Prämierter Kleidermacher Anibas: Der Funke Glamour im Knochenjob

Erstellt am 19. Januar 2022 | 04:40
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Andreas Anibas aus Amaliendorf: Berufsalltag in der Modebranche – bis hin zur Haute Couture.

In einer versteckten Ecke des Raums lehnen noch zwei Rollen mit einem Stoff aus besonders kräftiger roter Farbe. Kaum zu glauben, dass daraus ein Kleid entstehen kann. Der Blick in die gegenüberliegende Ecke verrät: Es ist möglich. Dort hängt ein Fotoausdruck von einem von Andreas Anibas genähten Kleid. Der Kleidermacher hat es für den Haute Couture Austria Award 2021 angefertigt – und damit den dritten Platz erreicht. Die NÖN besuchte seine Maßschneiderei in Amaliendorf.

Das Kleid sollte mit der intensiven Farbe, den aufgenähten Details und figurbetonten Schnitten Feuer symbolisieren. Der bundesweite Bewerb steht seit drei Jahren im Zeichen der vier Elemente, Erde und Wasser waren in den Vorjahren dran. „Ich habe schon 13 oder 14 Mal mitgemacht“, sagt Anibas. 2007 hat er es auf den zweiten Platz geschafft, in der Vorwoche wurde ihm der Pokal für den dritten Platz überreicht. Insgesamt wurden über 35 Kleider eingereicht, zwölf davon haben es ins Finale geschafft.

„Obwohl ich schon so lange dabei bin, ist es auch für mich immer wieder eine Herausforderung“, erzählt er. Für den Vergleich mit Branchenkollegen seien solche Bewerbe wichtig. Mehr jedenfalls, als der Konkurrenzgedanke. So scheint es zumindest, wenn sich Anibas durch die Online-Galerie der eingereichten Kleider klickt und allen ihre Erfolge gönnt. Aber, schmunzelt er: „Als Landesinnungsmeister freut es mich natürlich besonders, dass zehn Kollegen aus Niederösterreich teilgenommen haben.“

Vor der Pandemie fand die Präsentation der Modelle direkt vor den Juroren statt, jetzt werden die Kleider am Model fotografiert und Kurzvideos erstellt. Über 50 Juroren bewerten die Werke dann auf Basis dieser Unterlagen. Als Model war Nadine Mirada dabei. Die Kleider sind exakt nach ihren Maßen entstanden. Die Grundsilhouette skizziert Anibas am Papier: „Dann kommt man erst bei der Arbeit an der Puppe so richtig in Fahrt.“ Erst beim Fotoshooting hat Nadine Mirada das rote Kleid anprobieren dürfen.

Nachhaltigkeit als Chance für die Zukunft

Kleider, Sakkos und Hosen entstehen in der großen Werkstatt. Dort steht auch die Nähmaschine, die Anibas von seiner Mutter übernommen hat. „Die ist bestimmt schon 40 Jahre alt, erfüllt ihren Zweck aber bestens“, sagt er. Damals war die Textilbranche noch eine andere. Nach Jahrzehnten der Billigkonkurrenz im Modehandel sieht Anibas aktuell eine große Zukunftschance für sein Handwerk: die Nachhaltigkeit. „Fast Fashion wird bei uns nicht einmal in den Mund genommen.“

Nicht selten komme es vor, dass Kunden ältere Stücke zur Reparatur bringen, erzählt er: „Sie fragen mich dann, ob ich mich noch daran erinnern kann. Natürlich kann ich mich erinnern.“ Es gehe nicht nur darum, Stücke wieder reparieren zu können – sondern von Grund auf langlebige Kleidung herzustellen: „Und wenn etwas einen guten Schnitt hat, bleibt es immer modern. Man braucht sich nur Chanels Kleines Schwarzes anzusehen. Das wird es immer geben.“

Bevor er mit 27 Jahren in den mütterlichen Schneiderbetrieb zurückgekehrt ist und sich die Textilerzeugung nach Osteuropa verlagert hat, hat Andreas Anibas auch die industrielle Kleiderfertigung kennengelernt. Eine lehrreiche Zeit, wie er heute weiß. Als Maßschneider wisse er aber, was sich in den Kleiderschränken langjähriger Kunden befindet – und was ihnen noch fehlen könnte: „Mit einigen Kunden lebe ich mit, begleite sie bei großen Anlässen, und das ist wirklich schön.“ Dass ihm diese Stammkunden auch in der herausfordernden Covid-Zeit die Treue halten, freue ihn besonders.

Kleidermacher, Modedesigner, Schneider – wie bezeichnet Andreas Anibas seinen Beruf? „Ich sehe mich als Kleidermacher und Handwerker. Schneidern ist meine Passion.“ Auch deshalb gibt er sein Wissen etwa an Schüler bei Meisterprüfungen weiter. „Es kommt vielleicht nicht immer alles gut an. Aber am Ende sagen die meisten: Herr Anibas, Sie hatten recht“, schmunzelt er.

Fehlende Lehrlinge und Berufsrückkehrer

Das Thema Lehrlinge sei auch in dieser Branche ein Problem, gleichzeitig gebe es Kollegen, die nach Jahren wieder in den Beruf zurückkehren. „Ich bin kein Träumer. Aber ich glaube, dass gerade jetzt ein Umdenken möglich ist, und bin für die Zukunft der Branche sehr zuversichtlich. Doch dafür braucht es gut ausgebildete Fachkräfte.“

Zurück zum Haute Couture Austria Award. Stellt man sich nicht genau das unter dem Beruf des Kleidermachers vor? „Es ist ein Knochenjob. Die paar Stunden des Glamours sind ein kleiner Teil eines harten Arbeitsjahres“, sagt Anibas. Der Stoff kann eben noch so schön sein: Es dauert trotzdem, bis aus der Rolle ein fertiges Kleid wird. In seinem Anproberaum hat Andreas Anibas zwei Modelle der Haute Couture Awards aus den Vorjahren stehen. Bald wird das feurig-rote Kleid dazukommen: „Damit hat man was zum Herzeigen.“