschlag des Vaters habe nur eine Rötung bewirkt, der darauf folgende Messerstich durch den Sohn sei "absolut unverhältnismäßig" gewesen.

Rechtsanwalt Martin Preslmayr zeigte sich hingegen überzeugt, dass es eine Notwehrhandlung gewesen sei. Er sagte, die Familie habe in einer "unerträglichen Gewaltsituation seitens des Vaters" gelebt: "Angst war dort allgegenwärtig". Die Familienmitglieder hätten um ihr Leben und das der Mutter gefürchtet. Sein Mandant sei nach der Auseinandersetzung im Innenhof in sein Zimmer gelaufen und habe gehofft, dass ihm sein Vater nicht folge. Dann sei es zum ersten Faustschlag gekommen, "das heißt aber nicht, dass es der letzte sein muss", so der Verteidiger.

"Mein Mandant hat geglaubt, er ist in Lebensgefahr. Ob er es war, das kann heute niemand sagen", sagte Preslmayr. Das Messer sei im Zimmer gelegen, der Stich durch den Sohn "war keine Absicht", er "wollte ihn nicht verletzen, er wollte selbst überleben". Für einen "wuchtigen Stich" gebe es keinen Anhaltspunkt. Der Rechtsanwalt forderte einen Freispruch.

Angeklagter beschrieb 59-Jährigen als "Tyrann"

Im Korneuburger Prozess um einen tödlichen Messerstich beschrieb der Angeklagte seinen Vater als "Tyrann". "Es war immer so ein richtiger Druck in der Luft", berichtete der 19-Jährige über das Familienleben. An die eigentliche Tat konnte er sich nicht erinnern.

Die Familienmitglieder seien dem Vater aus dem Weg gegangen, sagte der Schüler. Von der Aggressivität des Landwirts seien vor allem seine Mutter, sein älterer Bruder und er selbst betroffen gewesen, so der Angeklagte, der sich selbst als "sehr ruhigen, friedlichen Menschen" beschrieb.

Das verwendete Karambit - ein sichelförmiges Messer aus dem asiatischen Raum - habe er gekauft, weil er es schön fand, so der Schüler. "Haben Sie ein Faible für Waffen?", wollte der Richter wissen. "Leicht", war die Antwort. Als der Richter während der Verhandlung drei Softguns in Form von Langwaffen oder Scharfschützengewehren des Angeklagten zeigte, sagte dieser, diese seien "reines Spielzeug". Er verwende nur Plastikkugeln.

Am 4. August sei die Stimmung sehr geladen gewesen, sein Vater habe ihn gepackt, getreten, gestoßen und beschimpft. Er habe ihn weggestoßen. Laut Anklage soll der Sohn ihm Vorwürfe gemacht haben, wie er die Familie behandle. Daran konnte sich der 19-Jährige nicht mehr erinnern. "Ich versuchte, dem Konflikt zu entgehen, und bin in mein Zimmer gerannt", erzählte er. Mit dem Messer in der Hand habe er sich in Abwehrhaltung begeben, an den Stich hatte er keine Erinnerung: "Das ist alles so schnell passiert, ich weiß es nicht mehr."

Das Zimmer des 19-Jährigen war nicht aufgeräumt, Softguns lagen auf dem Sofa, das Karambit auf dem Schreibtisch. "Wieso greifen Sie in dieser Unordnung ganz gezielt zu dem Messer?", fragte der Richter. Der Angeklagte meinte, vielleicht habe er auf den Tisch gegriffen, und das Messer sei zufällig da gelegen."Es ist einfach extrem belastend, wenn der wütende Vater, der einen jahrelang quält, 20 Zentimeter vor einem steht", sagte der Schüler. Er habe sich "gefühlt, als sei das mein letzter Tag". Sein Vater sei ihm körperlich überlegen gewesen.

Nach dem Messerstich war der Mann bewusstlos zusammengebrochen. Der 19-Jährige hatte nach Aufforderung seiner Mutter den Hausarzt und auch die Rettung verständigt. Die Einsatzkräfte konnten aber nichts mehr für den Landwirt tun.

Sachverständiger Wolfgang Denk sprach von einer "aktiven, durchaus kräftigen Stichführung", die eine Rippe durchtrennte. Der Stich gegen die linke Brust hatte den Herzbeutel sowie die Körperhauptschlagader geöffnet, der Niederösterreicher starb an Herzlähmung.