Gea/Waldviertler: Mit warmen Füßen durch kalte Zeiten. Kunden kaufen Schuhe und spenden sie. Was mit „Last Call“ aus vollem „Waldviertler“-Lager begann, wuchs zur großen Hilfswelle.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 04. März 2021 (05:15)
„Gruft“-Klientin „Frau H.“ war eine der Ersten, die gespendete Waldviertler in Empfang nehmen durfte – gespendet von einem Karl, der aber Max genannt wird.
Gruft

Auf sprichwörtlich großen Sohlen sind seit einigen Tagen zahlreiche für Unterstützung dankbare Menschen in allen Teilen Österreichs unterwegs: Ein „Last Call“ von Gea/ Waldviertler zum Ausmisten des lockdown-bedingt übervoll gebliebenen Winterschuh-Lagers, gepaart mit einem Satz zur Frage, was der Lockdown von gestern für die Beschäftigungslage von morgen bedeutet, hat binnen weniger Tage eine Welle der Solidarität ausgelöst. Diese sorgte für Bewegung nicht nur am Firmensitz in Schrems: Hilfs-Organisationen freuen sich über schon mehr als 220 gespendete Paar „Waldviertler“.

Was der Karl damit zu tun hat

Der Karl aus Vorarlberg, der nicht beim Namen genannt werden möchte und daher jetzt unter „Max“ läuft, habe die Welle losgetreten, die „zu einer Art Selbstläufer geworden ist“.

Renate Gönner hat bereits mehr als 220 Paar Schuhe vermittelt.
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Das sagt Renate Gönner, in der Zeitrechnung vor Covid-19 der Kopf der Gea-Akademie, derzeit in Kurzarbeit und Hoffnung darauf, dass das Akademikerleben eines nahen Tages wieder aufleben darf. Gönner hat der „Last Call“ ein neues Betätigungsfeld eingebracht, in dem die Grenzen zwischen Beruf und Ehrenamt mitunter verschwimmen.

Er habe nämlich im Ländle schon so viele Waldviertler herumstehen, dass er weitere trotz des Kombi-Angebotes mit einem kostenlosen Merinoschal nicht brauchen könne, schrieb Karl alias Max. Aber: Geschäftsführer Heini Staudinger solle fünf Paar Eisbär-Schuhe samt Schals an die „Gruft“ für obdachlose Menschen in Wien schicken, die Rechnung inklusive Porto zu ihm nach Vorarlberg. „Dort werden sie dringend benötigt.“

Mittlerweile gibt es Bedarfslisten

Dem Vorbild folgten nach und nach weitere Waldviertler-Fans auch aus Deutschland, Holland, Luxemburg oder der Schweiz, und zwar auf ganz unterschiedliche Weise, sagt Renate Gönner.

Die Hildegard (die wirklich so heißen dürfte) überwies 1.200 Euro, wollte dafür drei Schals der Farben Berry, Bluu und Schwarz – um den Rest sollten sich Menschen aus dem Raum Schrems, die es sich nicht leisten können, Winterschuhe aussuchen. Ein Duo hat den Bedarf nach konkreten Schuhgrößen gleich direkt mit der Gruft abgestimmt und dann zehn Treter bestellt. Die Aktion weitete sich auf andere Organisationen aus – drei Paar an die Emmaus-Gemeinschaft St. Pölten, 1.000 Schuh-Euro für das Ute-Bock-Haus in Wien, dann Lieferungen in Jugendnotwohnungen und Frauenwohnhäuser. Eine Frau aus Basel gab 5.000 Euro.

„Gruft und Ute-Bock-Haus sind für alle Größen empfänglich

Von einigen Stellen haben wir aber mittlerweile konkrete Bedarfslisten“, sagt Gönner, die die ersten Schuhe persönlich zustellte. Dann musste auf Versand ausgewichen werden: Vorige Woche wurde ihr zufolge die Zahl von 220 gespendeten Schuhpaaren überschritten, dazwischen streute auch Gea selbst 28 kostenlose Paare ein – „damit der erste 100er (Schuhpaare) eine runde Sache wird“.

Cornelia: „Ich denke, das wird euch, mir und anderen guttun."

Es sei einfach eine „schöne, noch dazu wahre Geschichte in dieser schwierigen Zeit“, strahlt Renate Gönner: „Wenn wir beginnen, Überfluss zu teilen und für Dinge zu spenden, für die es echte Verwendung gibt, dann gibt es nur Gewinner.“ Sie sei „unglaublich berührt“ darüber, „in dieser Geschichte mitschreiben zu dürfen“, erhalte von Kunden laufend Aufmunterung. Auch eine Tafel Schokolade als Dank für die Abwicklung habe sie unlängst aus der Post gefischt. „Ihr seid so unsagbar wichtig für uns alle – bitte macht weiter“, zitiert Gönner aus der Zuschrift einer gewissen Cornelia, die 500 Euro gab: „Ich denke, das wird euch, mir und anderen guttun.“

Zumindest vom Gefühl her etwas Luft reingekommen

Der auf diese Weise ausgelöste Umsatz liegt derzeit im Bereich von etwa 40.000 Euro – trotz allem nicht sehr viel im Vergleich zu den im Vorjahr umgesetzten 16,5 Millionen Euro am Schremser Standort. Die mehr als 220 verschenkten Paare spüre man auch im Lager nicht wirklich, sagt Renate Gönner. Aber: „Als ich vor dem Last Call das Lager gesehen habe, ist mir die Luft weggeblieben. Jetzt ist zumindest vom Gefühl her etwas Luft reingekommen – weil man einfach spürt, dass unser Schicksal mit anderen geteilt wird, viele Kunden mit uns mitleben und genauso darunter leiden, wenn ein volles Lager die Beschäftigungs-Situation zusätzlich erschwert.“

Etwas Licht ist auch deshalb ins Lager gekommen, weil Gea/ Waldviertler um Weihnachten nach eigenen Angaben 300 Paar Kinderstiefel an in Lesbos gestrandete Flüchtlingsfamilien geschickt hatten. Mehr dürften demnächst unterwegs sein. Aber das ist eine andere Geschichte…