Altbürgermeister (66): „CoV ist kein Hirngespinst“ . Hans Pichler über seinen mehr als dreiwöchigen Leidensweg, seine Todesangst, und die Welt nach Covid-19.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. Oktober 2020 (06:02)
CoV erwischte Hans Pichler gröber.
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„Die ersten Tage waren FÜRCHTERLICH!!“, schreibt der Heidenreichsteiner Altbürgermeister Hans Pichler aus dem Klinikum Waidhofen. Am 4. Oktober hatte sein Leidensweg begonnen, am 14. Oktober stand eine CoV-Erkrankung als Ursache fest, das Spital konnte er selbst bei NÖN-Redaktionsschluss – obwohl seit Tagen covid-negativ – nicht verlassen. An den Folgen einer Lungenentzündung wird der 66-Jährige noch einige Zeit laborieren.

„Viele wollen nicht wahrhaben, dass es sie selber erwischen kann.“Hans Pichler

Die Covid-Station sei voll ausgelastet gewesen, ein älterer Mann habe den ganzen Tag über markdurchdringend geschrien. Dass sich die Situation in absehbarer Zeit entspannt, glaubt er nicht. Im Gegenteil: „Ich fürchte, dass es schlimmer wird, weil viele nicht wahrhaben wollen, dass es sie auch selbst erwischen kann. Aber Corona ist kein Hirngespinst, sondern ein teuflisches Virus, das sich die schwächste Stelle sucht – bei mir war es der Magen.“

Drei Tage lang habe er vor Schmerzen nicht schlafen können. „Mag sein, dass sich die Krankheit in den meisten Fällen Gott sei Dank harmlos entwickelt. – Ich hab sie verspürt, die Todesangst. Die Angstzustände, vor allem nachts, werden mich wahrscheinlich noch einige Zeit lang nicht loslassen. Damit bin ich sicher nicht der Einzige.“

Trotz Medizin: Bauchschmerzen nahmen zu, dann kam Fieber

Wo er sich mit dem Virus infiziert hat, das ist unklar. Eine Veranstaltung, die er drei Tage vorm Auftreten erster Probleme besucht hatte, könnte eine Erklärung sein. Pichler berichtet von anfänglichen Bauchschmerzen, die immer stärker wurden.

Am zweiten Tag mischte sich leichter Brechreiz dazu. Er habe an eine Bauchgrippe gedacht, sich irgendwie durch die Woche geschleppt, ehe er am achten Tag den Arzt aufsuchte. Trotz Medizin wurden die Schmerzen nicht weniger, sondern stärker. Dazu gesellte sich allmählich bis zu 39,3 Grad hohes Fieber.

Den Sohn ohne Vater großwerden sehen

Am 14. Oktober brachte ihn seine Gattin schließlich ins Spital. Im Corona-Verdachtszimmer wartete er nach negativem Schnelltest bis zum Nachmittag auf das Ergebnis des normalen Tests. Dann kam die Positivmeldung, er wurde in die Covid-Abteilung verlegt. – Ein Schock für den 66-Jährigen, der sich nicht nur wegen seines Alters, sondern wegen eines geschwächten Immunsystems infolge eines Burnouts vor elf Jahren zur Risikogruppe zählt. Er habe den Sohn (6) in Gedanken ohne Vater großwerden sehen.

Pichler zollt den Mitarbeitern im Klinikum vollsten Respekt: „Sie kommen extrem dran…“
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„Es gibt kein Gegenmittel. Man kann nur die Rahmenbedingungen verbessern, das Immunsystem stärken. Ich bekam sieben, acht Infusionen täglich, brachte tagelang fast kein Wort heraus“, berichtet Pichler, der bis 21. Oktober auch beim Schlafen künstlichen Sauerstoff benötigte. Erst nahmen Bauchschmerzen mit 18. Oktober ab, Brechreiz und Fieber verschwanden („ich dachte, jetzt hab ich‘s geschafft“), doch allmählich auftretende Atemprobleme stellten sich schließlich als Lungenentzündung heraus. Eine neue Behandlung begann.

Nach Negativtest noch tagelang im Spital

Seit 22. Oktober ist Hans Pichler covid-negativ, er wurde auf eine Normalstation verlegt. Der Nationalfeiertag hätte für ihn und seine Lieben – Gattin & Sohn blieben, obwohl eine Woche im gleichen Haushalt lebend, negativ – ein Familienfeiertag sein sollen. Die geplante Spitals-Entlassung wurde wegen Wasser und inaktiven CoV-Restbeständen in der Lunge allerdings doch wieder vertagt. Die Nacht darauf konnte er aber erstmals wieder richtig schlafen.

Seinen Zustand beschreibt der Heidenreichsteiner als halbwegs gut, „das verdanke ich Gott, vor allem aber den unermüdlichen guten Geistern der Coronaabteilung im Klinikum Waidhofen“, dankt er: „Die Bediensteten kommen extrem dran. Sie müssen täglich, voll ‚eingepackt‘ wie in einem Science-Fiction-Film, Dienst versehen – in der Hoffnung, dass sie nicht trotzdem CoV mit nach Hause nehmen.“

„Reinigungsprozess“: CoV „auch als Chance sehen!“

Pandemien habe es immer gegeben, sinniert er heute. „Mutter Erde zeigt uns mit dieser Art ‚Reinigungsprozess‘, dass wir unser Leben, unseren Umgang mit der Erde wieder einmal überdenken sollen.“ Die Gesellschaft entwickle sich zu einer „Gesellschaft, in der der Egoismus zunimmt, die Rücksichtnahme ständig abnimmt, die Hilfsbereitschaft verloren geht, der Schutz unserer Natur vernachlässigt wird“. Die Entwicklungen könnten nur ins Chaos führen. Daher will er Corona auch als Chance begreifen.

Ein großer Umdenkprozess sei angelaufen, Selbstverständliches stehe infrage. „Körperliche Nähe muss neu definiert werden. Für Bildungseinrichtungen, Veranstaltungen, Zusammenkünfte braucht es Sicherheitskonzepte. Maske oder Desinfektion in Geschäften wird ein Muss. Restaurantbesuche werden nach bestimmten Schemata ablaufen“, sagt Pichler. Soziale Medien würden gegenüber persönlichen Kontakten an Bedeutung gewinnen. Aber: „Trauern wir nicht dem Vergangenem nach, freuen wir uns auf die Neugestaltung unserer Gesellschaft!“