Healthacross-Gesundheitszentrum eröffnet: „Ein Freudentag!“

Dreieinhalb Jahre nach einer ersten NÖN-Exklusivstory über Pläne zur Errichtung eines grenzüberschreitenden Ärztezentrums in Gmünd war es am 16. Oktober so weit: Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und der tschechische Gesundheitsminister Adam Vojtěch aus Budweis eröffneten das Healthacross Gesundheitszentrum. Etwa 40 Ärzte und Gesundheits-Dienstleister aus Österreich und Tschechien werden direkt an der Bundesgrenze künftig Patienten beider Nationen behandeln, die ersten haben hier ihr Quartier wie berichtet bereits aufgeschlagen. Etwa 2,5 Millionen Euro wurden investiert.

Erstellt am 16. Oktober 2021 | 15:20

Das Healthacross-Gesundheitszentrum sei als Holzriegelbau auf einem Areal mit mehr als 600 Quadratmetern in der Bleylebenstraße „kein Krankenhaus und auch kein Gesundheitszentrum wie jenes am Stadtplatz“, betonte Zentrumsmanager Manfred Mayer bei der Eröffnungsfeier im großen Festzelt: Es sei eine Basiseinrichtung, die selbstständige Gesundheits-Dienstleister vieler verschiedener Professionen unter einem Dach zusammenbringe und die Vorzüge längerer Öffnungszeiten in Praktiker-Ordinationen, barrierefreier Ausstattung oder ausreichendes Parkraumes biete. Besonderer Wert sei bei der Planung darauf gelegt worden, ein Angebot zu schaffen, das in der Region benötigt wird.
Unter anderem ein Kinderarzt, eine Hebamme und Ergotherapeutin, ein Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, zwei Orthopäden, fünf Physiotherapeuten, ein Neurologe, eine Psychotherapeutin, eine Logopädin, eine ADHS-Lerntrainerin, ein Trainer für Kinder und ein Experte für Laserbehandlungen wurden für das Projekt gewonnen – einzig die seit bald drei Jahren vakante Kassenstelle für Gynäkologie und Frauenheilkunde bleibt in Gmünd vorerst unbesetzt. Ein Arzt sei wegen seiner Arbeit im Zentrum sogar zugezogen, freut sich Mayer.

15 harte Jahre... und offene Wettschulden

Elke Ledl, Healthacross-Leiterin innerhalb der Landesgesundheitsagentur, brachte zu ihrem Statement eine bunte Trophäe auf die Bühne mit. Die habe es schon im Jahr 2007 für jenes Projekt gegeben, das nun mit der Eröffnung abgeschlossen wurde, so Ledl. Sie zeichnete die 15 Jahre vom ersten Ausloten der Interessenlage dies- und jenseits der Grenze über die ambulante Behandlung des ersten tschechischen Gastes im Landesklinikum Gmünd (2012) bis zu jenem Moment nach, an dem die Finanzierung des Neubaus durch den EU-Fonds für ländliche Entwicklung gesichert war und der Spatenstich im Jahr 2019 erfolgen konnte.
Blicke sie nun zum Rettungstisch, so werde sie an einige Ausgeh-Abende erinnert, die alleine wegen verloren gegangener Wetten von Zweiflern am bürokratischen Ermöglichen eines grenzüberschreitenden Rettungsdienstes offen seien, so Ledl. Kommentar aus den Reihen der Einsatzkräfte: Man werde gerne zahlen – weil das ja bedeutet, dass das Projekt geglückt ist. Ledl: Jetzt gebe es den freien Grenzverkehr nicht mehr nur für Bereiche wie Tourismus und Wareneinkauf, sondern auch für das Wichtigste – die Gesundheit.

Bereits mehr als 9.000 Tschechen in Gmünd behandelt

Mehr als 9.000 tschechische Patienten wurden seit 2012 bereits im Gmünder Spital behandelt, einige davon auch stationär, berichtete der Ärztliche Standortleiter Michael Böhm. Das Projekt sei von Haus aus so angebahnt worden, dass es durchgezogen werden könne und nicht zurückgerudert werden müsse. „Danke an alle, die geholfen haben – inklusive jenen, die sagten, das wird nie was. Das hat mich persönlich sehr motiviert“, so Böhm: „Das Landesklinikum Gmünd ist bereit für weitere Schritte.“ Er sprach von „bestmöglicher wohnortnaher medizinischer Versorgung“ und einem „in Europa derzeit einzigartigen Leuchtturm-Projekt“.

Mikl-Leitner: Rosenmayer als „treue und teure Freundin“

Man müsse Europa spüren und fühlen können, betonte Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: Dafür bedürfe es auch konkreter Projekte und der notwendigen Förderungen, um Menschen zu motivieren und zu unterstützen. „Für die Menschen auf beiden Seiten der Grenze startet ein neues Angebot an ärztlicher, pflegerischer und therapeutischer Versorgung“, sagte sie, dankte allen am Projekt Verantwortlichen inklusive der Gmünder Bürgermeisterin Helga Rosenmayer für diesen „Ein Freudentag!“ – das Gebäude wurde als Bauprojekt der Stadtgemeinde Gmünd errichtet. „Sie brennt für Gmünd, hat unheimlich viel erreicht“, schmunzelte die Landeshauptfrau: Rosenmayer habe schon wegen der nächsten Projektideen angefragt, „sie ist eine treue Freundin – aber auch eine teure Freundin“.

