Eva Hottenroth hofft auf ein "Weihnachtswunder". Seit Jahren engagiert sich Eva Hottenroth für Flüchtlinge. Sie ist Obfrau-Stellvertreterin des Scheibbser Kulturpreisträger-Vereins „Willkommen“ und Mitstreiterin der österreichweiten Aktion „courag.jetzt“ von Katharina Stemberger, Ferry Maier und Judith Kohlenberger. Heuer hat die 48-jährige Restauratorin eine besondere Adventaktion gestartet. Jeden Tag im Dezember schreibt sie einen individuell gestalteten Brief an einen österreichischen Politiker und hofft auf ein „Weihnachtswunder“, Denn Österreich solle endlich seine Haltung ändern und Flüchtlinge aus den griechischen Lagern aufnehmen.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 14. Dezember 2020 (15:14)
Eva Hottenroth aus Scheibbs
Eva Hottenroth aus Scheibbs schreibt im Dezember 24 Briefe an Politiker. Ihre Bitte: Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen.
Privat

Der erste Brief am 1. Dezember ging an Bundeskanzler Sebastian Kurz. Adressat des letzten Briefes, am 24. Dezember, wird Bundespräsident Alexander Van der Bellen sein. Rückmeldungen gab es bisher von den Büros von Vizekanzler Werner Kogler und Außenminister Alexander Schallenberg. Ihre Motivation für diese Aktion schildert sie im NÖN-Gespräch. 

NÖN: Wie ist es zu dieser Idee gekommen, dass Sie diesen Adventkalender starten?

Eva Hottenroth: Ich bin mit einigen afghanischen Familien befreundet und habe daher eine besondere Sensibilität für die Erfahrungen entwickelt, die meine Schützlinge und Freunde auf ihrer Suche nach Überleben und Frieden gemacht haben. Außerdem ist Doro Blancke, die „Ute Bock von Graz“ und jetzt die „Mutter Courage“ von Kara Tepe, gerade auf Lesbos und das, was sie mir schildert, ist nur sehr schwer erträglich.
Ich habe dadurch den Drang verspürt, etwas zu tun. Alleine schon für meine Psychohygiene ist das wichtig. Aber auch, weil ich mir, als Nachfahrin von Nazis (in dem Fall meine Großmutter), die so viel Schuld durch ihr Mitmachen bei einem verbrecherischen System auf sich geladen haben, aus der Geschichte lernen möchte. Ich habe mir geschworen, dass ich niemals Zusehen werde, wenn vor meinen Augen Unrecht geschieht. Und dass ich offensichtliche Menschenrechtsverbrechen niemals einfach so hinnehmen werde. Denn was in Griechenland und in Bosnien derzeit passiert, das sind schwere Menschenrechtsverbrechen.  

Sie sind auch Mitinitiatorin von "courage.jetzt". Mitbegründerin Katharina Stemberger ist ebenfalls gerade in Griechenland. Gab es schon Kontakt mit ihr?

Eva Hottenroth: Ja, und die Zustände sind unfassbar. Kahtarina Stemberger erzählt von Babys, die auf dem nassen Steinboden schlafen müssen und Ärzte ohne Grenzen versorgen Wunden, die von Rattenbissen stammen - denn in der Nacht dringen die Tiere ins Zelt ein und beißen die Kinder. Da wird mir als Mutter - noch dazu kurz vor Weihnachten - ganz einfach schlecht. Und das in unserem Urlaubsparadies und Sehnsuchtsort Griechenland - unfassbar!
Durch die Begleitung der geflüchteten Mitmenschen habe ich mich auch rechtlich informiert und eingelesen - unter anderem bei UNHCR Österreich, bei Amnesty International und beim Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte. Daher weiß ich jetzt, dass die europäische Menschenrechtskonvention in Österreich in Verfassungsrang steht. Und in dieser Konvention steht ganz am Anfang, dass niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden darf. Und, dass jedermann/jedefrau ein Recht auf Freiheit und Sicherheit hat. Diese und noch weitere Rechte werden den Menschen auf den griechischen Inseln derzeit verweigert. Das geht nicht und ist illegal. Wir müssen sie von dort evakuieren. Sofort. „courage.jetzt“ hat dafür über 3.000 sichere Plätze in Österreich gefunden, wo die gequälten Kinder, Frauen und Männer jederzeit aufgenommen werden können - und von vielen Leuten auch gut begleitet werden können. Die Blockade der österreichischen Regierung verstehe ich deshalb überhaupt nicht. Darum geht es mir, das auszudrücken. „It always seems impossible, until it is done“, hat Nelson Mandela gesagt.

