Pendler: Mit Decke und Polster zur Arbeit. Wo die Auspendleranteile am höchsten sind, und wie Bahnfahren verbindet.

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 11. Dezember 2019 (04:34)
Seit 30 Jahren pendelt Lotte Thor mittlerweile an den Arbeitsplatz nach Wien – dabei verbringt sie viel Zeit im Zug.
Anna Hohenbichler

Der Wecker läutet um vier Uhr früh. „Ich drücke ihn sofort ab und stehe auf. Da darf ich mich nicht noch einmal umdrehen“, erzählt Lotte Thor. Alle Handgriffe nach dem Aufwachen sind gut abgestimmt, jede Minute zählt. Die Albrechtserin ist eine von vielen Arbeitnehmern, die ihre Heimatgemeinde verlassen und zum Arbeitsplatz pendeln. Bloß, dass bei ihr zwischen dem Verlassen des Hauses und der Ankunft im Büro rund zweieinhalb Stunden liegen. Mit dem Auto geht es zum Bahnhof nach Gmünd, um 4.40 Uhr steigt Lotte Thor in den Zug nach Wien.

Hirschbach ist jene Gemeinde im Bezirk, in der die Auspendlerquote am höchsten ist: Im Jahr 2017 lag sie bei 85,4 Prozent und ist seit 1991 somit um über sechs Prozent angestiegen. Bürgermeister Rainald Schäfer nennt die Nähe zur Bezirkshauptstadt Gmünd, aber auch zu Schrems mit den Firmen Eaton und Elk als große Arbeitgeber als Hauptursache. Doch: „Es gibt auch einige, die täglich nach Wien pendeln. Die direkte Anbindung an die Franz-Josefs-Bahn trägt da sicher dazu bei und ist ein Vorteil für uns.“ Er spricht aus Erfahrung, war 17 Jahre lang selbst Wien-Pendler. „Es war natürlich angenehm, als ich dann nicht mehr so weit pendeln musste“, erzählt er. Vereinzelt gebe es in der Gemeinde auch Pkw-Pendler nach Zwettl oder Krems.

Am Arbeitsweg von Lotte Thor kommen indes von Haltestelle zu Haltestelle weitere Pendler dazu. Wenn sie von den anderen erzählt, spricht sie von ihren „Kollegen“. Und das sind sie auch: eine ganz besondere Gemeinschaft. „Man kennt die anderen meistens nur vom Sehen“, trotzdem weiß sie genau, wo ihre „Kollegen“ einsteigen, manchmal sogar, wo sie arbeiten. Im Zug hat jeder seinen eigenen Platz. Lotte Thor erzählt, dass die meisten Pendler mit Decke und Polster ausgestattet sind.

Sie ebenfalls. Die Zeit im Zug wird zum Schlafen genutzt, jede Minute zählt. Dreimal pro Woche fährt sie zur Arbeit bei der Pensionsversicherungsanstalt nach Wien und wieder nach Hause. Dass ihr der Arbeitgeber ein Teilzeitmodell mit drei Arbeitstagen in der Woche ermöglicht hat, sei der Grund dafür, dass sie überhaupt pendelt – seit mittlerweile 30 Jahren. Nicht immer mit dem Zug, nicht immer nur dreimal pro Woche. Dazwischen gab es Jahre, in denen sie fünf Arbeitstage hatte, Pkw-Pendlerin war und nur am Wochenende ins Waldviertel kam. „Das war schon eine finanzielle Frage. Die Miete für die Wohnung in Wien war hoch und dazu kamen die Ausgaben für das Auto“, erklärt sie.

Arbeitgeber in der Gemeinde brach weg

Bessere und schnellere Zugverbindungen und ein Fahrtenzuschuss des Arbeitgebers: Thor gab die Wohnung in Wien auf, sparte sich Treibstoffkosten und wurde zur Bahn-Tagespendlerin. Für die Arbeit ganz nach Wien zu ziehen, war kaum eine Option: „Ich bin kein Stadtmensch.“

„Die Jungen sind fast gezwungen, zum Arbeiten in die Ballungszentren zu fahren oder ziehen ganz weg“, sagt Bürgermeister Franz Freisehner. In Brand-Nagelberg ist der Anteil der Auspendler zwischen 1991 und 2017 am stärksten gestiegen, nämlich um rund 24 Prozent. Anfang der 2000er Jahre ist mit der Einstellung der Produktion in der Glasfabrik Stölzle auch ein großer Arbeitgeber weggebrochen. Freisehner: „Viele Arbeitskräfte haben dann in den umliegenden Gemeinden Beschäftigung gefunden, vor allem in Schrems bei Eaton.“

Die Gemeinde mit einem der besten Werte beim Pendlerindex (Erklärung rechts) ist Moorbad Harbach. Zwischen 1999 und 2017 ist er angestiegen – bei gleichzeitigem Bevölkerungsplus. Bürgermeisterin Margit Göll: „Wir haben mit dem Moorheilbad einen großen Arbeitgeber in der Gemeinde. Der Arbeitsplatz zieht natürlich Einwohner an.“ Es gebe aber auch etliche Einpendler aus den Bezirken Freistadt und Zwettl. Um für Zuzügler attraktiv zu sein, sei die Infrastruktur – wie Kinderbetreuung, Bauplätze oder Glasfaseranschluss – entscheidend.

Wenn sie am Abend heimkommt, bereitet Lotte Thor alles für den nächsten Tag vor: „Viel mehr geht sich nicht aus.“

Dieser Pendler-Report wurde mit Daten der Rechercheplattform „addendum“ der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH erstellt.

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