Achse

Erstellt am 27. November 2012 | 00:00
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Lager auf. Wie soll man damit umgehen?
Von Eva Lugbauer

BEZIRK / Oberndorfs Bürgermeister Franz Sturmlechner staunte nicht schlecht, als vergangenen Juni sieben Wohnwägen anrollten und sich am Parkplatz neben dem Fußballplatz aufbauten. Eine Gruppe Sinti und Roma war auf der Durchreise und wollte in Oberndorf für ein paar Tage Halt machen. „Ich hatte zuvor noch nie mit Sinti und Roma zu tun. Es ruft dich auch keiner vorher an und kündigt an, dass sie kommen“, erzählt Sturmlechner. Aber er habe gewusst, dass die Gruppe als ziehendes Volk das Recht habe, hier zu bleiben. „Dieses Recht ist in den Menschenrechten verankert“, weiß der Bürgermeister. Also „wohnten“ sie ein paar Tage neben dem Oberndorfer Fußballplatz.

Damit Bürgermeister in Zukunft von ähnlichen Situationen nicht überrumpelt werden, präsentierte der Regionalverband vergangene Woche einen Leitfaden für Gemeinden. „Wir möchten vor allem Bürgermeistern eine Hilfestellung geben, wie sie mit durchreisenden Sinti und Roma am besten umgehen“, sagt Regionalverband-Obmann Andreas Pum. So sei etwa wichtig, dass von Chef zu Chef gesprochen wird, dass am Stellplatz geeignete Sanitäranlagen vorhanden sind und man bei Problemen nicht sofort die Exekutive auf den Plan ruft.

Der Leitfaden (herunterzuladen auf www.regionalverband.at ) sei auch entwickelt worden, weil in letzter Zeit mehrere Gemeinden im Mostviertel - darunter Wieselburg, Steinakirchen und Amstetten - betroffen waren. Ob damit zu rechnen sei, dass die ziehenden Völker jetzt öfter in der Gegend bleiben? „Das ist schwer zu sagen, aber jede Gemeinde muss damit rechnen“, erklärt Regionalmanager Karl Becker.

„Bin hingegangen und hab‘ den Chef verlangt“ 

Die betroffenen Bürgermeister wissen meist Positives zu berichten: Nach der ersten Aufregung in Oberndorf etwa, die an jenem Samstag herrschte, als die Wohnwägen plötzlich den Parkplatz besiedelten, war bald alles geregelt. „Das Dumme war, dass an diesem Wochenende ein großes Fußballmatch auf dem Programm stand. Sie konnten also nicht mitten am Parkplatz bleiben, weil wir den Platz selber brauchten“, erinnert sich Bürgermeister Sturmlechner. „Ich bin also hingegangen und habe verlangt, den Chef zu sprechen.“ Dieser sei sehr gesprächsbereit gewesen. Schließlich habe man sich darauf geeinigt, dass die Gruppe ihre Wohnwägen einfach weiter hinten aufstellt. „Sie sind dann eine Woche dageblieben und es hat keine Probleme gegeben. Man muss nur auf der selben Augenhöhe mit ihnen reden.“

Ähnliches erzählt Wieselburgs Vizebürgermeister, Hermann Spring: „Sinti und Roma kommen sicher schon seit zehn Jahren nach Wieselburg.“ In der Messestadt stellen sie ihre Wohnwägen immer am Volksfestplatz auf. „Sie fahren dann zu den Leuten und wollen ihnen ihre Teppiche verkaufen, aber kriminelle Geschichten habe ich noch nie gehört“, sagt Spring.

Nicht ganz so häufig halten sich Sinti und Roma in Steinakirchen auf: „Heuer waren sie wieder da, aber das kommt nur alle paar Jahre vor“, weiß Bürgermeister Johann Schagerl. In seiner Gemeinde halten sie immer am Badparkplatz. „Sie hinterlassen immer alles sauber, die Leute haben sich noch nie beschwert.“

Anders ist die Situation in Amstetten, wo Sinti und Roma unter Umständen auch mehrmals im Jahr Halt machen: „Bei uns gibt es schon Konflikte mit der Bevölkerung“, weiß die Amstettner Nationalrätin Ulrike Königsberger-Ludwig. Gerade die Verunreinigung der Stellplätze rufe oft großen Unmut bei den Anrainern hervor.

Wer aber sind nun diese Menschen, die hier durch die Lande ziehen? „Sie kommen meistens aus Frankreich oder Belgien und haben dort oft auch Häuser. Aber sie möchten ihre Lebensweise einfach an ihre Kinder weitergeben, darum ziehen sie vom Frühling bis in den Frühherbst durch die Lande“, weiß Regionalmanager Becker.

„Diese Mentalität ist uns wirklich sehr fremd“, sagt Königsberger-Ludwig. Aber gerade deswegen sei es wichtig, in der Bevölkerung Verständnis dafür zu schaffen. Denn in einem sind sich alle einig: „Sinti und Roma sind friedliche Leute, sie haben keine bösen Absichten.“