Johann Hofbauer: „Die Grenze war angsteinflößend…“. Johann Hofbauer sprach mit Markus Lohninger über seine böhmischen Omas, die tote Grenze, die Zeit nach 1989.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 19. Januar 2019 (04:33)
M. Lohninger
Altabgeordneter/Euregio-Gründungsobmann Johann Hofbauer am Grenzübergang Gmünd-Böhmzeil mit Original-Stacheldraht, den er 1989 von Soldaten gegen eine kleine Spende übernommen hatte.

NÖN: Heuer jährt sich der Fall des „Eisernen Vorhangs“ zum 30 Mal. Sie haben die Zeit danach als Landtags-Abgeordneter und Bezirksobmann der ÖVP sowie erster Obmann der Europaregion Silva Nortica für grenzüberschreitende Zusammenarbeit intensiv begleitet. Was verbinden Sie heute noch mit der ehemaligen Grenze zur Tschechoslowakei?

Johann Hofbauer: Meine ersten 40 Lebensjahre an der Grenze waren vom Eisernen Vorhang geprägt. Ich habe die Grenze als unüberwindbar erlebt, war nur zweimal drüben, obwohl beide Großmütter von hier kamen und in meiner Kindheit in Kleinpertholz bei Heidenreichstein noch gelebt hatten. Sie hatten Tschechisch und Deutsch als Muttersprache, hatten zur Zeit der offenen Grenze zwischen den Kriegen herüber geheiratet. Aber es gab keinen Kontakt mit unseren tschechischen Verwandten. Die tschechische Sprache war tabu, genauso das Gespräch über die tschechische Vergangenheit und die Vertreibung der Deutschen – beide haben mit hörbarem Akzent Deutsch gesprochen. Ich hörte sie nie Tschechisch reden … ich könnte die Sprache heute gut, wenn sie meine Großmütter mit mir gesprochen hätten. Mich hat immer interessiert, wie es jenseits der Grenze aussieht.

„Zwischen Gmünd und Nagelberg waren riesige Traktoren bei der Feldarbeit zu sehen – am Beifahrersitz Soldaten mit geladenen Maschinengewehren.“ Johann Hofbauer

Wie gestalteten sich Ihre ersten Fahrten „rüber“?

Hofbauer: Als 20-Jähriger hatte ich einen Schweizer Arbeitskollegen, der auch die Tschechoslowakei sehen wollte. Ich musste in Wien ums Visum ansuchen. Im ganzen Bezirk Gmünd gab es bei 105 km Außengrenze nur die Übergänge Gmünd und Grametten. Grametten hatte wenige Stunden am Tag offen, wurde von fünf, sechs Fahrzeugen pro Tag passiert. Wir wurden in zehn Minuten abgefertigt. Drüben war es langwierig. Wir wurden mehrfach kontrolliert, auch noch im Landesinneren. Das Auto wurde komplett ausgeräumt. Beim zweiten Mal nahm ich an einer Busreise der Firma Agrana nach Dresden teil, die Fußballer spielten gegen Austria Wien. 20 österreichische Busse waren unterwegs, an der ostdeutschen Grenze gab es die Order, jede Stunde nur einen Bus durchzulassen. Das Spiel endete gegen 22 Uhr. Ich hatte Glück, war sieben Stunden später zuhause. Der letzte Bus passierte gegen 19 Uhr, einen Tag nach dem Spiel, die Grenze…

Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Hofbauer: Prag war eine schöne Stadt. Aber als Tourist wurdest du einem Lokal nur für Touristen zugewiesen, es gab fix vorgegebene Speisen. In Lokalen für Einheimische wurden wir nicht bedient – sie sollten von Fremden getrennt bleiben. Genauso war es Einheimischen untersagt, in die Grenzregion zu reisen: Prager konnten nicht ohne Weiteres nach Budweis oder Gratzen fahren. Fotografieren war an vielen Orten streng verboten. Es durften keine Kronen eingeführt werden, wir mussten jeden Tag eine bestimmte Menge zu einem hohen Kurs wechseln.

Wie haben Sie die Grenze in den Jahren vor 1989 erlebt?

Hofbauer: Sie war angsteinflößend, mit mehreren Stacheldrahtzäunen hintereinander, Bewegungsmeldern und teils Kampfhunden zwischen den Zaunreihen. Entlang der Straße zwischen Gmünd und Nagelberg waren riesige Traktoren bei der Feldarbeit zu sehen – am Beifahrersitz Soldaten mit geladenen Maschinengewehren. In der Jagdgemeinschaft Wielands – der Wald liegt in Tschechien, das Feld in Österreich – gab es häufig Spuren von Fluchten. Direkt unter dem Hochstand, auf dem ich hunderte Male gesessen bin, wurde noch in den 1980er Jahren ein erschossener Mann aus eské Velenice gefunden – 200 Meter auf österreichischem Boden. Es gab Spuren tschechoslowakischer Soldaten und Patronen. Ich schätze, dass der Fall nie mehr aufgerollt wurde.

