Haag

Erstellt am 03. Januar 2019, 06:33

von Sabine Hummer

Soziales Jahr: „Hier können Kinder einfach Kind sein“. Die 18-jährige Haagerin Debora Zöchling absolviert ein einjähriges Volontariat in Afrika und berichtet über die Erfahrungen der ersten Monate.

Die Kinder im Don Bosco Youthcenter Mekanissa haben Debora Zöchling schon in ihr Herz geschlossen. Foto: privat  |  privat

NÖN: Debora, wo bist du genau gelandet? Kannst du dein Umfeld beschreiben?

Debora Zöchling: Ich darf im Don Bosco Youthcenter Mekanissa mitarbeiten. Das ist ein Straßenkinderpräventionsprojekt der Salesianer Don Boscos, das sich am Stadtrand von Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, im Stadtteil Mekanissa befindet. Hier werden zurzeit 415 Kinder unterstützt, die aus den einfachsten Verhältnissen kommen und die aus verschiedensten Gründen keinen leichten Start ins Leben hatten. Ich lebe in der Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos, habe ein eigenes Zimmer und Bad und esse mit den Ordensleuten gemeinsam.

Wie war deine Ankunft in Afrika? War es eine große Umstellung für dich?

Die Kinder im Don Bosco Youthcenter Mekanissa haben Debora Zöchling schon in ihr Herz geschlossen. Foto: privat  |  privat

Ich bin im August bei 35 Grad von zuhause in ein Land des heißesten Kontinents aufgebrochen und musste gleich meine warme Kleidung auspacken, weil zu dieser Zeit in Äthiopien gerade Regenzeit war und Äthiopien das zweithöchstgelegene Land Afrikas ist. Das war anders als erwartet. Addis Abeba liegt auf 2.370 Metern, hier übersteigen die Temperaturen auch das ganze restliche Jahr die 30-Grad-Marke nur sehr selten. Grundsätzlich passe ich mich schnell an meine Umgebung an. So war es für mich keine so große Herausforderung, mich an die Millionenstadt – Addis Abeba hat zirka so viele Einwohner wie ganz Österreich – und den mit ihr einhergehenden Verkehr zu gewöhnen. Mehr Umstellung hat für mich die Uhrzeit in Äthiopien gebracht. Hier beginnen nämlich Tag und Nacht um 1 Uhr, das entspricht in der internationalen Zeitrechnung 7 beziehungsweise 19 Uhr. Sie haben auch einen anderen Kalender. Ihr Neujahr ist im September, jeder der zwölf Monate hat 30 Tage und die übrigen Tage werden im 13. Monat zusammengefasst. So ist es nicht immer so einfach zu eruieren, welchen Tag und welche Uhrzeit der jeweils andere meint.

Wie sieht es mit der Sprache und der Ernährung aus?

Die größten Herausforderungen sind für mich noch immer die Sprache und die Verständigung. In Äthiopien ist die Amtssprache Amharisch, eine Sprache, die zu meinem Leidwesen mit den europäischen Sprachen sowohl in der Schrift als auch in der Sprachphilosophie nur sehr geringe Gemeinsamkeiten aufweist. Dank eines wöchentlichen Amharisch-Unterrichts und der täglichen Praxis mit den Kindern kann ich zumindest schon mit den Kindern im Unterricht kommunizieren und Smalltalk führen. Zum Essen kann ich zwischen Reis, Nudeln, Pizza, Gemüse, Fleisch und dem Nationalgericht Injera mit verschiedenen Soßen, Gemüse, Fleisch und Fisch, wählen. Injera ist ein gesäuertes Fladenbrot, das aus einem besonderen Getreide hergestellt wird, das nur in Äthiopien angebaut wird. Mir schmeckt das Essen sehr gut. Es ist ein wenig schärfer, als ich es von zuhause gewohnt bin, aber geschmacklich sehr abwechslungsreich.

"Auch wenn die Arbeit mit Kindern viel Zeit, Energie und Engagement in Anspruch nimmt, geben ihr Lachen, ihre Freude und Dankbarkeit mir so viel zurück."

Wie ist dieses Hilfsprojekt der Salesianer Don Boscos aufgebaut?

