Was wurde aus Geschäften nach Grenzöffnung?

Erstellt am 24. Juni 2022 | 15:00
Lesezeit: 5 Min
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In Gmünd ging es für viele Beteiligte darum, was aus der Euphorie nach 1989 wurde.
Foto: Markus Lohninger
Wirtschafts-Pioniere, 1.800 Jobs im Access-Park, aufgegangene und geplatzte Träume im Fokus von Projekt.

Die Stadt Gmünd stand vorige Woche im Zentrum einer länderübergreifenden Tagung, die ein bislang noch wenig untersuchtes Kapitel der Vergangenheit zum Inhalt hatte: Es ging um die Zeit nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989 aus wirtschaftlicher Perspektive, um den Beginn von Verflechtungen über die einst „tote Grenze“ hinweg, über einen Investitionsboom von österreichischer Seite im böhmischen und mährischen Grenzraum – und um die Frage, was daraus geworden ist.

1.800 Jobs inmitten der geteilten Stadt entstanden

Gmünd ist als Standort für ein solches Treffen prädestiniert, ist der Access-Industrial-Park in Gmünd und České Velenice doch einst der erste grenzüberschreitende Wirtschaftspark in Europa gewesen. Aus der Vision vom damaligen Bürgermeister Alfred Drach, die durch Kriege geteilten Stadtteile wirtschaftlich wieder zusammenwachsen zu lassen und damit die gemeinsame Region aufzuwerten, sei „voll aufgegangen“, sagte Vizebürgermeister Hubert Hauer. 1.500 Jobs seien in Velenice, gut 300 großteils hochwertige Jobs auf österreichischer Seite entstanden.

Von Pollmann über Seunig zur Sparkasse

Seit zwei Jahren hat eine Gruppe um Oliver Kühschelm und Niklas Perzi vom Zentrum für historische Migrationsforschung in St. Pölten und dem Partner Post Bellum (Brünn) am Thema gearbeitet, mithilfe von Thomas Samhaber (ILD) Interviews mit Zeitzeugen geführt und Informationen zusammengetragen – das Thema sei bisher nur dünn dokumentiert, wie Kühschelm sagte.

Die Interviews etwa mit Ernst Pollmann, der seine Fühler aus Karlstein früh nach Tschechien ausstreckte und dann ein Werk in Jindřichův Hradec errichtete, Excalibur City-Gründer Ronnie Seunig oder Werner Pohnitzer, der mit der damaligen „Waldviertler Sparkasse von 1842“ als erste Bank Europas eine tschechische Bankenlizenz erhielt und drüben erste Geschäftsstellen eröffnete, fließen auch in die umfassende tschechische Online-Datenbank „Memory of Nations“ mit bereits mehr als 7.000 Interviews von Zeitzeugen ein.

Wie unterschiedlich erfolgreich diese Engagements über der Grenze waren, das wurde in Gmünd anhand von Interview-Mitschnitten zu Sonnentor und Zwettler Bier gezeigt.

Brauereichef Schwarz: „Dankbar für Erfahrung des Scheiterns.“

Sehr offen gab Zwettls Brauereichef Karl Schwarz Einblicke in ein düsteres Kapitel der über 300-jährigen Geschichte einer der heute größten Privatbrauereien Österreichs. Die 1994 privatisierte Brauerei Ježek in Jihlava (Iglau) habe den Familienbetrieb durch Kauf und Investitionen in die Technik insgesamt 96 Millionen Schilling (7 Millionen Euro) gekostet, verkauft worden sei sie dann um nur noch sechs Millionen Schilling. „Ich bin dankbar auch für die Erfahrung des Scheiterns – und stolz darauf, den Zeitpunkt des Schlusses selbst gewählt zu haben“, erzählte Schwarz.

Man habe Fehler gemacht, sich durch Personalabbau (Ježek habe davor bei ähnlicher Größe dreimal so viel Personal wie Zwettler beschäftigt) oder die Anpassung von Technologie und Geschmack an österreichische Standards unbeliebt gemacht. Der hoch emotionale Charakter des Biers in Tschechien sei unterschätzt, der Kampf gegen Windmühlen schließlich aufgegeben worden.

Gutmann: Bio-Beschleuniger in Südmähren

Besser hatte es Johannes Gutmann von Sonnentor, der bei einer Agrar-Enquete in Olmütz kein Wort verstand und auch sonst kaum gute Erinnerungen hat – es habe gestunken, die Stadt sei verrußt und dreckig gewesen. Aber: Er sei auf einen Agrarstudenten aufmerksam gemacht worden, dem die industrielle Landwirtschaft genauso ein Dorn im Auge war. Keiner habe die Sprache des Anderen gekonnt, so Gutmann: „Wir haben uns mit Händen und Füßen unterhalten – und mit dem Bauch entschieden.“ 1992 wurde die Sonnentor-Tochter im südmährischen Čejkovice gegründet, die ein altes Mühlenhaus revitalisierte, Wegbereiter für den Bio-Gedanken in Tschechien wurde und hier nun über 150 Mitarbeiter beschäftigt.

Um schnelle Gewinne sei es nie gegangen, so Gutmann, vor allem: Ziel war es, tschechische Gewinne in Tschechien zu reinvestieren. Ein wenig profitierte dennoch auch der Firmensitz in Sprögnitz: Weil die Verarbeitung in Tschechien nicht im Betrieb des Bauern gestattet gewesen sei, hätten Abmischung und Verpackung in Österreich erfolgen müssen.

Gegen „Wir sind besser“-Mentalität

Georg Stöger, Honorarkonsul in Brünn und Horner Steuerberater mit Büros unter anderem auch in Brünn und Pelhřimov, sprach bei einer Podiumsdiskussion von 33-jähriger Erfahrung auf der anderen Seite der Grenze. Gut 90 Prozent der Waldviertler Firmen mit Standorten in Tschechien seien seine Klienten, sagte Stöger, er habe viele scheitern, aber auch sehr viele erfolgreich wirtschaften gesehen.

Die Kooperation müsse mit Augenmaß geschehen, mit einer „Wir sind besser“-Mentalität komme man nicht weiter – auch wenn es um den Geschmack geht: „Die Tschechen haben zum Beispiel keinen schlechten Wein. Sie bauen ihn anders aus, weil sie einen anderen Geschmack haben als wir.“ Ähnlich verhalte es sich beim Bier.

„Chancen aus Unwissenheit kaputtgemacht.“

Nach der Grenzöffnung sei offensiv um Investitionen im Nachbarland geworben worden, erinnerte sich im Publikum Erwin Kreuzwieser, einst Chef der Arge Grenznutzen, an eine große Veranstaltung in Gmünd mit einem Prager Handelsvertreter. „Viele Chancen wurden aus Unwissenheit kaputtgemacht“, so sein Fazit. Und: „90 Prozent der Geschäfte, die nicht zustandekamen, scheiterten wegen Dolmetschfehlern.“

Tschechisch sei nicht 1:1 übersetzbar, sei ein Dolmetsch bei einem Technik-Thema nicht vom Fach, sei das Scheitern programmiert. Eine Fortsetzung gibt es am 27. und 28. Juni in Znojmo mit Vladimír Špidla und anderen Referenten.