Jetzt fix: Zuckerfabrik in Leopoldsdorf bleibt. Agrana-Aufsichtsrat sprach sich nach erfolgreicher Kontrahierung einstimmig für Erhalt des Standorts Leopoldsdorf aus.

Von Stefan Havranek. Erstellt am 03. Dezember 2020 (04:40)
Agrana-Vorstandsvorsitzender Johann Marihart, Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf, Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, Rübenbauernpräsident Ernst Karpfinger und Agrana-Aufsichtsratsvorsitzender Erwin Hameseder (v.l.) sind erfreut über die Rettung der Zuckerfabrik.
Filzwieser

Der Aufsichtsrat der Agrana hat wie erwartet beschlossen, dass die Zuckerfabrik mit rund 150 Mitarbeitern zumindest bis nächstes Jahr in Betrieb bleibt. Das sei aufgrund der für den Anbau 2021 mit den Bauern kontrahierten Zuckerrübenfläche in Österreich von rund 38.200 Hektar wirtschaftlich sinnvoll, erklärte Agrana-Chef Johann Marihart.

Die zentralen Punkte der Einigung: Vom Bund und von den Bundesländern gibt es Hilfszusagen für die Bauern, die eine Prämie von 250 Euro je Hektar bekommen sollen, wenn der erste Zuckerrübenanbau durch Schädlinge vernichtet werden sollte und die Landwirte auf der betroffenen Fläche neuerlich Rüben anbauen. Die Agrana garantiert die Abnahme der Zuckerrüben weiter mit Verträgen. Saatgut wird bereitgestellt. Wird der erste Anbau von Schädlingen vernichtet, trägt der börsennotierte Stärke-, Frucht- und Zuckerkonzern die Saatgut-Kosten für den Wiederanbau.

„Die Hilfe für Rübenbauern ist gemessen an den Corona-Hilfen nur eine Kommastelle“ VP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner

„Speziell in unserem Hauptanbaugebiet Niederösterreich wird damit die Produktion um rund acht Prozent steigen“, ist VP-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger erfreut. Wie hoch die Kosten für die Hilfen an die Rübenbauern ausfallen werden, lasse sich derzeit noch nicht beziffern. „Wir wissen nicht, wie groß die Schadfläche im nächsten Jahr sein wird.“ Vor zwei Jahren seien rund 10.000 Hektar an Rübenfläche vom Rüsselkäfer vernichtet worden. Diesmal sehe es wegen des relativ feuchten Herbstes besser aus, die Schadfläche dürfte im nächsten Jahr daher „überschaubar“ bleiben.

„Das, was es an Unterstützung geben muss, wird bereitgestellt“, betonte Köstinger. Auch die erforderlichen Pflanzenschutzmittel werde es auf jeden Fall geben. Die Kosten würden je zur Hälfte vom Bund und von den Bundesländern getragen, vor allem Niederösterreich, aber auch Oberösterreich und der Steiermark. Wien und das Burgenland habe man „nicht mitnehmen können“.

Gemessen an Corona-Hilfen im Milliardenausmaß sei die Hilfe für Rübenbauern laut VP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner „nur eine Kommastelle“. Die mehr als 150 gesicherten Arbeitsplätze seien in einer Region wie dem Marchfeld von wesentlicher Bedeutung.

Insgesamt brauche man für den Betrieb der zwei Zuckerrüben-Werke – neben Leopoldsdorf gibt es auch ein Werk in Tulln – 38.000 Hektar Anbaufläche, so Agrana-Aufsichtsratsvorsitzender Erwin Hameseder. Aber da es immer auch Schwankungen gebe, werde man „nicht mit dem Erbsenzählen beginnen“.

In den letzten 15 Jahren seien in der europäischen Zuckerindustrie 25.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, so Agrana-Betriebsrat Thomas Buder. Auch die Agrana hat 2006 den Standort Hohenau geschlossen. Für Leopoldsdorf „hatten wir im Hintergrund einen Sozialplan, der unterschriftsreif daliegt“, den man aber nicht benötige.

Der Präsident der österreichischen Rübenbauern, Ernst Karpfinger, zeigte sich über den einstimmigen Beschluss des Aufsichtsrates „sehr erleichtert“. Im besten Fall werde die nun gefundene Lösung nichts kosten, wenn die Schäden aufgrund des Wetters gering ausfallen. Der Rüsselkäfer werde aber auch in Zukunft ein Problem für die Rübenbauern bleiben. „Ich glaube, unser Schicksal hängt von diesem berühmten Rüsselkäfer ab.“

Erleichterung im Bezirk groß

Auch im Bezirk ist die Erleichterung groß: „Die Bauern haben trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, sei es durch Klimawandel, Schädlingsdruck oder aufgrund schwieriger Marktsituationen gezeigt, sie halten an der Rübe fest. Die Absicherung des Verarbeitungsstandorts ist nicht nur für die Landwirtschaft wichtig, sondern für die ganze Region“, gibt sich Bauernbundmandatarin VP-Nationalrätin Angela Baumgartner erfreut über den Erhalt und Zusammenhalt in Krisenzeiten.

Manfred Zörnpfenning, Obmann der Bezirksbauernkammer Gänserndorf, betont: „Auf die Bauern ist Verlass. Sie sichern durch ihre Entscheidung, zu kontrahieren die Versorgung mit heimischem Zucker, Arbeitsplätze und wesentliche Infrastruktur im Bezirk. Einmal geschlossen, wäre die Fabrik für immer verloren.“

Der gemeinsame Einsatz von Politik, Rübenbauern, Interessenvertretung und Agrana habe sich gelohnt. Gleichzeitig sind sich beide einig, dass in den nächsten Jahren die große Aufgabe darin liegt, die Produktionssparte Rübe so weiterzuentwickeln, dass die bäuerlichen Betriebe Sicherheit sowie klare und planbare Rahmenbedingungen für eine langfristige, zukunftsfähige Perspektive haben.

„Ich hätte mir eine längerfristige Lösung gewünscht“, so der Leopoldsdorfer SP-Bürgermeister Clemens Nagel. SP-Bezirksvorsitzende Karin Renner dankte „allen, die sich an einen Tisch gesetzt haben, und eine Schließung verhindert haben“. Walter Rotter, Betriebsratsvorsitzender: „Der Verlust von über 100 Arbeitsplätzen ist zumindest bis 2021 vom Tisch.“