roten Teppich aus“

Erstellt am 21. Jänner 2014 | 23:59
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Foto: NOEN, Foto: privat
Die NÖN fragte nach, wie sehr der Ärztemangel den Bezirk beschäftigt.
Von Eva Lugbauer

PUCHENSTUBEN, BEZIRK / Als Doktor Norbert Frühmann vor 30 Jahren die Landarztpraxis in Puchenstuben übernahm, war er froh, eine Kassenplanstelle gefunden zu haben. Heute ist die Situation anders. Erst vergangene Woche schlug die Ärztekammer Alarm, dass mehr als ein Drittel der ausgeschriebenen Kassenplanstellen in NÖ mangels Bewerbern derzeit nicht besetzbar sei. Auch die Kassenplanstelle in Puchenstuben ist seit Anfang Jänner nicht mehr besetzt, denn Ende des Jahres trat der Puchenstubener Arzt, Norbert Frühmann, den Ruhestand an.

Eine Bewerberin für seine Nachfolge habe es zwar gegeben. „Aber die Kollegin musste wegen eventueller Auflagen für einen Wochenendbereitschaftsdienst ihre Bewerbung zurückziehen“, weiß Frühmann. Die Puchenstubner müssen im Moment also mindestens bis nach St. Anton/Jeßnitz oder Frankenfels – beide Orte liegen mehr als zehn Kilometer entfernt – fahren, um den nächsten Arzt zu erreichen.

„Eine fast familiäre Nähe zu Patienten"

Wieder einen Arzt für das 300-Seelen-Dorf zu finden, ist Frühmann ein großes Anliegen. Natürlich, die Lage sei etwas exponiert. Doch in Puchenstuben genieße man auch viele Vorteile. Davon ist Frühmann genauso überzeugt wie von der Tatsache, dass die Praxis wirtschaftlich geführt werden könne. „Ein zweites Standbein oder eine Zusatzausbildung wie Akupunktur oder Homöopathie wäre sicher von Vorteil“, sagt Frühmann, der selbst eine komplementärmedizinische Fachausbildung hat.

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Doktor Norbert Frühmann führte gemeinsam mit seiner Gattin 30 Jahre lang die Landarztpraxis in Puchenstuben: »Sie ermöglichte uns und unseren vier Kindern ein gutes Leben.« Besonders die hohe Lebensqualität inmitten unberührter Natur und die familiäre Nähe zu den Patienten schätzte er sehr.
Foto: NOEN, Foto: privat

Außerdem könne man auch Patienten aus dem mittleren Umfeld gewinnen, zum Beispiel mit dem Faktor Zeit. „Zu mir kamen auch Patienten aus Purgstall oder Gresten, ganz einfach, weil ich mir viel Zeit für meine Patienten genommen habe.“ Ein gutes Leben sei auf jeden Fall möglich, ist Frühmann überzeugt. „Die Praxis ermöglichte allen unseren vier Kindern eine gute Ausbildung und uns einen überschaubaren Wohlstand. Dem moderaten Einkommen gegenüber stand eine hohe Lebensqualität inmitten unberührter Natur und eine fast familiäre Nähe zu den Patienten.“

Sehr bemüht, einen Arzt ins Dorf zu bekommen, zeigt sich auch die Gemeinde. „Wir legen einem neuen Arzt oder einer Ärztin bestimmt keine Steine in den Weg“, sagt Bürgermeister Christian Kogler. „Im Gegenteil: Wir rollen einen roten Teppich aus.“ So werde man einem Bewerber gerne Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Kogler kann sich gut vorstellen, die neue Arztpraxis im alten Postgebäude unterzubringen, das die Gemeinde demnächst kaufen möchte. „Es fehlt nur noch die aufsichtsbehördliche Genehmigung des Landes“, so Kogler. Er hoffe, dass diese in den nächsten Tagen erteilt werde. Bis zum Frühling wäre die Arztpraxis bezugsbereit. „Auch bei Miete und Betriebskosten würden wir dem Arzt entgegenkommen“, verspricht Kogler. Generell sei man in Puchenstuben optimistisch, einen Arzt zu finden. „Ich bin mir sicher, dass es da draußen einen Arzt gibt, der die Situation in Puchenstuben zu schätzen weiß.“

