Pfarrer Franz Kronister: „Kirche ist kein Verein“. Zum 60. Geburtstag resümiert Pfarrer Franz Kronister im NÖN-Interview über seine Tätigkeit als Seelsorger, die Aufgaben der Kirche und die Chancen für die Kirche der Zukunft.

Von Karin Katona. Erstellt am 20. Februar 2019 (05:00)
Karin Katona

60 Jahre und kein bisschen leise – Pfarrer Franz Kronister ist bekannt für seine offene, unkonventionelle Art. Im NÖN-Interview erklärt er unter anderem, warum er sich nicht nur für Taufschein-Besitzer zuständig fühlt.

NÖN: Sie sind vor 25 Jahren nach Purgstall gekommen. Konnten Sie sich die Pfarre selbst aussuchen?

Kronister: Ich habe Purgstall schon 1985 als junger Pastoralkaplan kennengelernt. Als die Pfarre 1993 frei wurde – ich war damals Kaplan im St. Pöltner Dom – habe ich mich darum beworben und wurde unter drei Kandidaten ausgewählt.

Warum ausgerechnet Purgstall?

Kronister: Ich habe mir eine Landpfarre gewünscht. Ich komme vom Land, das ist mir ins Herz geschrieben. Und in Purgstall habe ich mich immer besonders wohl gefühlt.

Wie haben sich die Dinge in Purgstall für Sie entwickelt?

Kronister: Ich hatte großes Glück. Ich durfte mir ein tolles Team aufbauen. Es passt alles wunderbar, mit der Pfarre, den Menschen und der Pfarrhoffamilie. Unglaublich, aber wahr: Es gibt in Purgstall insgesamt etwa 400 Menschen, die sich durch irgendeinen Dienst ins Pfarrleben einbringen.

Haben Sie je überlegt, wieder wegzugehen?

Kronister: Nach 20 Jahren, also 2013, habe ich mir schon die Frage gestellt: Ich habe jetzt meine „Halbzeit“ als Priester, wenn ich weggehen möchte, dann müsste es jetzt sein. Aber ich habe mich entschieden, zu bleiben, habe eine Auszeit von fünf Monaten genommen.

Ist Purgstall für Sie eine Heimat geworden?

Kronister: Ich bin nach meiner Auszeit zurückgekommen in dem Bewusstsein, ich bin hier daheim, hier darf ich leben und bleiben. Aber die Auszeit war eigentlich schon die Entscheidung gewesen, zu bleiben.

Sie sind in Ihrer Pfarre außerordentlich beliebt, aber Ihre Offenheit nicht immer unumstritten ...

Kronister: Ich bin meiner Linie und meinen Überzeugungen immer treu geblieben, weil ich gar nicht anders kann. Ich sage nicht, dass ich die Wahrheit verkünde, sondern meine Gedanken darüber. Und ich weiß, dass viele Menschen sich offenere Wege wünschen. Aber auch Kritik anzunehmen ist wichtig – sonst könnte man sich verrennen.

Sind Sie stolz auf die Projekte, die Sie hier verwirklicht haben, wie zum Beispiel das Pfarrheim?

Kronister: Natürlich freue ich mich über die Bauerfolge. Das Pfarrheim und die Kirchenrenovierung inklusive neuem Kirchenplatz, das sind schon tolle Sachen. Aber im Prinzip haben diese Projekte nur eine Dienstfunktion. Sie sollen die eigentliche Botschaft nicht verdecken. Ich bin nicht der Pfarrherr, der eine neue Kirche will, sondern ich leiste Priesterdienst an den Menschen.

Wie darf man das verstehen?

Kronister: Wir haben die Aufgabe, den Menschen das Fenster zur Urliebe Gottes zu öffnen. Zu sagen, da schau her, es ist noch viel mehr da. Die Gefahr ist nur, dass wir davor stehenbleiben und die Aussicht verdecken – zum Beispiel durch Machtstreben oder Personenkult. Die Kirche ist für die Menschen da und nicht umgekehrt.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die nicht gläubig sind?

Kronister: Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Die Kirche ist kein Verein, der nur für Mitglieder da ist. Wir sind für alle Menschen da, egal, ob sie einen Taufschein haben oder nicht. Und wenn ich für jemanden das Fenster aufmachen kann und er weiter mitgehen möchte, dann freue ich mich.

Wie kann man in Zeiten des Priestermangels für alle da sein?

Kronister: Die Not zwingt uns zu lebendigen, kreativen Lösungen. Wie etwa, dass bewährte Frauen und Männer Pfarren leiten.

Das heißt, Frauen sollen Seelsorger sein – aber nur im Notfall?

Kronister: Nicht als Notlösung, sondern aus Prinzip. Es ist unerträglich, dass Frauen aus diesem Dienst ausgeschlossen sein sollen. Es ist auch unerträglich, wenn in die erste Schicht nur eine männliche Elite kommt. Ob ein Mann oder eine Frau die Botschaft vermittelt, ist egal.

Es tut sich viel in der Kirche, aber wird das je möglich sein?

Kronister: Ja, es hat sich einiges getan. Vor 25 Jahren hätte ich meine Meinung nicht so offen sagen können. Vielleicht steckt hinter den derzeitigen Problemen der Heilige Geist, der schon jahrzehntelang anklopft. Wir hätten es in der Hand, mutig neue Wege zu gehen.

Skandale, Missbrauch in der Kirche – in der Kirche gärt es. Wie sehen Sie das?

Kronister: Das alles ist schrecklich und tut sehr weh. Die Kirche befindet sich im Moment in einem Riesen-Geburtsprozess. Meine Hoffnung ist, dass durch das, was jetzt so weh tut, eine erneuerte Kirche entsteht, die frisch ist für den Dienst am Leben und an den Menschen.

Was möchten Sie den Menschen sagen, die an der Kirche zweifeln?

Kronister: Vertraut nicht der Kirche, sondern Gott. Kommt ab und zu in den Gottesdienst, um im gemeinsamen Feiern das Wir-Gefühl zu stärken.