Eiserner Vorhang: "Kommt’s und fahrt’s dann heim“. Die NÖN sprach mit Historiker Rudolf Streihammer und Pfarrer Kazimierz Wiesyk über die damalige Zeit.

Von Manuel Mattes, Edith Mauritsch und Christoph Szeker. Erstellt am 08. Mai 2019 (03:03)

30 Jahre ist es mittlerweile her, dass der damalige österreichische VP-Außenminister Alois Mock den Eisernen Vorhang durchtrennte. Damit hatte die unsägliche Teilung Europas in marktwirtschaftlich orientierte demokratische Staaten im Westen und planwirtschaftlich geleitete Diktaturen im Osten ein Ende.

Die NÖN hörte sich im Bezirk um und sprach mit Zeitzeugen und Experten über die damalige Zeit sowie Erwartungen, die mit dem Verschwinden des Eisernen Vorhang einhergingen.

Der promovierte Historiker, pensionierte Gymnasiallehrer und Zistersdorfs Ex-VP-Bürgermeister Rudolf Streihammer erinnert sich zurück: „Ich war selbst vor dem Fall des Vorhanges nie in Tschechien und bin dann im Dezember das erste Mal hinübergefahren. Zu Beginn waren vor allem die Geschäftsleute begeistert.“ Im Mai 1990 wurde dann die Städtepartnerschaft mit Hodonín besiegelt – vor dem Hintergrund, dass es in beiden Städten Erdöl und Wein gab. Die Partnerschaft sollte die wirtschaftlichen Kontakte stärken.

„Tschechische Bürger wollten Elektrogeräte“

Streihammer weiter: „Die Tschechen kamen nach Österreich, um Elektrogeräte zu kaufen. Eine Zeit lang ist daher ein Mal pro Woche ein Bus von Hodonín nach Zistersdorf gefahren, der von der Zistersdorfer Wirtschaft organisiert wurde.“

Nicht alle hätten die Tschechen wohlwollend aufgenommen. Es habe eine Art „gläserne Wand“ gegeben, weil einige Leute den Bürgern des ehemaligen Ostblocks mit der Einstellung „Kommt’s rüber und schaut’s euch des an, aber fahrt’s dann schnell wieder zurück“ gegenübergestanden seien. „Der große Aufreger in der Bevölkerung war der Fall des Eisernen Vorhangs aber nicht“, schließt Streihammer. Kazimierz Wiesyk, Pfarrer in den Gemeinden Schönkirchen-Reyersdorf, Matzen-Raggendorf, Bockfließ und Auersthal, wurde am 6. Mai 1979 in Oltarzew (Polen) zum Priester geweiht. Er erlebte den Kommunismus in seinem Heimatland hautnah mit: „Die Menschen wurden praktisch entmündigt, es gab keine Meinungsfreiheit und eine Zweiklassen-Gesellschaft. Es fehlte im Alltag an allem, was Menschen zum Leben brauchten.“

Was war eigentlich seiner Ansicht nach ausschlaggebend für den Fall des Eisernen Vorhangs? „Die damalige Welt musste früher oder später zerplatzen. Es fehlte nur an einer Zündung.“ Diese sei gekommen, als Karol Wojtyla, der damalige Erzbischof von Krakau, 1978 zum Papst gewählt wurde. „Ein Jahr später hat er in Warschau folgende Worte zum Volk gesprochen: ‚Es möge der Heilige Geist herabkommen und das Antlitz der Erde erneuern, dieser Erde.‘ In diesem Moment stand ich etwa 50 Meter entfernt von seinem Altar“, so Wiesyk weiter.

Der Fall der Berliner Mauer habe damals die Heilung der Wunden des Zweiten Weltkrieges bedeutet. Die Kirche habe eine wichtige Rolle gespielt, die nicht genug gewürdigt worden sei.

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