Einige Pensionierungen im Bezirk stehen bevor

Einige weitere Pensionierungen von Hausärzten im Bezirk Scheibbs stehen in den kommenden Jahren bevor, weiß Bezirksärztesprecher Karl Brandstetter. „Eine Hand voll Kollegen ist jetzt um die sechzig Jahre alt, da wird eine Pensionierung in den nächsten Jahren wahrscheinlich aktuell.“ Das betreffe aber Praxen in Gresten, Scheibbs und Wieselburg. „Das sind eher große Praxen, ich denke nicht, dass es ein Problem wird, die nachzubesetzen“, hofft Brandstetter. Wissen könne man das allerdings nie. „Kürzlich hat man sogar für eine Praxis in St. Pölten keinen Bewerber gefunden, das ist schon ein Hammer“, erzählt Brandstetter.

Was er als Grund dafür sieht, dass der Beruf des Allgemeinmediziners nicht mehr unbedingt attraktiv ist? „Ein Hauptproblem ist die Bürokratie“, so der Purgstaller Arzt. „Die EDV frisst uns.“ Mit der geplanten elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) komme wieder ein Mehraufwand hinzu. „Da denken sich viele, das tu‘ ich mir nicht an, ich bleib lieber in einem Krankenhaus.“ Hinzu komme, dass die finanzielle Situation von Allgemeinmedizinern nicht mehr die beste sei. „Und 24 Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen, passt wahrscheinlich auch nicht mehr in die Work-Life-Balance von vielen.“

Turnusärzte: „Stellen uns auf Defizit ein“ 

Auch der Turnusärztemangel in Krankenhäusern wird in letzter Zeit immer wieder zum Thema. In einer offiziellen Stellungnahme der NÖ Landeskliniken-Holding heißt es dazu: „Der Turnusärztemangel ist systembedingt. Mittel- und langfristig wird ohne Anhebung der Studienplätze der Ärztebedarf weder in den Krankenhausbetrieben noch in der niedergelassenen Versorgung in der jetzigen Form aufrechterhalten werden können.“ Die Versorgung der Patienten sei aber zu keiner Zeit gefährdet.

„Es wird nicht so bleiben, wie es ist“, ist auch Friedrich Steger, Primarius im Krankenhaus Scheibbs, überzeugt. Grund für die angespannte Situation sei zum einen die Limitierung der Studienplätze, zum anderen das Ruhezeitgesetz, das eine Limitierung der Überstunden der Ärzte vorsieht. „In Scheibbs gibt es im Moment keinen eklatanten Mangel an Turnusärzten, aber wir stellen uns auf ein Defizit bei der Nachbesetzung ein“, sagt Steger. Entsprechende organisatorische Maßnahmen habe man schon umgesetzt. „Bei uns hat das Pflegepersonal schon Aufgaben von Turnusärzten übernommen, zum Beispiel bei der Blutabnahme“, weiß Steger.

Ein Indikator für die geänderte Situation sei weiters, dass es in Scheibbs keine Wartezeiten mehr für Turnusarztstellen gebe. Das zeigt auch der „Turnusärzte-Barometer“ auf der Homepage der Landeskliniken-Holding. Hier stehen sämtliche Barometer der NÖ Landeskliniken auf Grün, was bedeutet: unter drei Monate Wartezeit. Auf Rot stehen nur drei Barometer: Jene der Krankenhäuser Mödling, Baden und Tulln. Dort beträgt die Wartezeit auf eine Turnusarztstelle über sechs Monate.