Dollfuß: Ehre, wem Ehre gebührt?

Erstellt am 19. Februar 2014 | 23:59
Lesezeit: 3 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Web-Artikel 3793
Foto: NOEN
Umstrittene Tafel / Diskussion um Gedenktafel für Dollfuß in Heinrichs, während Porträt des Ex-Diktators im Parlament die Gemüter erregt.
Von Markus Lohninger

HEINRICHS / 80 Jahre nach dem Bürgerkrieg 1934 ist Engelbert Dollfuß wieder in den Schlagzeilen: Die widersprüchliche Rolle des christlich-sozialen Kanzlers bei der Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof per Notverordnung im März 1933 über den blutigen Kampf gegen die Arbeiterschaft („Februaraufstand“ 1934) bis zu seiner Ermordung im Kampf gegen den Nationalsozialismus wird hitzig diskutiert.

Während debattiert wird, ob das Porträt eines Diktators in den Klubräumen der ÖVP noch zeitgemäß ist, spricht Historiker Florian Wenninger (Uni Wien) gegenüber der Zeitung „Der Standard“ von „sicher noch rund 20 Dollfuß-Gedenktafeln“ in Österreich. Eine davon befindet sich direkt neben dem Eingangstor zur schmucken neugotischen Kirche in Heinrichs (Gemeinde Unserfrau-Altweitra).

Nach Auskunft von Markus Michael Riccabona, Pressesprecher der Diözese St. Pölten, will man sich vor Ort ein Bild von der Sache machen und sie mit Gemeinde, Pfarrgemeinderat und Lokalhistorikern klären.

„Mit mir hat noch niemand von der Diözese gesprochen“, sagt Pfarrer Tadeusz Mironczuk aber zur NÖN. Er verweist für nähere Infos auf den Pfarrkirchenrat bzw. auf dessen Vertreter Aloisia und Alois Leitner.

Bürgermeister sieht sich auch selbst in der Pflicht 

Auch bei ihnen hat sich von der Diözese in der vorigen Woche niemand gemeldet. „Wir halten nicht an der Gedenktafel fest. Sie ist Teil des Kriegerdenkmals, wird von uns aber nicht extra gepflegt“, sagen sie. Aus eigener Initiative wollen sie es nicht abmontieren: „Wir warten ab, was die Diözese sagt. Heißt es, die muss runter, dann kommt sie runter.“

Die Verantwortung der Gemeinde „nicht wegweisen“ will Bürgermeister Otmar Kowar (ÖVP). Kowar auf NÖN-Anfrage: „Ich denke, dass die Gemeinde eher als die Kirche für die Tafel verantwortlich ist.“ Es könne Zufall sein, dass das Kriegerdenkmal ausgerechnet an der Kirchenmauer angebracht wurde. Kowar könnte es sich aber auch durch das Einwirken des jahrzehntelangen Provisors der Pfarre, Hermann Siedl, erklären: Er war bereits im Zweiten Weltkrieg Pfarrer in Höhenberg, betreute von 1950 bis 1992 Heinrichs mit. „Er sah Dollfuß als erstes Nazi-Opfer“, erinnert sich Kowar an Siedls Religionsunterricht in der Hauptschule.

Aus heutiger Perspektive sei die Rolle von Dollfuß „zu hinterfragen, egal, wie andere in der Partei dazu stehen. Ich betrachte das eher kritisch und frage mich schon, ob die Gedenktafel angebracht ist“, sagt der Bürgermeister: „Ich hätte kein Problem damit, das Kriegerdenkmal zeitgemäßer zu gestalten.“ Zunächst müsse aber geklärt werden, in wessen Zuständigkeit die Tafel wirklich fällt.