Erstellt am 27. Mai 2018, 03:57

von Carina Rambauske

„Es braucht klare, gesetzliche Rahmenbedingungen“. Der Gebäudesektor ist für rund ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Franziska Trebut, Bereichsleiterin für Energie und Innovatives Bauen bei der ÖGUT, sprach mit Carina Rambauske über nachhaltiges Bauen als Beitrag zum Klimaschutz.

Im Dezember 2015 wurde im Klimaschutzabkommen von Paris beschlossen, die globale Temperaturerhöhung auf +2°C zu begrenzen und Anstrengungen zur Einhaltung einer Erhöhung von maximal +1,5°C zu unternehmen. Der Gebäudesektor erfüllt dabei eine wesentliche Aufgabe.  |  petrmalinak / Shutterstock.com

NÖN: Modernes Bauen bedeutet zukunftssicheres Bauen. Doch was genau kann man sich darunter vorstellen?

Franziska Trebut: Zukunftssicheres Bauen ist vor allem nachhaltig, indem es einen Ausgleich zwischen sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Zielsetzungen anstrebt. Zudem muss es ressourcenschonend sein, also sorgfältig mit Landschaft, Boden, Energie und Rohstoffen umgehen. Zukunftssicheres Bauen ist hochwertig, da es sorgfältig geplant und ausgeführt wird sowie anpassungsfähig auf technologische, ökologische, ökonomische und soziale Veränderungen reagieren kann.

Und auch der Klimaschutz ist ein Thema?

Trebut: Aus ökologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Sicht muss ein klarer Beitrag zum Klimaschutz erfolgen. Das bedeutet: Weniger Energie verbrauchen, CO2 reduzieren, die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern anstreben und die Dekarbonisierung des Gebäudesektors fokussieren. Für all das braucht es dringend klare gesetzliche Rahmenbedingungen in der Bau- und Raumordnung. Und das möglichst bald.

Inwiefern beeinflussen Faktoren wie beispielsweise Mobilität und demografische Entwicklungen nachhaltiges Bauen und Wohnen?

Trebut: Die Fläche pro Person und Dichte sind entscheidende Faktoren – bei der Planung einzelner Gebäude und der Siedlungsentwicklung. Dabei muss die Mobilität verstärkt einbezogen werden. Alternativen zu motorisierten Individualverkehr sind essenziell: Angebote des öffentlichen Nah- und Radverkehrs sowie Sharing. Wachsende Städte, Bevölkerungsanstieg, die zunehmend alternde Gesellschaft und die Digitalisierung sind große Herausforderungen für den Gebäudesektor und gleichzeitig eine Einladung, neue Konzepte des Wohnens und Arbeitens zu wagen.

Wie können Gebäude klimatischen Veränderungen angepasst werden?

Trebut: Die Auswirkungen des Klimawandels erfordern eine robuste Bauweise, indem auf die äußeren Umstände mehr Bezug genommen wird. Beispielsweise bei der Frage des Bauorts – Stichwort Bauen in Hochwassergebieten. Gegen die Überhitzung und die steigenden Hitzetage sind bauliche Sonnenschutz-Maßnahmen dringend erforderlich.

Wie schaut die Situation hierfür konkret in Österreich aus?

Trebut: Es gibt gute Ansätze und Voraussetzungen, wie beispielsweise zur Dekarbonisierung des Stromsektors aufgrund des hohen Anteils der Wasserkraft in Österreich. Allgemein gibt es aber noch viel Luft nach oben. Konkrete, mit Zahlen und Teilschritten hinterlegten Zielsetzungen und Umsetzungsinstrumente bis zum Jahr 2050, gibt es kaum.

Woran scheitert es?

Trebut: Es braucht für alles gesetzliche Rahmenbedingungen. Je klarer, einheitlicher und langfristig planbarer die Zielvorgaben sind, desto einfacher ist es, diese umzusetzen – vor allem für Unternehmen. Die Kompetenzverteilung in den Bereichen Raumordnungs-, Bau- und Förderrecht erschwert das Setzen von österreichweit einheitlichen Rahmenbedingungen für den Gebäudesektor.

Niedrigenergiehaus, Passivhaus etc.: Was ist mittlerweile Standard und zukunftsträchtig?

Trebut: Dichte Gebäudehüllen sind mittlerweile Standard. Unabhängig davon, wie gut die Bauteile gedämmt sind – dicht sind die Anschlüsse immer, weshalb aus Gründen der Innenraumlufthygiene der Einbau einer Komfortlüftung notwendig wäre, welche vor allem im Wohnbau oft fehlt. Passivhaushüllen werden sich in Zukunft durchsetzen.

Sanierung im Ortskern vs. Neubau auf der grünen Wiese: Wie wichtig sind Sanierungen von Beständen?

Trebut: Die Sanierung bestehen der Gebäude ist die zentralste Aufgabe und wesentlichste Herausforderung, um die gesetzten Klimaziele zu erreichen. Über 60 Prozent des aktuellen Gebäudebestands in Österreich wurde vor 1980 errichtet, wovon ein hoher Anteil thermischen Sanierungsbedarf aufweist.

Die Sanierung alter Gebäude, vor allem im Ortsgebiet, sollte Vorrang haben, da hier in jeder Hinsicht ressourcenschonend – Landschaft, Boden, Energie, Rohstoffe – agiert und bereits vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann. Hierfür braucht es mehr Anreize. Österreich zählt in Sachen Bodenverbrauch zu den Spitzenreitern in Europa. Pro Tag verschwinden rund 15 Hektar Boden unter Gebäuden und Straßen. Neubau auf der grünen Wiese sollte lediglich, und wenn ausschließlich in verdichteter Form, in wachsenden Regionen gestattet sein.

Wie wichtig sind Gütesiegel, Auszeichnungen und Preise für innovative Gebäudeprojekte?

Trebut: Sehr wichtig. Sie geben Ansporn, sie sind Planungsleitfaden und Qualitätssicherungstool, insbesondere dann, wenn sie mit ihren Kriterien über die Errichtung hinausreichen und dadurch einen Beitrag leisten, dass die geplante Performance auch im Betrieb erreicht wird.

Was sind die Herausforderungen der Zukunft am Gebäudesektor und was gilt es, dafür jetzt zu tun?

Trebut: Herausforderungen der Zukunft sind der Klimawandel, der Biodiversitätsverlust und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es gilt, die Dekarbonisierung des Gebäudesektors zu fokussieren. Das erfordert einen umgehenden Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, eine hohe Energieeffizienz, einen reduzierten Pro-Kopf-Flächenverbrauch sowie die (verpflichtende) Sanierung von Altbeständen und die Vermeidung von weiterer Flächenversiegelung.

Carina Rambauske/NÖN-Sonderjournal-Redaktion