Scheibbs

Erstellt am 22. Januar 2019, 04:30

von Karin Katona und Peter Führer

Häusliche Gewalt: „Allein kommt man nicht raus“. Fünf Frauenmorde erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Symbolbild

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die fünf Morde – vier davon in Niederösterreich – gemeinsam haben.

„Zwei Drittel der Gewalttaten gegenüber Frauen spielen sich im Beziehungszusammenhang ab“Tanja Mille, Mitarbeiterin der Frauenberatung Mostviertel

„Zwei Drittel der Gewalttaten gegenüber Frauen spielen sich im Beziehungszusammenhang ab“, weiß Tanja Mille, Mitarbeiterin der Frauenberatung Mostviertel, die auch eine Beratungsstelle in Scheibbs betreibt. Etwa ein Drittel der 62 Frauen, die sich 2017 an das Scheibbser Büro der Frauenberatung Mostviertel gewandt haben, waren Opfer von Gewalt. „Es ist wichtig, Hilfe zu suchen, denn es ist fast unmöglich, allein aus einer Gewaltbeziehung herauszukommen“, erklärt Tanja Mille.

„Viele Opfer leben in Abhängigkeiten. Durch die Gewaltsituation leidet das Selbstbewusstsein massiv. Aber es ist immer der Täter schuld, nicht das Opfer.“ Viele Frauen brauchen für den Beziehungsausstieg eine finanzielle Existenzabsicherung für sich und ihre Kinder: „Wir verweisen sie weiter an die Opferschutzeinrichtungen.“

Gewalt gegen Frauen spielt sich meistens familiären Umfeld oder im nähren Bekanntenkreis ab. Im überwiegenden Teil der Fälle kennen die Frauen ihren Peiniger.  |  John Gomez /Shutterstock.com

Eine solche Einrichtung ist das Frauenhaus in Amstetten: „Oft haben wir das Gefühl, dass Frauen unterschätzen, was passieren kann. Vor allem, wenn Gewalt vorher schon regelmäßig vorkommt“, betont Mitarbeiterin Maria Reichartzeder. Sie hat den Eindruck, das Ausmaß der Gewalt steige an. „Mir fällt auf, dass die Gewalt in vielen Fällen verheerender und vernichtender wird.“ Für betroffene Frauen stehen die Türen des Frauenhauses ( 07472/ 66500) immer offen.

Die Caritas-Männerberatung Mostviertel setzt zur Gewaltprävention bei den Tätern an: Sie bietet ihnen eine Chance, ihre hohe Gewaltbereitschaft unter Kontrolle zu bekommen. „Die Männer kommen aus verschiedenen Gründen zu uns. Teils, wegen einer richterlichen Weisung, teils, weil sie von der Polizei auf uns aufmerksam gemacht wurden. Viele kommen auch aus freien Stücken, weil sie Angst haben, gewalttätig zu werden“, erklärt Josef Aigner, der die Männer aus dem Bezirk Scheibbs betreut. Das Anti-Gewalt-Programm der Caritas besteht aus 20 Einzelgesprächen.

„In den Gesprächen geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen Gewalttat, die Selbstwahrnehmung und die Gefühle in Bezug auf die eigene Gewalt. Wichtige Themen sind auch Selbsteinschätzung und Selbstverantwortung.“

Betretungsverbote sind seit 2016 rückläufig

Das Gespräch mit den Tätern suchen auch die Präventionsbeauftragten der Polizei. „Die Präventionsbeauftragten führen nach Gewalttaten Gespräche mit Opfern und Tätern“, erklärt das Bezirkskommando. „Das sind keine Verhöre, sondern die Täter sollen ihr Fehlverhalten wahrnehmen. Viele sind einsichtig und auch erleichtert, dass sie auch ihre eigene Sicht der Dinge schildern dürfen.“

Vier Betretungsverbote seien im heurigen Jahr bereits verhängt worden – eine für den Bezirk überdurchschnittlich hohe Zahl. Ein „Trend“ zur Gewalt ließe sich nicht feststellen, ganz im Gegenteil. „2016 hat es 23 Betretungsverbote gegeben, 2017 waren es 19 und 2018 nur 13“, berichtet Bezirkspolizeikommandant-Stellvertreter Leopold Pitzl. „Den Grund für diese erfreuliche Entwicklung kennen wir aber nicht“, gibt Pitzl zu.

Andrea Humer, Vizepräsidentin des Landesgerichts St. Pölten, hat keine „gravierenden Beobachtungen“ gemacht, was einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen angeht. Was sich aber über einen längeren Zeitraum ziehe, sei ein generelle Anstieg der Aggressivität. „Die Hemmschwelle ist nicht mehr da. Heutzutage wird auf jemanden, der am Boden liegt, einfach noch weiter eingetreten. Eine verbale Diskussion gibt es nicht mehr.“ Das sei auch in Beziehungen zu beobachten.

Auffallend ist laut Humer auch der Umgang mit den Richtern: „Das Gericht wird häufig nicht mehr als Autorität wahrgenommen, es fehlt einfach der Respekt.“

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