Tagesmütter ohne Vorwarnung gekündigt. Wohnsitz als Kündigungsgrund | Weil sie in Niederösterreich wohnen, dürfen drei Behambergerinnen nicht mehr für die Aktion Tagesmütter OÖ arbeiten.

Von Ingrid Vogl. Erstellt am 18. August 2014 (12:07)
NOEN, Ingrid Vogl

BEHAMBERG / Sie wohnen hundert Meter beziehungsweise zwei Fahrminuten von der oberösterreichischen Grenze entfernt. Viele Jahre lang betreuten sie als Tagesmütter — zur Zufriedenheit aller — oberösterreichische und niederösterreichische Kinder. Vor vier Wochen wurden Sigrid Seirlehner, Anita Pernsteiner und Karin Wallner nun von der Aktion Tagesmütter Oberösterreich gekündigt. Der Grund für die überraschenden Kündigungen: der Wohnsitz in Niederösterreich. Die Leidtragenden dieser Situation: die Tagesmütter selbst und 23 Kinder (14 aus Oberösterreich, neun aus Niederösterreich), denen plötzlich die Betreuungsperson abhanden kam.

Ohne Vorwarnung Existenz genommen

„Den drei Tagesmüttern wurde mehr oder weniger ihre Existenz genommen. Und das ist völlig ohne Vorwarnung geschehen“, ist Behambergs Bürgermeister Karl Stegh noch immer fassungslos über den Umgang mit seinen drei Gemeindebürgerinnen. Nur von den niederösterreichischen Kindern alleine können die Tagesmütter nicht leben. Ihnen bleiben daher nach derzeitigem Stand der Dinge nur zwei Alternativen: sich entweder einen anderen Beruf zu suchen oder nach Oberösterreich zu übersiedeln. „Das kann ja nicht Sinn der Sache sein, dass die Leute absiedeln“, versteht der Ortschef die Welt nicht mehr. Schließlich sei die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern ja in anderen Angelegenheiten sehr wohl intakt. „Bei den Schulen funktioniert es ja auch, dass wir Schulgeld nach Oberösterreich zahlen“, wünscht sich Stegh eine ähnliche Lösung für das Tagesmütter-Problem.

Abfinden möchte er sich mit der aktuellen Situation jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Stegh will mit aller Kraft für das System Tagesmütter kämpfen und holte sich dafür den Nationalratsabgeordneten Andreas Hanger ins Boot. Auch er ist ein Befürworter der Tagesmütter. „In den ländlichen Strukturen brauchen wir die Tagesmütter. Das ist ein super System, das ausgebaut werden muss und nicht zurückgefahren“, betonte er im Rahmen der Informationsveranstaltung und Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag. Zuständig seien aber die Länder, musste er eingestehen.

´"Wollen Beruf weiter ausüben"

Ob nun Land oder Bund für die Misere verantwortlich sind, ist für die betroffenen Tagesmütter zweitrangig. Sie möchten vor allem eines: Ihren Beruf weiter ausüben. „Ich liebe meinen Beruf über alles. Wir haben 2006 unser Haus so gebaut, dass ich die Kinder optimal betreuen kann — mit einem Spielzimmer und einem riesigen Garten. Ich bin damals davon ausgegangen, dass ich den Beruf sehr lange machen kann“, gewährte Karin Wallner einen Blick hinter die Kulissen, der das wahre Ausmaß der Kündigung um vieles deutlicher macht.

Wie wichtig ihre Arbeit für das Wohl der Kinder ist, betonten die beiden anderen Betroffenen. „Ich wohne hundert Meter von der Grenze entfernt. Ich habe einige Kinder aus St. Ulrich. Dort gibt es keine Tagesmütter“, erklärte etwa Sigrid Seirlehner. „Ich bin seit 16 Jahren Tagesmutter. Ich habe einige Kinder, die vom Alter her in den Kindergarten gehen könnten. Die Eltern wollen aber, dass sie noch ein Jahr zu mir kommen“, ergänzte Anita Pernsteiner.

Neue Verordnung ist Grund für Kündigungen

Mit Ursula Moser-Zobernig stellte sich auch die „Schuldige“ an der Situation der Diskussion. Der Geschäftsführerin der Aktion Tagesmütter Oberösterreich waren die Kündigungen sichtlich unangenehm. Sie betonte mehrmals, dass ihr in dieser Angelegenheit die Hände gebunden seien und das Land OÖ der Verursacher sei. „Ich habe ein halbes Jahr versucht, mit dem Land eine Sonderregelung zu finden. Der Verein hat ein halbes Jahr das Risiko auf sich genommen und die Gehälter mitgetragen. Irgendwann geht uns aber die Luft aus“, erklärte Moser-Zobernig.

Bereits mit Beginn des Jahres 2014 war in Oberösterreich eine neue Verordnung in Kraft getreten, die das Tagesmütter-Wesen völlig umkrempelte. „Es ist rechtlich nicht machbar. Ich darf Sie nicht weiterbeschäftigen“, sagte sie in Richtung der drei Behambergerinnen, denen sie aber ein Versprechen gab: „Wenn mir das Land Oberösterreich garantiert, dass ich wieder Geld bekomme, nehme ich die Kündigungen sofort zurück. Sonst habe ich jetzt leider keine Lösung.“

In Zukunft soll es zwischen den beiden Bundesländern einen Austausch geben, bestätigte Moser-Zobernig Gespräche in diese Richtung. Das Ganze sei aber erst in Planung. „Es stößt mir sauer auf, dass es immer einen Anlass braucht, um solche Überlegungen anzustellen“, verdeutlichte sie ihre Unzufriedenheit.