Diebe mit „Erinnerungslücken“ wurden verurteilt

Prozess wegen gewerbsmäßigen Diebstahls am Landesgericht Korneuburg: Selbst nach vielen handfesten Beweisen gaben die zwei Angeklagten an, nicht an Diebstählen beteiligt gewesen zu sein.

Christian Pfeiffer Erstellt am 24. September 2021 | 05:06
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Auch wenn der Angeklagte versuchte, seine Hände in Unschuld zu waschen – die Beweislast gegen ihn war zu groß.
Foto: Shutterstock/ New Africa

Immer wieder betonte ein 40-jähriger Weißrusse in seinem Prozess wegen gewerbsmäßigen Diebstahls am Landesgericht Korneuburg, wie schlecht es ihm persönlich ginge. Und tatsächlich – zuerst hatte er’s mit den Ohren, was seiner Dolmetscherin das Leben nicht leichter machte, danach litt er an einer beängstigenden Form von Amnesie und schließlich, als es um Beweisfotos aus den Überwachungskameras ging, versagten seine Augen.

Nicht ganz so marode gab sich der Zweitangeklagte (35) aus Georgien, jedoch war auch sein Erinnerungsvermögen ausgesprochen eingetrübt. Beide – die als Gemeinschaftstäter und Teil einer kriminellen Vereinigung angeklagt waren – konnten sich, mehr oder weniger, an ihren Diebstahl am 13. Juli dieses Jahres in einer Drogerie in Baden erinnern und waren ausschließlich zu diesem Faktum geständig. In allen anderen fünf Anklagepunkten, die ihnen Staatsanwalt Thomas Ernst vorhielt, versagte ihr Gedächtnis komplett.

Dazu gehörten weitere vollendete und versuchte Diebstähle im Juli in einer Drogeriefiliale und einem Elektromarkt in Wieselburg und Spratzern, in einen Supermarkt in Steyr und zuletzt auch Parfümdiebstähle in Gänserndorf und Strasshof. Auf den Aufnahmen der diversen Videoüberwachungen konnten die beiden keine Ähnlichkeiten mit sich selbst feststellen, wobei zumindest der 40-Jährige eine durchaus prägnante Körperhaltung zeigte, wie auch Richter Martin Gall-Vanek befand: „Das Äußere passt sehr gut.“

Alle Beweise waren nur „reiner Zufall“

Was dieses Verfahren auch prägte, waren Zufälle, wie etwa, dass sich die beiden Angeklagten – völlig unabhängig voneinander – zu denselben Zeiten an denselben Orten aufhielten. Ebenfalls vollkommen zufällig befanden sich Dokumente beider Angeklagten in einem Auto eines weiteren Mittäters – im Falle des Weißrussen sogar dessen DNA an Trinkflaschen. Und nicht zuletzt eine „blaue Zange“, von der jeder der beiden zufällig eine mit sich führte, als sie am 13. Juli in Baden verhaftet wurden.

„Alles Zufall“, fragte Ernst rhetorisch bei seinem Schlussplädoyer und war von seiner eigenen Antwort überzeugt: „Nein.“ „Bei dem Erstangeklagten gibt’s keine Diskussion“, so Ernst, der auch auf die Vorverurteilung des 40-jährigen Weißrussen vom Landesgericht Graz im März dieses Jahres anspielte, bei dem dieser – wegen einschlägiger Delikte – zu acht Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Beim Zweitangeklagten sah er die Beweislage als „nicht 100-prozentig zwingend“.

Das Bild, das sich Richter Gall-Vanek vom Verfahren machen konnte, mündete in einer Verurteilung zu 18 Monaten unbedingter Freiheitsstrafe für den Weißrussen und neun Monaten bedingt für den bisher unbescholtenen Georgier, der auch in drei Anklagepunkten freigesprochen wurde.

Hoffnungsfroh fragte der ehemalige Asylwerber, ob er jetzt nach Georgien abgeschoben werde. „Ob Sie die Fremdenpolizei jetzt in Schubhaft nimmt, weiß ich nicht“, konnte der Strafrichter dem Mann in diesem Belang nicht weiterhelfen.