Verfahren zu Tod von gesundem Listenhund. Tierfreundin beklagt Tötung durch Tierarzt ohne Rechtsbasis, der spricht von Gefahr im Verzug. Ermittlungen laufen.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. Oktober 2020 (04:08)
Listenhund Balu: Geboren am 24. Dezember 2018, über die Regenbogenbrücke befördert durch einen Waldviertler Tierarzt im Sommer 2020 – ob gesetzeskonform, das wird derzeit geklärt.
privat

Balu hat zu Heiligabend 2018 das Licht der Welt erblickt. Das Leben hat es aber nicht gut gemeint mit dem American Staffordshire Terrier, der nach einem Dahinvegetieren in Wien über Tulln in den Gmünder Bezirk gekommen war.

Listenhund Balu: Geboren am 24. Dezember 2018, über die Regenbogenbrücke befördert durch einen Waldviertler Tierarzt im Sommer 2020 – ob gesetzeskonform, das wird derzeit geklärt.
privat

Am 29. August 2020 wurde er von einem Tierarzt im Zwettler Bezirk eingeschläfert. – Ein gesunder Listenhund sei ohne Rechtsgrundlage getötet worden, ist eine Tierschützerin, die in die Vermittlung involviert gewesen war und erst jetzt von der „Euthanasierung“ erfahren hat, fassungslos. Ein Verfahren ist anhängig.

Neue Tierhalter waren Balu nicht gewachsen

Eine Wiener Tierfreundin habe Balu einst gegen Bezahlung aus den Händen eines Pärchens befreit, das den Hund auf einem Balkon in Wien gehalten habe, erzählt Claudia Polat, die sich für die Tierschutz-Organisation Animalfriends.at engagiert. Sie sei über Facebook in die Vermittlung nach Tulln involviert gewesen, habe dann nichts mehr gehört. – Bis sich die Wienerin nach dem Wohlergehen erkundigte, Polat ihre Nachforschungen begann.

Dabei erfuhr sie, dass die Tullner das Tier ins Waldviertel weitergegeben hatten, die neuen Herrln dem Listenhund offenbar nicht gewachsen waren. Ein Hundetrainer habe ihnen laut deren Aussage dann zum Einschläfern geraten. Nach etlichen Ablehnungen habe das junge Paar schließlich einen Tierarzt gefunden, der dem Leben des Hundes ein Ende setzte. Die Wienerin habe „regelrecht Rotz und Wasser geheult“, als sie vom unwürdigen Ende des einst von ihr freigekauften Hundes erfahren habe.

„Nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“

Von angelaufenen Ermittlungen weiß der Tierarzt noch nichts, wie er gegenüber der NÖN sagt. An Balu kann er sich aber erinnern. „Der Vorbesitzer wollte ihn nicht zurücknehmen, keiner wollte ihn“, sagt er am Telefon: „Er hatte die Gattin des Besitzers attackiert, sie trauten sich den Hund nicht mehr zu halten, waren sichtlich beunruhigt und bestanden auf die Einschläferung. Aus meiner Sicht war Gefahr im Verzug, ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“

Polat: „Das ist keine Bisswunde!“

Diese Darstellung greife wesentlich zu kurz, sagt Polat. Herrln und Tierarzt hätten es sich zu leicht gemacht. Ein Bild, das ihr von den letzten Besitzern aus dem Bezirk Gmünd zur Dokumentation eines angeblichen Bisses übermittelt wurde und der NÖN vorliegt, zeigt eine leichte Rötung und zwei muttermalgroße Blutkrusten.

„Das ist keine Bisswunde“, sagt Polat. Schon gar nicht bestätige diese eine Gefahr im Verzug: „Wie ein Kind muss auch ein Hund erzogen werden. In den richtigen Händen ist ein American Staffordshire Terrier ein lieber, total verschmuster Hund, daher wird er in Amerika auch als Nannydog und Therapiehund eingesetzt. Aber man darf ihn halt nicht zu Möchtegern-Machos geben…“

Sie habe in der Organisation Animalfriends.at täglich mit Fällen wie diesem zu tun. Man müsse der Frage nachgehen, was ein ungewünschtes Verhalten des Hundes verursacht, „dann lassen sich 90 Prozent davon rehabilitieren“, betont Polat.

Hunde oft mit geringem Aufwand therapierbar

Das sieht auch die NÖ Tierschutzombudsfrau Lucia Giefing so, ohne den konkreten Fall zu kennen: Sie wird in Verfahren im Regelfall erst zur Stellungnahme eingebunden, sobald alle Unterlagen vorliegen. Viele Hunde seien mit relativ geringem Aufwand therapierbar. Dahingehende Möglichkeiten seien sehr genau abzuwägen, bevor ein Tier vielleicht für schlechte Erziehung mit dem Tod bestraft wird.

„Tierhalter glauben nicht selten, sie könnten selbst darüber entscheiden, ob ein Tier eingeschläfert werden muss“, sagt die Tierschutzombudsfrau. Dem sei aber nicht so.

„Der Tierarzt muss das Verhalten einschätzen, und er braucht für eine Euthanasierung einen vernünftigen Grund – für ihn ist es gut, wenn er diesen genau dokumentiert“, so Giefing: „Ein Hinschnappen oder die Angst des Tierhalters alleine ist noch nicht ausreichend.“ Gefahr im Verzug sei als Rechtfertigung ein wirklicher Ausnahmefall für hochaggressive Tiere, betont Giefing.

Kammerpräsident warnt vor vorschnellem Urteil

Seitens der NÖ Tierärztekammer betont Präsident Heinz Heistinger, es gebe Einschläferungen ohne vernünftigen Grund „gottseidank sehr selten“. Innerhalb der Kammer werde der Fall erst in der Disziplinarkommission aufgegriffen, sobald ein rechtskräftiges Urteil im Behördenverfahren vorliegt.

Bis dahin rät er bei der Beurteilung der Sache generell zu Vorsicht. „Darüber, ob hier ein Straftatbestand besteht, können wir keine Auskunft geben“, sagt aktuell jedenfalls der Zwettler Bezirkshauptmann-Stellvertreter Matthias Krall, der auf das laufende Verfahren verweist. Mitarbeit: Markus Füxl