Leben und Überleben in der Nische. Geschäftsideen fernab der klassischen Job-Motoren werden oft als Chancen und Stärken des Waldviertels gesehen. Was zeichnet unsere Betriebe in Nischen aus? Wie ticken deren Gründer? Was sind ihre Möglichkeiten, was die Herausforderungen? Welche Rolle soll die Politik spielen? Die NÖN lud zum Runden Tisch.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 16. April 2019 (04:18)

In Kooperation mit den Kittenberger Erlebnisgärten in Schiltern bringt die NÖN im schicken Gartenrestaurant der Erlebnisgärten eine illustre Talk-Runde zusammen.

Zum Thema „Erfolg in der Nische“ zerbrechen sich VP-Landesrätin Petra Bohuslav, Geschäftsführer Leopold Kaufmann (WWV Steuer- und Unternehmensberatung Gmünd), die erfolgreichen Gründer Johannes Gutmann (Geschäftsführer Sonnentor in Sprögnitz), Karl Bauer von Glasfaser-Pionier NBG (Gmünd) und Hausherr Reinhard Kittenberger den Kopf. Die Fragen wirft NÖN-Waldviertel-Chef Markus Lohninger ein.

Die Ausgangslage.

„Das Waldviertel hat eine gute Mischung aus Unternehmen, die mit authentischen Produkten zur Region passen, und solchen, die dem Waldviertel aus unterschiedlichsten Gründen verbunden sind und den Wirtschaftsfaktor Niederösterreich von hier aus in die Welt hinaustragen“, betont Wirtschafts-Landesrätin Bohuslav mit Blick in die Runde. Es habe hohes unternehmerisches und kreatives Potenzial.

Sie verweist etwa auf Graffitikünstlerin Sarah Kupfner (Gars) als Preisträgerin beim 1. Creative-Business-Award, die Riz-Genius-Preisträger Bernhard Wagner (Uhrmacher, Raabs) und Robert Aflenzer mit revolutionärer Wasseraufbereitung (Geras) oder auf Jungunternehmer Josef Kramer, einen Brunnenspezialisten in Martinsberg. 950 Unternehmensgründungen habe es im Waldviertel 2018 gegeben – 90 mehr als noch sieben Jahre zuvor.

Wege in die Nische.

Johannes Gutmann begann 1988, wie er sagt, als Arbeitsloser mit meist in Äckern störenden Kräutern. Er habe als „Spinner mit der Lederhose auf Bauernmärkten“ schon im ersten Jahr davon leben können. Heute führt der Bio-Pionier 900 verschiedene Produkte. In Sprögnitz beschäftigt er 320 Mitarbeiter. In Tschechien hat er weitere 150 Mitarbeiter und erwirtschaftet 30 Prozent des Umsatzes.

Auch Reinhard Kittenberger machte aus der Not eine Tugend. Als Gärtner mit Gartenshop sei er nicht gut gefahren: Die großen Gartencenter an Verkehrs-Hotspots stachen Schiltern im verwinkelten Umland von Langenlois aus. „Also verbanden wir das Geschäftliche mit dem Tourismus und haben eine Lücke gefunden. Jetzt zeigen wir den Leuten was wir können, also Gärtenbauen, lassen sie im Restaurant konsumieren und geben ihnen beim Hinausgehen etwas mit.“ 140 Beschäftigte hat er heute, 20 mehr könnten es sein.

"Müssen in den nächsten Monaten aufstocken"

Ein anderes Problem führte Bauer in die Selbstständigkeit. Er tauchte in der Telekommunikations-Abteilung eines Konzerns Anfang der 1980er als einer der Ersten in Europa in den Bereich Glasfaser ein, stieß aber mit Visionen zu dem Zukunftsthema auf taube Ohren.

