"Verschwundenes Waldviertel" zeigt Zeitgeschichte. Über Greißler und Wirtshäuser, Textilfabriken und Mühlen, Kinos und Bahnhöfe sowie Grenzen, die es nicht mehr gibt, berichten Janos Kalmar, Reinhard Linke und Christoph Mayer in ihrem Bildband "Verschwundenes Waldviertel".

Von APA, Redaktion. Erstellt am 06. Juni 2020 (06:03)
Waldviertel Symbolbild
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Hier handelt es sich aber um kein Nostalgie-Buch im herkömmlichen Sinn, sondern eher um einen dokumentarischen Streifzug durch die Zeitgeschichte einer Region.

Den offenkundigen Zeichen des Strukturwandels wohnt selbst in ihren Erscheinungen als heruntergekommene industrielle Baudenkmäler auch eine gewisse Schönheit inne, meinen die Autoren schon im Vorwort. Das bewahrheitet sich in den höchst ästhetischen Fotografien Kalmars. Zudem bewirkt nicht alles, was verschwindet, negative Folgen. Doch die Auswirkungen auf Infrastruktur und Dorfleben - wenn etwa der letzte Wirt im Ort sein Gasthaus zusperrt - bringen das soziale Gefüge und den Zusammenhalt zweifellos ins Wanken.

Der Gastronomie ist denn auch ein wesentlicher Abschnitt des Bandes gewidmet, inklusive Reminiszenzen an legendäre Locations wie die Diskothek Löffler in Eisgarn, die Krokodil-Bar von Johann Gramanitsch in Waidhofen a.d. Thaya, ebendort die Konditorei Maxa, zuletzt Drehort der TV-Serie "Braunschlag". Auch das ehemals mondäne Hotel Blauensteiner in Gars am Kamp, heute in betrüblich ruinösem Zustand, wird in Erinnerung gerufen.

Das erste Kino im Waldviertel entstand 1917 in Eggenburg, geplant vom Architekten Clemens Holzmeister, und dient nun dem Krahuletz-Museum als Depot. Das älteste Kino in Familienbesitz befindet sich in Gmünd: die Stadtlichtspiele gibt es seit 102 Jahren. Das ehemalige Lichtspieltheater in Allentsteig hingegen erlebte unter dem Namen "Avalon" wechselvolle Zeiten als Aushängeschild Waldviertler Jugendkultur der 1990er-Jahre.

Trotz aller deutlich sichtbaren Tristezza - und die derzeitige weltwirtschaftliche Lage lässt durchaus Befürchtungen zu, dass die Anzahl aufgelassener Betriebe noch ansteigen könnte - plädiert das Autorentrio für Zuversicht. Leerstände sind schließlich weltweit an Peripherien anzutreffen. Zahlreiche engagierte Projekte wollen das Waldviertel revitalisieren und lebenswerter machen. Schön wäre es, könnte man dem Verfall nicht nur mit der Abrissbirne begegnen, sondern so manches der abgebildeten Objekte erhalten und sanieren, vielleicht auch einer neuen Bestimmung zuführen. In der ehemaligen Möbelfabrik Bobbin in Gmünd etwa, wo ein rühriger Kulturverein tätig ist, harrt das Gesamtareal noch einer nachhaltigen Nutzung.

Der Eiserne Vorhang ist zwar längst gefallen, aber die Grenzen im Kopf sind immer noch vorhanden, und wie schnell es gehen kann, dass sie auch real auferstehen, war in der allerjüngsten Vergangenheit zu erleben. "Verschwundenes Waldviertel" ist ein Buch, das weit über die Lokalhistorie hinausführt und gerade vor dem Hintergrund aktueller Kontexte nachdenklich macht.

(Janos Kalmar, Reinhard Linke, Christoph Mayer: "Verschwundenes Waldviertel". Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach 2020, 140 Seiten, 24,90 Euro)