Cowboys braucht das Waldviertel

Erstellt am 25. Oktober 2017 | 05:49
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Von Cowboys und Cowgirls in Schach gehalten passiert die Rinderherde eine Straße. Das Spektakel vor dem Wintersteht im nächsten Herbst auch den Gmündern ins Haus.
Foto: Sonja Eder
Nirgendwo in Österreich wird so am Rind gearbeitet wie am Biohof Altmann in Stadlberg. Ein Report vom Herbst-Abtrieb.

Es scheint, als wäre man im Set zu einem Wild-West-Film. Es ist früh am Vormittag im „Country-Dorf“ hoch oben in Stadlberg, wo einst das Countryfest stattfand. Heute ist es nicht laut, es spielt keine Musik, dafür stehen edle Pferde in den Boxen, werden von Cowboys & -girls gesattelt und raufgeführt zum Sammelplatz. Nur die Revolver fehlen.

Mehrere Reiter sind mit Pferden am 21. Oktober gekommen, um am Biohof von Werner Altmann und Helena Kunes beim „Fall-Round-Up“ – dem ringförmigen Zusammentreiben der Rinder auf den Weiden und „Treiben“ der Herde zum „Fang“ – zu helfen. Den Winter sollen die Rinder im Laufstall mit Auslauf auf hausnahen Flächen verbringen. Das ist unter anderem der Sinn des „Herbst-Abtriebs“.

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Reiter treiben sachte die Rinder in den trichterförmigen Gang zum Check.
Foto: Sonja Eder

Es hat aufgehört zu regnen, Nebelschwaden heben sich aus den Wäldern in Stadlberg. Die Reiter sitzen im Sattel, bereit, mit der Arbeit zu beginnen. Nur ab und zu ein Auto und eine Drohne hoch oben am Himmel zersägen das harmonische Bild von Natur, Tier und Mensch.

Mit Quad oder Motocross-Maschine die mittlerweile auf 85 Stück angewachsene Hochland- und Angus-Rinderherde heran zu treiben, wäre gegen die Philosophie Altmanns. „Wir betreiben extensive Weidewirtschaft – wir produzieren mit dem, was wir haben, kaufen weder Futter- noch Düngemittel zu, arbeiten mit wenig Energieeinsatz für Mensch und Umwelt“, so der Bio-Pionier.

Bloß nicht stressen: Alle wissen, was zu tun ist

Und Helena Kunes, die seit dem zehnten Lebensjahr am Rücken von Pferden sitzt: „Pferde reagieren viel schneller, sind wendiger. Sie erahnen, was das Rind als Nächstes vor hat zu tun – optimal für die Rinderarbeit auf unseren kleinen Flächen.“

Abmarsch. Die Gruppe teilt sich – Cowboys treiben die Rinder zusammen, halten die Herde geschlossen, treiben sie zum Ausgang der Weide. Andere Cowgirls und Cowboys sichern dort den Übergang in die nächste Weide, so wird die Herde von einer Weide zur anderen in den „Fang“ getrieben.

Unter den Cowboys ist auch der Gmünder Markus Wandaller, der wie berichtet einige Zeit auf einer Cattle-Ranch in Kanada arbeitete. Er gab einst auch Kunes und Altmann für die Planungen ihres „Fangs“ seine Erfahrungen weiter. Der „Fang“ ist eine mit Holzlatten blickdicht eingezäunte Fläche, die beim Zusammenführen der Rinder in eine Art Käfig hilft. Sie sind durch die weit auseinanderstehenden Gitterstäbe gut einsehbar, werden auf Hufe, Gesundheitszustand, Geschlecht und Ohrmarken kontrolliert. Jeder weiß, was zu tun ist, alles geht zügig – um den Stress für das Tier gering zu halten. Schon traben die Rindviecher weiter zum Laufstall oder müssen, zur etwaigen Hufbehandlung oder Kastration der Jungstiere, dableiben.

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Auch das Einfangen der Rinder mit dem Lasso ist notwendig.
Foto: Sonja Eder

Joedy Cunningham stößt zu einigen Reitern. Er, der in den USA auf einer Rinderfarm aufgewachsen ist, zeigt, wie einfach das Separieren eines Rindes von der Herde zu Pferd sein kann.

Verkauft wird das Rindfleisch aus Stadlberg ausschließlich ab Hof. „Durch Weidewirtschaft schmeckt es besser, weil in einem langsam gewachsenen Fleisch der Gehalt an Spurenelementen und Vitaminen wesentlich höher ist“, sagt Altmann. Da Weideschlachtung in Österreich verboten ist, geht es dafür in den Schlachthof: „Ein Glück, dass die Tiere nur 15 Kilometer transportiert werden müssen.“

Noch befindet sich der Biohof im Weidenaufbau, künftig soll das Rindfleisch via Biohandel verkauft werden. „Wir möchten aber im kleinstrukturierten Bereich bleiben“, so Altmann. Weite Transportwege widerspreche dem Bio-Gedanken.

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Bestens gelaunt nach dem Arbeitseinsatz bis zum letzten Rindvieh: Markus Wandaller, Irene Lugmayr, Marcus Bühringer, Helena Kunes, Werner Altmann und US-Amerikaner Joedy Cunningham.
Foto: Sonja Eder

Genauso will er es in Zukunft mit Wasserbüffeln halten, die – so hofft er – schon im Frühling im Naturschutzgebiet der Lainsitz-Niederungen in Gmünd einziehen sollen (die NÖN berichtete). Ab Hof soll das Fleisch verkauft und der Gastronomie angeboten werden. Im Überschwemmungsgebiet zwischen Gmünd und dem Naturpark Blockheide ist für die Tiere genug Naturnahrung vorhanden, den Winter über sollen sie in Stadlberg verbringen.

Die Förderzusage zum Beweidungsprojekt sollte dieser Tage kommen. Dann soll es, wie der zuständige Gmünder Stadtrat Alexander Berger (ÖVP) sagt, „einfach einmal anlaufen. Man wird abwarten müssen, ob und wie es funktioniert.“

Büffelprojekt in Gmünd: Visionen über Visionen

Die Zäune um das 12,5 ha große Areal sollen möglichst noch vor dem Winter installiert, der Boden gemulcht werden. Der Weg zwischen Wasserfeld und Blockheide trennt das größte künftige Weidegebiet. Er soll, wie Berger ankündigt, vor dem Eintreffen der ersten Tiere erneuert werden. Mehrere Rohre sollen darunter einen ungehinderten Wasserdurchfluss gewährleisten, für Besucher soll der Querungsbereich durch elektrische Zäune abgesichert werden.

Visionen von einem Steg bis hin zur spektakulären Hängebrücke geistern durch die Stadt. „Natürlich wäre so etwas eine Attraktion. Aber es ist kein Muss, ist für die Beweidung weniger relevant als für die Bevölkerung und den Tourismus“, will Stadtrat Berger keinen Druck aufkommen lassen: Ihm schwebt jedoch grundsätzlich eine bessere Verbindung aus Altstadt und Wasserfeld zur Blockheide mit einem neuen, zentralen Eingang sowie Info- & Aussichtsbereichen dazwischen vor.

15 bis 20 österreichische oder deutsche Bio-Wasserbüffel sollen erworben werden. Sie sollen abwechselnd die drei geplanten Bereiche beweiden und jeweils hochwassersichere Rückzugsflächen erhalten. – Gespannt darf man den Rückzug der Tiere nach Stadlberg vor dem Winter 2018/19 erwarten: Ob da die Cowboys hautnah für die Bevölkerung beim Einsatz beobachtet werden können?

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