Der „Eiserne Vorhang“ fiel – aus Gmünder Sicht unerwartet spät und dann doch unerwartet kurzfristig – am 4. Dezember 1989. Wie erinnern Sie sich daran?

Hofbauer: Der Gmünder Stadtplatz war am Samstag nach Ende der Visumpflicht voll. Viele Prager und Budweiser konnten günstig nach eské Velenice anreisen und zu Fuß nach Gmünd gehen, viele zum ersten Mal. Am Eck Stadtplatz/Bahnhofstraße fragte mich ein etwa 40-Jähriger in gebrochenem Deutsch: „Entschuldigung, bin ich wirklich in Österreich?“ Die Dimension des Geschehenen war teils schlicht nicht greifbar. Zugleich waren viele Österreicher erstmals jenseits der Grenze. Ich bin mit der Familie die Hauptstraße bis Wielands gegangen – eine Gegend, die ich von unserer Wohnung im Leopold-Figl-Hof Gmünd-Neustadt aus der Ferne kannte, und von wo regelmäßig Lautsprecher-Durchsagen bis zum Balkon im dritten Stock gedrungen waren. Es war emotional. Es gab kaum Geschäfte, die Infrastruktur war in einem desolaten Zustand, nach Prag gab es nur die holprige alte Reichsstraße. Man fühlte sich um 50 Jahre zurückversetzt. Seither wurde sehr viel aufgeholt, ich sehe heute bei Gebäuden, Kleidung oder Autos kaum mehr Unterschiede.

Wie lief nach 1989 die grenzüberschreitende Zusammenarbeit an?

Hofbauer: Im jungen Tschechien musste ein politisches System aufgebaut werden. Ich hatte früh Kontakte zur christlichen Volkspartei, fand unter Bürgerlichen, Sozialdemokraten und Kommunisten gute Freunde. Adi Kastner initiierte schließlich die Europaregion Südböhmen-Waldviertel, die bis zur Konstituierung der Euregio Silva Nortica gewachsen ist. Ich wurde Obmann in Österreich, František Štangl als erster gewählter Bürgermeister Gratzens ein treuer Mitstreiter in Tschechien. Die Elektrifizierung der Bahnstrecke Velenice-Budweis und Wirtschafts-Kooperationen gelangen, die Landesausstellung 2009 wurde nach Horn, Raabs & Telc geholt, das HAK-Angebot auf tschechische Schüler ausgeweitet. Health across wurde als Gesundheits-Vorreiterprojekt ins Leben gerufen, ich habe den Ausbau des Flughafens Budweis begleitet. Aus drei wurden um die 20 Grenzübergänge alleine im Bezirk Gmünd – fast jeder Bürgermeister zwischen Bad Großpertholz und Reingers wollte einen. Manches war erfolgreich, manches weniger…

Wo muss – auch in Hinblick auf Debatten zur Zukunft der EU – heute angesetzt werden?

Hofbauer: Menschen unter 40 können sich den Eisernen Vorhang nicht mehr vorstellen. Es braucht ein Bewusstsein für die Dramatik der einstigen Situation an der Grenze und dafür, was passieren kann, wenn Nationalismen und Radikalismen die Oberhand bekommen. Demokratie ist ein hoher Wert, der geschätzt und gepflegt werden muss. Nationalismus ist keine Grundlage für grenzüberschreitende Zusammenarbeit – nur wenn wir das Gemeinsame pflegen, wird es unseren Kindern möglich sein, in einer friedlichen Grenzregion zu leben! Die jüngsten Entwicklungen in Tschechien bereiten mir in der Hinsicht etwas Sorge.

Wie steht es um Grenzen in den Köpfen auf „unserer“ Seite? Die Debatte zur Mitnutzung der modernst ausgebauten Gyn-Station am Klinikum im nahen Neuhaus ist etwa nach einem Aufschrei in der Bevölkerung jäh verstummt.

Hofbauer: Teils bestehen noch hohe innere Barrieren, auch in manchen Gemeindestuben ist die Bereitschaft noch zu wenig ausgeprägt. Dennoch: In unmittelbarer Grenznähe liegen um Budweis, Třeboň oder Neuhaus sehr urbane, wirtschaftlich prosperierende Gebiete, die auch für uns viele Chancen bieten. Ich sehe aber schon auch, dass Vorbehalte weniger werden. Den Standard am Klinikum Neuhaus halte ich im Übrigen für absolut mit jenen der Kliniken im Waldviertel vergleichbar. Eine Praxis eines Neuhauser Gynäkologen im Raum Litschau könnte vermutlich helfen, das notwendige Vertrauen aufzubauen.

Tipp: Die NÖN wird das Jubiläum das Jahr über medial begleiten.