Pilotprojekt: „Community Nurse“ im Einsatz für die Gesundheit

Erstellt am 25. November 2022 | 05:58
Lesezeit: 4 Min
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Im Austausch über erste Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt „Community Nurse“: Bürgermeister Andreas Kozar (Reingers), Lisa Longin und Bürgermeister Günter Schalko (Eisgarn).
Foto: privat
Lisa Longin ist als „Community Nurse“ Bindeglied zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleistern. Eigentlich sollte für Prävention noch mehr getan werden, findet sie. Nur: Die Hemmschwelle ist groß.

Es gefalle ihm gut und mache großen Spaß, erzählt ein Eisgarner, als er seine Unterlagen als Ehrenamtlicher im Projekt „Nachbarschaftshilfe Plus“ abgeben will und dabei unverhofft ins NÖN-Gespräch mit Bürgermeister Günter Schalko grätscht. Sichtlich begeistert, schwärmt er ungefragt über Fahrtendienste und den sozialen Mehrwert auch für ihn.

So lange es ihm gesundheitlich gut gehe, könne er gerne mithelfen. Nur: Ab und zu, da zwickt es dort und da schon einmal, meint er. Aber nichts, worüber man sich Sorgen machen müsse. „Trotzdem wäre das der richtige Zeitpunkt für Prävention. Lass dich doch mal von Lisa beraten“, empfiehlt ihm der Bürgermeister.

Man sollte Antworten haben, Lösungsansätze probieren und im System dauerhaft etwas ändern. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.“ Günter Schalko

Beitrag der Gemeinde: nicht Geld, sondern Zeit

Lisa Longin sitzt beim Gespräch daneben. Seit wenigen Monaten ist sie „Community Nurse“ für die Gemeinden Eisgarn und Reingers. Mit elf anderen Gemeinden im Waldviertel sind sie Teil eines Pilotprojektes der „ARGE Pflege-Challenge“, die aus dem Verein Interkomm heraus entstanden ist (die NÖN berichtete). Aus dem Gmünder Bezirk sind nur Eisgarn und Reingers im Pilotprojekt. Es wird aus Mitteln der Europäischen Union finanziert, für die Gemeinden bleiben keine Kosten. „Unser Beitrag ist, Zeit zu spenden. Das liegt vor allem aber an uns Bürgermeistern“, sagt Günter Schalko.

In den Probebetrieb ist Lisa Longin schon im Juni gestartet, seit September ist sie voll im Einsatz. Bisher hatte sie mit 16 Klienten in beiden Gemeinden zu tun, zwölf davon werden laufend betreut. Ihre Aufgaben sind präventive Hausbesuche, Sprechstunden, Vermittlung und Vernetzung – und allen voran Beratungen rund ums Thema Gesundheit. „Eine Community Nurse ist eine neutrale Drehscheibe“, erklärt Longin: „Das Wichtigste ist, dass Klienten die Hemmschwelle überwinden und ich nicht erst dann kontaktiert werden, wenn schon der Hut brennt.“

Langfristig soll Gesundheitssystem entlastet werden

Genau diese Hemmschwelle habe sie in den ersten Monaten häufig vernommen, blickt Longin zurück. Das erklärte Ziel: Weg von der Stigmatisierung, es sei ein schlechtes Zeichen, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Dafür muss Vertrauen da sein. Letztlich ist es so, dass wir das Gesundheitssystem mit zeitgerechter Vorsorge ja sogar entlasten wollen“, sagt sie.

Auch weil sich Familienstrukturen geändert haben. Als Bindeglied zwischen Patient und Gesundheitsdienstleistern sehen Community Nurses ein gesamtheitlicheres Bild – zuhause im Alltag und meist auch ungeschönt. „Ein Arzt hat nur die Momentaufnahme bei ihm in der Praxis, weiß aber nicht, wie der Patient lebt. Genau da können wir unterstützen“, betont Lisa Longin. Zielgruppe sind in erster Linie Menschen über 75 Jahren.

Nur: „Prävention sollte viel früher beginnen“, stimmt Bürgermeister Günter Schalko zu. Auch er habe sich wegen anhaltender Rückenschmerzen beraten lassen: „Wenn jetzt schon etwas dagegen unternommen wird, verhindert es bestenfalls Probleme im Alter.“

Community Nurse als neue Jobmöglichkeit genutzt

Was sich in der Anfangszeit bei Klienten abgezeichnet hat, war etwa auch der bloße Wunsch nach Ansprache gegen aufkommende Einsamkeit oder notwendige Aufmerksamkeit auf pflegende Angehörige. „Auf all das sollte man Antworten haben, einen Lösungsansatz in der Praxis ausprobieren und im System dauerhaft etwas ändern. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg“, resümiert Schalko. Das Pilotprojekt läuft bis Ende 2024, wird wissenschaftlich begleitet und soll Erkenntnisse für Folgeprojekte und breite Anwendbarkeit liefern.

Eisgarner und Reingerser Gemeindebürger können auf direktem Wege oder über die Gemeindeämter Kontakt zur Community Nurse aufnehmen. Die ist zufrieden mit ihrem neuen Job: Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin lebt in der Gemeinde Dobersberg und hat zuvor in einem Wiener Klinikum gearbeitet. Ausbildung und Erfahrung waren Voraussetzung für die Teilzeit-Stelle. Der wesentliche Vorteil für Longin: „Ich kann mir jetzt genug Zeit für meine Klienten nehmen und sehe, wie sie leben. In manchen Fällen ist das sehr wichtig.“