„Jetzt gibt es 14 GmbHs mit 90 Mitarbeitern um den Karl Bauer, wir müssen in den nächsten fünf Monaten auf 130 aufstocken“, sagt er. Ein Startup-Center fördert kreativen Nachwuchs, bald fällt der Spatenstich für eine fast 50 Millionen Euro teure Fabrik zur Herstellung reinster Glasfaser-Rohkörper in Gmünd – auch dank der Hilfe des Landes, wie Bauer in Richtung Bohuslav anmerkt.

Volle Kraft voraus!

Warum wachsen manche Betriebe extrem und manche nie? Wo ist die Schwelle, an der ein Projekt unter Freunden zum echten Faktor wird und Entscheidungen über die Existenzen vieler Mitarbeiter richten?

Kittenberger habe eine solche Schwelle beim Hanteln von Projekt zu Projekt nie erkannt, schmunzelt er: „Stillstand geht nicht, wir haben in 30 Jahren immer aufgebaut. Wenn sehr viele Aufträge da sind, brauchen wir alles, was zwei Hände hat, in schlechteren Zeiten müssen wir auf die guten Mitarbeiter beharren.“

Bei Gutmann kam der kritische Punkt mit dem zwölften Mitarbeiter. Da habe er erkannt, dass es jetzt eine Struktur brauche. Zur Frage „Wer will denn mehr Verantwortung übernehmen?“ hatten sich beim gemeinsamen Mittagessen („das wichtigste Ritual, in dem über Dinge geredet wird, für die während der Arbeit keine Zeit ist“) immerhin drei Kollegen gemeldet.

"Wir-Gedanken haben wir früh implementiert"

Dieses Vertrauen in die Eigeninitiative habe sich in Österreich und Tschechien bewährt: „Nicht ich als Unternehmer bin der Trottel für alles, wir machen‘s gemeinsam. Den Wir-Gedanken haben wir früh implementiert.“ Der zweite Knackpunkt sei bei „Sippengröße“ mit 150 Leuten gekommen, der dritte mit 300.

Im ersten NBG-Glasfaserbetrieb von Bauer kam der kritische Punkt, als es mit 50 Leuten eng im Großraum wurde, in fünf Jahren war man auf 115 gewachsen. „Auf einmal war es mit der Kommunikation und Flexibilität zu Ende, interne Abläufe wurden wichtiger als der Kundenwunsch.“ Nach dem Verkauf 2006 habe er auf einer einsamen Insel die Strategie zum Neustart festgelegt: 14 GmbHs mit zentraler Verwaltung und Beteiligung der zentralen Manager seien nun wendige Schnellboote, „ein großes Boot kann nicht mehr die Nischen bedienen und sich frei bewegen, muss in den Mainstream rein“.

Den Fokus auf den Kunden sieht Leopold Kaufmann von WWV in Gmünd, mit 24 Beschäftigten in sechs Jahren laut eigener Aussage zur größten unabhängigen regionalen Steuer- und Unternehmensberatungs-Kanzlei gewachsen, als Oberkriterium in der Nische: „Sobald sich ein Betrieb zu stark mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Markt, wird es eng.“ Daher wolle WWV als Firmen-Begleiterin auch Controlling-Bereiche übernehmen und mit Klienten besprechen, wo sie stehen, was ihr Ziel ist und warum gewünschte Entwicklungen nicht eintreten.

Volle Kraft voraus?

Wie wichtig die Wirtschafts-Strategie des Landes NÖ unter dem Motto „richtig wachsen, besser leben“ als Kontrapunkt zum Fokus auf rasante Expansion ist, das habe die Immobilienblase 2008/2009 gezeigt, sagt Petra Bohuslav: Man analysiere bei Wirtschafts-Förderungen Forecast-Pläne und Bilanzen, warne davor, „wenn der Zeitpunkt zum Wachsen noch nicht gekommen ist“.

Richtig wachsen heiße auch, Schwellen zu erkennen, „dazu begleiten wir Gründer mit Riz-Up bis zu drei Jahre gratis“.