Ärztesprecher mahnt: Hass wird auch bei uns mehr

Erstellt am 13. August 2022 | 05:19
Lesezeit: 3 Min
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Unter den Gästen der von Karoline Tauchmann organisierten Gedenkveranstaltung gegen Hass und für Zusammenhalt in Weitra: Peter Kellner, Primar der Abteilung Remobilisation & Nachsorge am Klinikum Gmünd, Wolfgang Fuchs und Bezirksärztesprecher Christoph mit Susanna Preißl (von links).
Foto: Helma Meierhofer
Christoph Preißl: „Stimmung behindert uns bei der Verrichtung qualitativ hochwertiger und niederschwelliger Arbeit.

Es musste wie so oft Furchtbares geschehen, ehe ein Problem breite Aufmerksamkeit finden konnte: Der Freitod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr nach massiven Drohungen durch radikale Gegner von Covid-Maßnahmen rüttelte international auf, löste endlich verstärkte politische Bemühungen im Kampf gegen Hass im Netz aus. Am Rande einer von Allgemeinmedizinerin Karoline Tauchmann zum Motto „Yes we care – Schluss mit dem Hass“ organisierten Gedenkveranstaltung in Weitra gab auch Gmünds Bezirksärztesprecher Christoph Preißl Einblicke in einen zunehmend von Aggression geprägten Berufsalltag.

Ein Großteil der Patienten sei dankbar für die medizinische Versorgung und Beratung, sagt Preißl, der von Bezirkshauptmann Stefan Grusch auch als Epidemiearzt eingebunden wurde: „Von manchen werden wir nicht mehr als Partner und Helfer verstanden. Eine Stimmung von Einschüchterung, Provokation oder Hass behindert uns bei der Verrichtung qualitativ hochwertiger und niederschwelliger Arbeit. Das kann es nicht sein, was die Gesellschaft haben möchte.“

„Wie jemand mit dem Messer auf offener Straße“

Sehr viele gesetzliche Vorgaben zur Eindämmung der Pandemie gibt es gar nicht mehr. Er habe in einem beruflichen Umfeld dennoch zunehmend mit aggressiven Menschen zu tun, beteuert der Allgemeinmediziner mit Praxis in Kirchberg, immer wieder komme es zu Provokationen. Erst vor wenigen Tagen habe er erstmals jemanden der Praxis verweisen müssen. Preißl: Die Begleitung eines Patienten habe sich im Warteraum provokativ geweigert, die geforderte Schutzmaske zu tragen. Man fertige Masken auch gerne kostenlos aus, der Patient sei in dem Fall zudem nicht einmal auf eine Begleitung angewiesen gewesen.

Warum heute noch in einer Praxis Maske tragen? „Wo es um den Schutz des Nächsten geht, dort endet meine Freiheit“, betont der Ärztesprecher: „Für Personen, die wirklich krank und – etwa auch durch eine Chemotherapie – immunschwach sind, ist ein Kranker ohne Maske im Wartebereich die gleiche Bedrohung wie jemand, der mit dem Messer auf offener Straße herumläuft.“

Die Aggression, die von einzelnen Mitbürgern derzeit in den medizinischen Bereich getragen werde, erschwere die Arbeitskräftesuche immens – gerade in Zeiten steigenden Bedarfes. Die Workflows hätten sich geändert, sagt Christoph Preißl, so sei seine Praxis derzeit an Wochenenden mit drei Personen besetzt. Er selbst wisse mit zwei Jahrzehnten Erfahrung aber, wie mit der Herausforderung umzugehen ist, sei auch auf eine allfällige Eskalation in der Ordination vorbereitet. Vor allem: „Unsere Arbeit ist und bleibt eine spannende. Wir versuchen tagtäglich, unser Bestes zu geben und für unsere Mitmenschen da zu sein.“