Sie schicken an jeden Minister/Politiker eigene Schreiben, abgestimmt auf die Person/Funktion. Das ist einiges an Mühe. Ist man da enttäuscht, wenn relativ wenig Reaktionen kommen? 

Eva Hottenroth: Mir geht es um das Tun an sich. Es ist vorrangig nicht so wichtig, ob da eine Reaktion darauf kommt. Wobei ich mich schon in einen echten Dialog begeben möchte.  Es sollte aktive Programme geben, um Menschen aus Kriegsgebieten bei uns (zunächst temporär) aufzunehmen. Gerade die Menschen aus Syrien und Afghanistan haben so viel Schreckliches erlebt und werden großteils in den Nachbarländern, wo sie teilweise schon seit Jahren ihr Dasein fristen, so schlecht behandelt. Ali Heidari hat das in seinem  Buch „Die Erde hart, der Himmel so weit. Meine Flucht aus dem Land der Taliban“ treffend beschrieben. Es würde auch einen Teil des Wiederaufbaus dieser Länder bedeuten, wenn die Menschen hier arbeiten und das Geld, das sie verdienen, an die Zurückgebliebenen senden können. Dasselbe gilt auch für Geflüchtete aus Afrika. Menschen sind Menschen, egal woher sie kommen. Sie müssen an ihren Taten und Worten, nicht an ihrer Herkunft oder Religion gemessen werden. Übrigens konnte ich sehr viele Vorurteile, die wir gegenüber Afghanen haben, nicht bestätigt sehen. Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde. Das ist mein Leitsatz und für den setze ich mich ein - hier in Österreich und auf der ganzen Welt. Nachdem die Rechte und Würde der über 2.000 Kinder auf Lesbos massiv missachtet werden, muss ich aktiv werden. Wie man an den Aussagen von unter anderem Bischof Hermann Glettler oder Dompfarrer Toni Faber sehen kann, sind auch viele christliche Würdenträger dieser Ansicht. Das macht mir Mut und ich hoffe, dass viele andere Österreicher*innen und hier Lebende auch in diesen Chor einstimmen werden!

Haben Sie erwartet, dass es mit den Reaktionen zäh wird? 

Eva Hottenroth: Nein, eigentlich nicht. Bei einer Frageaktion an die wahlwerbenden Parteien vor zwei Jahren sind die Antworten dann auch nach einiger Zeit eingetrudelt.

Wie sind Sie mit den bisherigen Reaktionen zufrieden? 

Eva Hottenroth: Bis jetzt ist die Ausbeute eigentlich ganz ok: Ich habe bereits vom Büro von Vizekanzler Kogler, vom Büro von Außenminister Schallenberg und von der Beratungsstelle Justiz Antworten bekommen. Teilweise sogar recht detailliert und auch sehr persönlich. Und vielleicht macht meine Aktion ja auch Schule - wir Bürgerinnen und Bürger müssen jetzt selbst aktiv werden, wenn uns unsere demokratischen Werte und jene der Menschenrechte und des Gemeinwohls wichtig sind. Wir müssen unsere gewählten Vertreter zum Handeln auffordern und sollten sowohl die Klimakrise, die Gesundheitskrise als auch die „Pandemie des Rassismus“ miteinander aktiv angehen und handeln - jeder Mensch für sich und alle füreinander.