„System verstärkt die Krise“

Erstellt am 20. März 2013 | 00:00
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Hansdampf in allen Gassen / Schuh-Rebell plant nach Hotel-Kauf den Umzug des Werks- Verkaufs, will eigenen Kindergarten eröffnen – und bei der Hausmesse über die FMA plaudern.
Von Markus Lohninger

SCHREMS / Heini Staudinger liebt es, die Dinge nicht von Haus aus zu verkomplizieren. Die Welt ist kompliziert genug. Sein Finanzierungsmodell entwickelte sich aus privaten, gut verzinsten Krediten heraus, bis eines Tages drei Millionen Euro im Topf waren und Staudinger in den Augen der Finanzmarktaufsicht (FMA) plötzlich Bank war. Jetzt erklärt er der FMA schon mehr als ein Jahr , warum sein eigenwilliges Modell rechtens ist bzw. welches juristische Konzept auf den Tisch muss, damit es eine Rechtsform erhält.

Das Hotel Post kaufte der Chef der Waldviertler Werkstätten nach dem bisher erfolgreichsten Geschäftsjahr im Februar, um es im März ersten Nächtigungs-Gästen zu öffnen (die NÖN berichtete damals exklusiv). Teils dringend nötige Sanierungen können später immer noch folgen. Der Schwenk vom Schuherzeuger, der plötzlich Bank wurde, zum Hotelier brachte auch andere bereits im Rollen begriffene Steine dazu, sich in eine andere Richtung zu bewegen.

Der Hotelkauf entkomplizierte die Pläne für den Neubau eines Besucherzentrums mit neuem Werksverkauf, es braucht keine neue Werksküche mehr. Die 130 Mitarbeiter und bis zu 400 Gäste von Seminaren oder Reisegruppen sollen den Weg zum Hotel Post beleben. Dort wird ja ab Mai aufgekocht: ein vegetarisches Menü für alle. Im Aufenthaltsraum der Schuhwerkstatt wird statt der Küche ein Bistro mit Schankbereich und Kleinigkeiten für zwischendurch eingerichtet. Statt eines neuen Kinosaales soll für Videos künftig das Kulturhaus genutzt werden. Der Werksverkauf wird nicht neu gebaut, sondern übersiedelt einen Stock nach oben.

Größerer Shop – und ein neuer Ort für Kinder 

 

„Dort haben wir die doppelte Verkaufsfläche“, sagt Heini Staudinger, der den Umzug vor den Besucherströmen im Sommer abwickeln will. Zugleich wandern die Büros aus dem ersten in den zweiten Stock, am Ort des aktuellen Geschäftes findet, wenn es dabei bleibt, die Reparaturstelle ihr neues Heim. „Die Reparierer werden dann erste Ansprechpartner der Gäste“, schmunzelt Staudinger. „Sie verkörpern gleich: Waldviertler wirft man nicht weg – sie sind es wert, repariert zu werden!“

Die Dinge entwickeln sich. Also bringt Staudinger, während er so redet, seinen eigenen Werkskindergarten zur Welt. Fix ist dessen Start: „gleich nach Ostern.“ Wir ahnen es: Details entwickeln sich dann schon. Babys empfangen die Werkstätten mit dem „Begrüßungs-Tausender“, hoch ist daher die Geburtenrate in der Belegschaft. „Ziel ist eine Betreuung von Kindern von 0 bis 15 Jahren mit Fachkräften, aber nach unseren Bedürfnissen“, präzisiert Claudia Wagner, die mit anderen Müttern den Trägerverein gründen will und noch engagierte Pädagoginnen sucht. „Unsere Bedürfnisse“ beinhalten Öffnungszeiten von 7 bis 17 Uhr genauso wie den Fokus auf „Kreativität, Entfaltungsraum für Kinder und ein Leben mit der Natur“, wie Wagner erklärt. Das Mittagessen wird auch hier vom Hotel Post kommen.

Angedacht ist eine Betreuung im früheren Kinderhaus, die Gespräche mit der Stadtgemeinde laufen noch. Der Preis soll unter 2 Euro pro Stunde bleiben, Angehörige der Werkstatt werden durch Sozialleistungen unterstützt. Gesprochen wird aber auch mit anderen Firmen, Claudia Wagner: „Der Kindergarten soll allen Kindern offen stehen.“

Auch allen Erwachsenen offen stehen werden die Waldviertler Werkstätten von 22. bis 24. März (9-18 Uhr) bei der Hausmesse. Dabei referiert bei freiem Eintritt Andreas Pirker (BioMa proNatur) auch täglich um 16 Uhr zum Thema „Mit Mikrokult die Power der Natur nutzen“, im Anschluss spricht Heini Staudinger jeweils ab 17 Uhr über sein Match mit der FMA.

Staudinger will erklären, warum wir die Wirtschaft vor unserer Haustür mit unserem Kapital beeinflussen können. „Ein großer Teil der Spareinlagen der Waldviertler wird von den Banken nicht in der Region investiert“, verweist er auf ein Paradoxon: „Wenn mir aber Leute, die mich kennen, ihr Geld borgen, dann wird es mit größerer Sorgfalt eingesetzt, als wenn sie es anonymen Firmen geben.“ Bei kleinen Firmen gebe es durch neue Richtlinien für Banken oft nicht einmal Geld fürs Warenlager. „Dafür darf man schutzlos Geld bei Meinl European Land verlieren, im Casino und im Wettbüro. Ich war im 1986er Jahr selber spielsüchtig – ich weiß, wovon ich spreche“, sagt Staudinger: „Das System verstärkt also die Krise.“