Buch entzaubert "Mythos" um Waldviertler Dichter. Autorin Ilse Krumpöck will mit ihrem aktuellen Buch den „Mythos“ um den Waldviertler Dichter entzaubern.

Von Markus Füxl. Erstellt am 03. Juli 2019 (04:42)
Markus Füxl
Ilse Krumpöck in ihrem Arbeitszimmer. Die Schriftstellerin beschäftigt sich in ihrem aktuellen Buch mit dem „Mythos Hamerling“.

Als einer der bedeutendsten Dichter seiner Zeit im deutschsprachigen Raum hat Robert Hamerling im 19. Jahrhundert weithin Spuren hinterlassen. Hamerling-Gassen, -Straßen, -Brücken, -Säle, -Höfe, -Wege, -Brunnen oder -Denkmäler zieren heute Städte und Ortschaften im ganzen Waldviertel.

Den „Mythos Hamerling“ möchte die Schriftstellerin und Kunsthistorikerin Ilse Krumpöck, die in Zwettl wohnt, hinterfragen. Ihr Vorwurf: Robert Hamerling war ein „Mitspieler“, der aus der deutschnationalen Bewegung die Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert mitzuverantworten hatte. Die NÖN traf sie zu einem Gespräch über den richtigen Umgang mit Antisemitismus und den „Himmel und die Hölle Waldviertel“.

NÖN: Sie sind in Bregenz geboren, leben aber in Zwettl. Auf Ihrer Homepage schreiben Sie über ihre Bücher, dass sie „auf der Suche nach dem Wesentlichen im Waldviertel“ sind. Was interessiert sie an der Region?

Ilse Krumpöck: Ich habe 37 Jahre in Wien gelebt, 15 davon habe ich im Heeresgeschichtlichen Museum als Leiterin des Kunsthistorischen Referats verbracht. Wenn man so viel arbeitet, kommt man nicht zum Denken, es ist alles wichtiger als die Natur. Im Waldviertel habe ich die Natur schließlich gefunden. Vor Zwettl habe ich zehn Jahre lang im Paradies gewohnt, das gleichzeitig aber auch die Hölle war.

Wie meinen Sie das?

Krumpöck: Ich habe in einem Holzblockhaus in Bad Traunstein gewohnt, mit 360 Grad Rundumblick. Es war der schönste Platz, den man sich vorstellen kann. Im Winter war es aber die Hölle, es hat gezogen wie in einem Vogelhaus. Mit meinem Hund bin ich mit Skibrille drei mal täglich nach draußen in den Sturm. Das war mir zu viel, dazu fehlt mir die Abenteuerlust.

Aktuell leben Sie in Zwettl. Dort ist die Figur Ihres aktuellen Buches, der Dichter Robert Hamerling allgegenwärtig. Warum haben Sie sich mit ihm beschäftigt?

Krumpöck: Mir geht es um den zeitgeschichtlichen Zugang. Ich habe geschaut, was es im Waldviertel Unaufgearbeitetes gibt und bin so auf den Antisemitismus von Robert Hamerling gestoßen. Dazu gab es erst einmal 1992 eine Diplomarbeit. Solche Arbeiten wandern aber in die Schublade und keinen interessiert es. Ich wollte ein populärwissenschaftliches Buch schreiben, damit auch diese Seite des Dichters bekannt wird.

K. Tröstl
Das Hamerling-Stiftungshaus in Kirchberg ist weithin bekannt.

Was genau war an Hamerling antisemitisch?

Krumpöck: Besonders schlimm ist sein vorletztes Werk, der „Homunculus“. Darin hat er Stereotype verwendet, wie im Mittelalter, etwa die O-Beine oder die „dreiste Tatkraft“ der Juden, die er mit Salpetersäure vergleicht. Ein Grund, warum Hamerling eine solche Abneigung gegenüber Juden hatte, war, dass er von jüdischen Journalisten wegen seiner Deutschtümmelei verspottet wurde. Das war ein richtiger Krieg zwischen den Journalisten und ihm. Im Buch geht es aber nicht nur um seinen Antisemitismus, sondern auch, dass er bestimmte charakterliche Merkmale hatte, die ans Tageslicht müssen.

Zum Beispiel?

Krumpöck: Er behauptete, immer krank zu sein und nicht unterrichten zu können (Hamerling unterrichtete etwa in Wien, Graz und Triest, Anm.). Für den Lehrberuf hatte er nichts über, er wollte lieber in Ruhe dichten. Mit Bettelbriefen bekam er von einer Frau so viele Gulden, dass er sich ein ganzes Haus leisten konnte. Dann hatte er die Unverfrorenheit zu schreiben, das sei zu wenig und er brauche noch jemanden, der sein Pensionsgesuch unterstützt. Hamerling ging mit 36 Jahren in Pension. Das ist nicht schlecht, so kann man natürlich viel besser dichten.

Sie schreiben: „Robert Hamerling war ein Geburtshelfer für die Verbrechen im Holocaust.“ Er starb 1889, also deutlich vor dieser Zeit. Welchen Einfluss hatte er tatsächlich auf den Nationalsozialismus?

Krumpöck: Es ist bekannt, dass sich die Nazis ideologisch aus der Vergangenheit bedienten. Hamerling goutierte etwa Unterrichtsmethoden, bei denen man Kinder schlug. Zu seiner Zeit gab es auch Georg von Schönerer (ein Antisemit, der etwa die Entfernung von Juden aus dem Staatsdienst, aus Schulen, Universitäten, Vereinen und Zeitungen forderte, Anm.), auch Adolf Hitler hatte im Waldviertel Wurzeln. In vielen Werken Hamerlings kommt das Wort „Entartung“ vor, er beschrieb die Verweichlichung der Wiener und das immer am Beispiel von Preußen, das er mit Österreich verglich. Preußen war immer sein Nonplusultra.

Im Waldviertel gibt es überall Denkmäler von Hamerling. Wie erklären Sie sich diese Beliebtheit, bedenkt man die Erkenntnisse Ihres Buches?

Krumpöck: Es ist vielleicht seine Art, sich zurückzuziehen, die ihn geheimnisvoll macht. Im Waldviertel gab es ein Denkmalkomitee, für das Schönerer aufgerufen hatte, zu spenden. Alle Städte, Weitra, Horn, Zwettl und Waidhofen, haben sich darum gestritten, wer als erster ein Denkmal von Hamerling bekommt. Das erste stand dann in Schrems und da lebte Hamerling noch. Das ist dann ausgeartet in eine Glorifizierung.

Wird Ihr Buch etwas an dieser „Glorifizierung“ ändern?

Krumpöck: Das hoffe ich! Oliver Rathkolb (Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in Wien, Anm.) hat mir geschrieben, dass er mein Buch als kleine Bombe empfindet. Hamerling hatte am Ende seines Lebens dann doch die Einsicht, dass er furchtbare Dinge geschrieben hat. Er schrieb: „Was habe ich getan?“ Ich finde nicht, dass man alle Hamerlingstraßen jetzt umbenennen soll, aber ich fordere Zusatztafeln bei jedem Denkmal, etwa: „Robert Hamerling - Ein Wegbereiter des Antisemitismus“. Auch um auf den Fluch der Hydra hinzuweisen, der aus diesem Gedankengut entstanden ist.

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