"Hin & weg"-Theaterfestival hat begonnen. Im Schuppen und im Stadl, in der alten Strickereifabrik und im aufgelassenen Supermarkt, in der Werkshalle des Spenglermeisters und im ehemaligen Lichtspieltheater, in Wohnzimmern und sogar in einem Sonderzug der Waldviertelbahn - überall in Litschau wird in diesen Tagen musiziert und gespielt, gelesen und performt. Das erste Wochenende des Theaterfestivals "Hin & weg" bot reiche Abwechslung.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 09. August 2020 (09:44)
Alles darf ausprobiert werden: Die fünf Mitglieder von Theater kollkTief leben beim Theaterfestival HIN & WEG 14 Tage lang in fünf Containern in Isolation. Im Bild: Alina Schaller
Constantin Widauer

Fertig ist hier wenig, improvisiert wird viel. Alles darf ausprobiert werden, und scheitern gibt's nicht. Denn die bis 16. August dauernden "Tage für zeitgenössische Theaterunterhaltung" verstehen sich nicht nur als künstlerische Mutinjektion für eine Gegend, die sonst eher für ihre Wälder und Teiche bekannt ist, sondern auch als Experimentierfeld für alle Formen von Dramatik.

So konnte man am Samstag etwa in der angenehmen Kühle eines leeren Kaufhaus-Saals bei der szenischen Lesung des Stücks "MK 19 25 4" von Alexander Smirzitz die Bühnentauglichkeit eines Stücks über den jungen Syd überprüfen, der Teil eines Experimentes mit halluzinogenen Stoffen wird, sich in der Welt nicht mehr wirklich zurecht findet und schließlich mit Mordvorwürfen konfrontiert wird.

Anschließend tingelte man mit den "Bella Ciaos" (Christa Schwertsik und Helge Stradner), einem alternden Schlagerduo, dem die Dritte im Bunde sowie der Tourbus, ein VW-Oldie aus den 70er-Jahren, abhandengekommen ist, mitsamt Manager und Pflegerin (Alois Frank und Stephanie Schmiderer) mit der Schmalspurbahn von Litschau nach Alt Nagelberg und wieder retour. "Falten im Anthropozän" hieß das Festival-Auftragswerk von Barbara Kadletz und Ursula Knoll, bei dem die (selbstverständlich Mund-Nasenschutz tragenden) Passagiere vier von Lokomotivsignalpfiffen und Räderrattern untermalte Monologe geboten bekamen.

Gänzlich anders, nämlich als literarisch-musikalische Performance, näherte sich Helmut Bohatsch, begleitet vom LSZ-Trio (Hannes Löschel, Paul Skrepek und Martin Zrost) den Texten Wolfgang Bauers am Nachmittag im Herrenseetheater an. "Bauer to the people!" war zwar kein Theaterstück, aber ein glänzender Beweis, wie gut sich Texte mit Musik zu einem buchstäblich alle Stückl'n spielenden Ganzen verbinden lassen, das zwischen Konzert, Show und Rezitation seinen eigenen Weg geht. Und ganz nebenher bewies sich dabei wieder die Unsterblichkeit der Bauer'schen Minidramen.

"Schluss mit dem Theater" forderte dagegen am Abend im Brauhausstadl der junge in Wien lebende Deutsche Tobias Schilling. Sein Stück überrascht mit Figuren wie "das soziale Anliegen" (Magdalena Mikesch) und "die offensichtliche Kapitalismuskritik" (Enrico Riethmüller) und lässt mit einer Erzählerfigur (Claudia Marold) kein gutes Haar an den herrschenden Theater-Konventionen.

Was zunächst nach einer ziemlich konservativen Verdammung von Regie-Mätzchen klang, entpuppte sich als ernsthafte persönliche Auseinandersetzung eines jungen Autors und Regisseurs (der an dem Uraufführungs-Abend auch am Technik-Pult saß) mit dem Theater und dem heftigen Zwiespalt zwischen der Liebe zu dem Medium und dem heftigen Zweifel an seiner Relevanz für den gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Nicht Nebelmaschinen, Fechtszenen und V-Effekte, sondern Diversität, Inklusion und Rassismus sollten beim Theatermachen eine Rolle spielen, meint Schilling. Damit erwies sich "Schluss mit dem Theater" bisher als relevantester Beitrag. "Hin & weg" steht dagegen erst am Anfang. Das Festival dauert noch bis 16. August.