Feinschliff für das Haus der Gmünder Zeitgeschichte. Letzte Arbeiten: Historisches Gebäude lässt ab 11. Mai in die Geschichte von Gmünd/Velenice blicken.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 26. April 2019 (04:01)
Markus Lohninger
Fiebern der Fertigstellung des Hauses der Gmünder Zeitgeschichte beim Lagertor entgegen: Harald Winkler, Vizebürgermeister Hubert Hauer, Bürgermeisterin Helga Rosenmayer, Stadtrat Alexander Berger, Manfred Dacho, Stadtrat Jürgen Trsek und Franz Drach (von links).

Wie die Zeit vergeht… Fünf Jahre ist es her, als bei den Arbeiten zur Ausstellung über hundert Jahre Flüchtlingslager und hundert Jahre Gmünder Neustadt die Idee für ein fixes „Lagermuseum“ entstand. Wie die Zeit in Gmünd verging, das wird schon bald das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ zeigen – es spannt den Bogen wesentlich über die Lagerzeit hinaus und lässt zugleich neues Leben in eine zentrale Stelle des einstigen Lagers einkehren.

Einst Auskunftsstelle, künftig Auskunftsstelle. Wenn das Erdgeschoß im Gebäude rechts des Lagertors am 11. Mai um 10 Uhr durch Landesrat Ludwig Schleritzko seiner neuen Bestimmung übergeben wird, dann soll sich ein Kreis schließen. „Einst war es die ‚Auskunftsstelle‘ für Neuankommende im Flüchtlingslager, künftig wird es eine Auskunftsstelle über die Gmünder Geschichte sein“, sagt der Gemeindebedienstete und Stadthistoriker Harald Winkler, der sich gemeinsam mit den Historikern Franz Drach und Manfred Dacho intensiv in die Erarbeitung des Museumkonzeptes eingebracht hat: „Das Haus wird sinnvoll genutzt und wird in seiner neuen Funktion auch ein großer Beitrag zum Erhalt bzw. zur Aufwertung des Ortsbildes.“

150 m² gestaltete Tapete, 90 Minuten Videomaterial. Am und im Gebäude blieb bis auf den Kern kaum ein Stein auf dem anderen. Die baulichen Maßnahmen mit Kosten von etwa 200.000 Euro (vier Fünftel davon sind aus „Leader“-Mitteln gefördert) betrafen Außenflächen genauso wie Fassade, Fenster und Eingangsbereich, Sanitärräume und natürlich die 100 m² große Ausstellungsfläche, in der ein Gangsystem mit Zwischenwänden den Platz optimal ausnützt.
150 m² Wandfläche konnten dabei gestaltet werden, die Tapeten dazu werden in den nächsten Tagen geklebt – die etwa 25.000 Euro, die die inhaltliche Aufbereitung kostet, werden dank EU zur Gänze gefördert.

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Blick in den Nachbau einer Baracke mit historischem Fotomaterial.

Gmünd in drei Großkapiteln. Inhaltlich teilt sich das Gezeigte hinter einem Empfangsraum in drei große Bereiche. Der erste Themenbereich soll zeigen, wie Gmünd vor 1914 in eine Konstellation gekommen ist, die die Planung eines riesigen Flüchtlingslagers im Ersten Weltkrieg überhaupt zur Option machte. „Auch die geografische Situation und das historische Zusammenleben von Menschen aus dem heutigen Österreich und Tschechien hier werden aufgegriffen“, sagt Harald Winkler. Eine besondere Rolle kommt freilich dem Lager zu, für das unter anderem ein nachgebauter Einblick in eine Holzbaracke gefertigt wurde.

Winkler: „Wir wollen der über 30.000 in Gmünd verstorbenen Flüchtlinge gedenken, aber auch Schicksale unter anderem von hier geborenen Menschen in den Vordergrund stellen und zeigen, wie das Leben im Lager funktioniert hat.“ Unter den Schauobjekten soll auch im Lager gefertigtes Kunsthandwerk sein, auch Arbeitsmaterial des Gmünder Lagerplaners Hans Fürnsinn wird gezeigt.

Reise bis in die Gegenwart. Der dritte große Schwerpunkt betrifft die Zeit nach dem Flüchtlingslager, als das Areal zum größten Gmünder Stadtteil geworden ist. Es zeugt von den Reisen Franz Kafkas zwischen Wien und Prag (etwa anhand des Faksimiles seines Reisepasses) und Postkarten an seine Milena aus Gmünd, von den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg, von der Bedeutung einer neuen Lage an der zunächst sehr lebendigen, nach 1945 aber jahrzehntelang toten Grenze.

Schließlich führt es in die jüngsten Kapitel der Stadt – zum Fall des „Eisernen Vorhanges“ 1989 und Neubeginn für eine gemeinsame Entwicklung, die im Gesundheitsprojekt „Healthacross“ einen preisgekrönten vorläufigen Höhepunkt fand. Der Bau einer gemeinsamen Gesundheits-Einrichtung in der nahen Bleyleben steht wie berichtet bevor.

„Haus ist überall ein Thema“. Hochzufrieden mit den Fortschritten – und der bisherigen Resonanz aus der Bevölkerung – zeigt sich Bürgermeisterin Helga Rosenmayer (ÖVP) beim NÖN-Lokalaugenschein. Das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ sei überall ein Thema, sagt sie: „Ich werde laufend darauf angesprochen, sehr oft erhalten wir noch weitere Angebote für Ausstellungsstücke.“ Diese werden auch angenommen, weil: „Die Ausstellung soll leben, immer wieder adaptiert werden und kleine Sonderausstellungen bekommen.

Das soll auch für Gmünder einen wiederholten Besuch interessant machen.“ Winkler, Dacho und Drach dankt sie für das eingebrachte Wissen und Material, durch das ein historisches Gebäude an einem historischen Standort Gmünds reaktiviert habe werden können.

Der Besuch wird kostenlos sein. Die Eingangstür soll zwischen Mai und September montags bis freitags (10-16.30 Uhr), an Wochenenden und Feiertagen (9-12 Uhr) geöffnet sein, Gruppen können sich auch außerhalb dieser Zeiten anmelden. „Man kann in einer halben Stunde durchgehen, aber auch zwei Stunden hier verbringen“, sagt Harald Winkler. An Multimedia-Stationen mit Bildschirmen und Kopfhörern entscheidet man per Knopfdruck darüber, wie vertiefend Einblicke in insgesamt 90 Minuten historisches Filmmaterial sein sollen.

Auch bisher unveröffentlichtes Material etwa zur Grenzöffnung 1989 – das aus der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wurde – ist hier zu sehen. Anhand von Saalzetteln können zum Start auf Deutsch und Tschechisch ergänzende Informationen bezogen werden, mittelfristig wird auch eine Handy-App ins Auge gefasst, die in einen interaktiven Stadtführer mit Highlights und historischen Sehenswürdigkeiten in Gmünd und eské Velenice eingewoben wird.

Auskunftsstelle rund um die Uhr. Auch außerhalb der Öffnungszeiten wird die ehemalige Auskunftsstelle Auskunft geben: Alle Fenster sollen mit Infofolien beklebt werden, an der Hausrückseite sollen vor einem noch zu gestaltenden Plätzchen große Infotafeln angebracht werden.