Die Kinder werden im Don Bosco Youthcenter beim Bewältigen der täglichen Bedürfnisse unterstützt, erhalten eine Ausbildung und werden durch eine sinnvolle Freizeitgestaltung vor einem Leben unterhalb der Armutsgrenze bewahrt. Viele von ihnen sind vom Land in die Stadt gezogen, auf der vergeblichen Suche nach besseren Lebensumständen. Meist leben sie nur bei einem Elternteil, der oft mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat und, wenn er arbeiten kann, bei Schwerstarbeit nur sehr wenig verdient. Kinder ab vier Jahren bekommen im Projekt täglich mindestens eine warme Mahlzeit und haben die Möglichkeit einer gesundheitlichen Betreuung durch eine Krankenschwester im Projekt und der Kostenübernahme für die Behandlung in den Kliniken. Sie werden während ihrer gesamten Ausbildungszeit finanziell und mit Lernhilfen unterstützt. An den Wochenenden ist das Youth Center für alle Kinder zum Spielen, Sporteln, Tratschen und Toben geöffnet.

Wie sieht dein Einsatzbereich aus? Gefällt dir die Arbeit mit den Kindern?

Kinder sind Kinder. Egal, ob in Österreich, Äthiopien oder irgendeinem anderen Land auf der Welt. Sie wollen ihren Spaß haben, spielen, toben und geliebt werden. In Äthiopien müssen die Kinder bei der Einschulung schon Grundlagen in Amharisch, Englisch und Mathematik aufweisen können. Ich unterrichte im projekteigenen Kindergarten Englisch, Turnen, Basteln und Spielen. Dabei versuche ich meine Stunden so spielerisch, abwechslungsreich, musikalisch und kreativ wie möglich zu gestalten, damit die Kinder, trotz der Vorgaben des Lehrplanes, Kinder sein können und Freude am Lernen haben. In den Pausen, wenn für die nächste Stunde alles bereit liegt, toben und spielen wir mit den Kindern. Auch wenn die Arbeit mit Kindern viel Zeit, Energie und Engagement in Anspruch nimmt, geben ihr Lachen, ihre Freude und Dankbarkeit mir so viel zurück. Ich weiß dann, dass alles, was ich hier mache, sehr viel für die Kinder bedeutet. Besonders, wenn man weiß, dass sie es zuhause nicht immer einfach haben und sie schon sehr früh erwachsen werden müssen, ist die Zeit im Center sehr wertvoll für sie. Hier können sie einfach Kinder sein.

Wie hast du Weihnachten verbracht? Wird das in Äthiopien überhaupt gefeiert?

Da in Äthiopien zirka 50 Prozent Christen sind, der Großteil von ihnen ist orthodox, wird Weihnachten sehr wohl gefeiert, aber nicht so groß, wie wir es in Österreich kennen. Es ist für sie ein kirchliches, aber kein kommerzielles Fest. Den größten Unterschied macht hier die andere Zeitrechnung. In Äthiopien sind wir um rund zwei Wochen hinten mit den Kalendertagen, darum wird Weihnachten nicht am 25. Dezember, sondern erst am 7. Jänner gefeiert. Wir studieren bereits ein kleines Weihnachtsmusical auf Amharisch und Englisch mit unseren Kindern im Kindergarten ein, das sie dann vor ihren Eltern und den anderen Kindern und Arbeitern im Projekt zum Besten geben werden. So kommt auch in mir ein wenig weihnachtliche Stimmung auf. Es war für mich eine neue und etwas ungewöhnliche Erfahrung, am 25. Dezember einen gewöhnlichen Arbeitstag, ohne Verwandtschaftstreffen und Feierlichkeiten, zu haben.

Du musst ja einen Teil der Kosten für dein Auslandsvolontariat selbst tragen. Konntest du deinen Aufenthalt bereits finanzieren oder kannst du noch ein wenig Unterstützung gebrauchen?

Dank Firmen und großzügigen Leuten aus meinem Bekanntschafts- und Verwandtschaftskreis konnte ich schon einen Teil der Kosten meines Einsatzes decken. Es fehlt aber leider noch etwas, weshalb ich mich über jede Unterstützung freue und sehr dankbar bin.