Prägende Momente an der Seite von Alois Mock

Landesrat Martin Eichtinger, der die Gäste zunächst mit einleitenden Worten auf Tschechisch begrüßte, erinnerte an jenen Moment, als er 1989 als junger Sekretär des damaligen Außenministers Alois Mock das symbolische Durchschneiden des Grenzzaunes zu Ungarn hautnah miterlebt hatte. Die Realisierung des Healthacross-Zentrums – das als Interreg-Projekt wie berichtet eine Vielzahl an internationalen Preisen abgeräumt hatte und von der WHO als Best-Practice-Modell gefeiert worden war – sei nun als „persönliches Herzensanliegen“ ein Ergebnis der Handlungen damals an der Grenze. Ohne diese Handlungen wäre das Zentrum undenkbar gewesen.

Die Segnung des Healthacross-Gesundheitszentrums nahmen vor dem Erklingen der Europahymne durch ein Ensemble der Stadtkapelle Gmünd Stadtpfarrer Rudolf Wagner, Kaplan Pius Nwagwu und Dace Dišlere-Musta vor.

Gehört & notiert: Stimmen zur Eröffnung
„Ich erinnere mich noch sehr gut an den Spatenstich hier. Unglaublich, was nach so kurzer Zeit trotz der Covid-Pandemie entstanden ist – die Sehnsucht war gewaltig. Die Finanzierung einer langfristigen Pflege hier sicherzustellen, wird eine große Aufgabe für die Zukunft – die Arbeit endet nicht heute.“
Adam Vojtěch,
Gesundheitsminister Tschechien

„Als Gmünder muss ich sagen: Hier geht was ab!“
Primar Michael Böhm,
Ärztlicher Standortleiter Landesklinikum Gmünd

„Gmünd und České Velenice sind ins Zentrum Europas gerückt – das klingt vielleicht etwas eingebildet, aber wir empfinden es so. Das Healthacross-Projekt gibt den Menschen in unserer Region Sicherheit: Menschen leben dort gerne, wo sie gut versorgt sind, und die Gesundheit ist dafür das Wichtigste. Ich danke allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben, allen voran der EU, dem Land NÖ, Elke Ledl von der Initiative Healthacross und Zentrumsmanager Manfred Mayer – wir sind noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt.“
Helga Rosenmayer,
Bürgermeisterin Gmünd

„Als ich vor 20 Jahren Bürgermeister von České Velenice geworden bin und den Antrag zur Förderung eines Projektes zur grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung auf den Tisch bekommen hatte, da war es ein neues Thema für mich. Es war aber sofort klar, dass das ein Thema werden muss. Auch ich war am Anfang nervös, der Ausgang war unklar. Jetzt ist aber das medizinische Personal hier, kann in einer wunderschönen Umgebung arbeiten, und der Weg wird noch weitergehen.“
Jaromír Slíva
Bürgermeister České Velenice

„Ich sage immer, wir verstehen uns nicht, aber wir verstehen uns gut.“
Rosenmayer, über die Kommunikation mit Slíva

„Wenn Regionen gemeinsam grenzüberschreitend denken und grenzüberschreitend zusammenarbeiten, kann aus der Vision einer grenzenlosen Versorgung Realität werden. Die Initiative Healthacross hat sich seit fast 15 Jahren dem grenzüberschreitenden Gedanken verschrieben. Mit der Eröffnung des ersten grenzüberschreitenden Healthacross Gesundheitszentrum in Gmünd wird eine solche Vision aus der Zusammenarbeit mit Südböhmen wahr.“
Johanna Mikl-Leitner,
Landeshauptfrau

„Als wir in den 1980er Jahren von Zwettl aus über den Grenzübergang Neu-Nagelberg meinen Vater besucht hatten, der Militärattaché in Prag war, wäre ein solches Projekt wie dieses hier undenkbar gewesen. Es hat Vorteile für die Menschen an beiden Seiten der Grenzen, trägt den europäischen Gedanken des Zusammenwachsens weiter.“
Markus Klamminger,
Direktor Medizin/Pflege LGA

„Der Herzschlag Europas muss für die Bürger erlebbar sein. Die EU steht heute für die Überwindung der Grenzen – und wenn wir die Gesundheit als unser höchstes Gut dem Nachbarn anvertrauen, dann beweist das, dass die Grenzen auch im Kopf überwunden sind. Das Zentrum wird ein großartiger Bestandteil der Lebenswelt der Bürger sein.“
Martin Eichtinger,
Landesrat NÖ für Wohnbau, Arbeit & internationale Beziehungen

„Wenn die Menschen etwas wollen, dann sind die Politiker dazu verpflichtet, Möglichkeiten zu suchen. Dieses Projekt hat gezeigt, dass es möglich ist, Grenzen zu überwinden, damit eine Gesundheitsversorgung im nächsten Krankenhaus möglich ist – und nicht erst 60 Kilometer davon entfernt.“
Ivana Stráská,
Alt-Kreishauptfrau Südböhmen