Vorwurf der Tierquälerei: „Lieben ,Bärli‘ über alles!“ . „Verein gegen Tierfabriken“ ortet Quälerei eines Hasen in Wölbling. Behörde bestätigt die ordnungsgemäße Haltung.

Von Alex Erber. Erstellt am 12. August 2020 (04:36)
Ein Herz und eine Seele: Pia und Karin Deutsch mit „Bärli“.
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Es ist die pure Lebensfreude, die Hase „Bärli“ versprüht, als sich seine Besitzerin Pia Deutsch mit einer Karotte dem Luxus-Gehege nähert. Sichtbar zufrieden knabbert der achtjährige Hase an dem Gemüse. Heile Welt am Rand des idyllischen Waldbades? Mitnichten!

Bis November hat „Bärli“ in diesem Gehege am Rande des Waldbades seine Heimat. Dann soll es wieder zurück zur Wohnhausanlage gehen.
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„Explosionsartig, ein Aufruhr“, mit diesen Worten kommentiert die Mutter des Mädchens, Karin Deutsch, die Vorgänge rund um „Bärli“ in den vergangenen Tagen.

Wie kam es dazu? Michael Welleditsch parkte Ende Juni sein Fahrzeug beim Waldbad. Da entdeckte er den Hasen. Seither lässt ihn das Schicksal von „Bärli“ nicht los. „Das Gelände, auf dem sich der Hase befindet, ist wegen Explosionsgefahr gesperrt. Alles ist verwachsen. Die Frau Bürgermeisterin will hier offensichtlich die ganze Sache abwälzen, obwohl das Gelände der Gemeinde gehört und nicht der Caféteria-Pächterin des Bades. Der Hase gehört offensichtlich der herzlosen Caféteria- Pächterin“, schreibt der Kremser.

„Nasse Sägespäne und nasses Heu“

Welleditsch setzte die Gemeinde Wölbling in Kenntnis. Weil er offenbar zu lange auf eine Reaktion wartete, alarmierte er den „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) mit Sitz in Wien.

Dieser berichtet: „Der Tierfreund dokumentierte die katastrophalen hygienischen Zustände des Käfigs, in dem der Hase bloß vereinzelt nasse Sägespäne und ein wenig, ebenfalls nasses Heu vorfand. Zwei Umstände machten dem Tierfreund besonders zu schaffen: Zum einen wurde der Hase in seinem Käfig in einem Winkel des Grundstücks im Wald einfach abgestellt. Andererseits hatte der Hase überhaupt keinen Sozialkontakt. Es ist für Hasen besonders wichtig, dass sie Kontakt mit Artgenossen haben, weshalb eine Einzelhaltung von Hasen auch zu Recht gesetzlich verboten ist.“

Der „Verein gegen Tierfabriken“ habe sofort den Amtstierarzt kontaktiert und um Abhilfe ersucht. Weil sich die Situation des Hasen wieder nicht bessert, sah man sich gezwungen, Anzeige zu erstatten.

VGT: „Der Tierfreund zeigte Zivilcourage“

Bürgermeisterin Karin Gorenzel habe in der Folge erklärt, dass die Gemeinde nicht Halterin des Hasen sein, sondern eben die Betreiberin des Gastronomiebetriebes im Waldbad, weshalb der Gemeinde kein direkter rechtlicher Vorwurf gemacht werden könne.

VGT-Jurist Alexander Kirchmauer zu dieser Situation: „Hier wurde alles unternommen, was das Gesetz hergibt. Der Tierfreund hat sich vorbildlich verhalten und Zivilcourage gezeigt. Sowohl der Tierfreund als auch wir als VGT haben versucht, die Situation für den Hasen so schnell und pragmatisch als möglich zu verbessern. Es tut sich aber nichts! Es wäre so einfach und billig, diesem Hasen ein besseres Zuhause zu bieten. Es kümmert aber offensichtlich niemanden, vermutlich, weil es nur ein kleiner Hase ist. Wir aber sagen: Auch kleine Hasen zählen!“

„Haltung des Hasen ist ordnungsgemäß“

VGT-Aktivistin Lena Remich, sie stammt aus der Steiermark, ergänzt: „Tiere sind nicht zur Belustigung der Menschen da. Ein Hase hat in einem Käfig nichts verloren, sondern braucht – genau wie der Mensch und alle anderen Tiere – Freiheit oder zumindest eine artgerechte Unterbringung mit Sozialkontakt.“

Die Hoffnung des VGT, dass „die Behörde der Tierhalterin den Hasen wegnimmt und ein besseres Zuhause besorgt“, begräbt Bezirkshauptmann Josef Kronister: „Wir müssen natürlich jedem Hinweis nachgehen und haben auch in diesem Fall sofort gehandelt. Der Amtstierarzt hat festgestellt, dass der Hase ordnungsgemäß gehalten wird.“

Nachsatz: „Der Behörde ist in dieser Angelegenheit mittlerweile erheblicher Verwaltungsaufwand entstanden. Wir haben leere Kilometer abgespult.“

„Bärli“, der täglich frisches Gras und frische Wiesenkräuter bekommt, befindet sich derzeit in einem Ausweichquartier. Denn bis vor kurzer Zeit war er im Garten einer Wohnhausanlage untergebracht. Weil diese Anlage saniert werden muss, hat die Wohnbaugenossenschaft die Familie Deutsch ersucht, den Hasen zu evakuieren. Nach Rücksprache mit Bürgermeisterin Gorenzel wurde das Ersatzquartier am Rande des Waldbads bezogen. Leider ohne die geliebte Partnerin: „,Susi ist leider plötzlich verstorben“, berichtet Karin Deutsch. Man werde alles dafür tun, dass „Bärli“ genügend Sozialkontakt hat, betont die 37-Jährige. Und: „Wir lieben ,Bärli’ über alles!“ Sie nimmt die Angelegenheit mittlerweile von der heiteren Seite, wenngleich sie ein Umstand stört: „Warum hat der vermeintliche Tierfreund nicht mit mir persönlich Kontakt aufgenommen? Ich hätte ihn ausführlich über ,Bärli“ informiert.

Das Tier scheint von der Aufregung nicht viel mitzubekommen. Liebevoll lässt er sich von der elfjährigen Pia streicheln, ehe er den Rückzug antritt. Und Mama Karin weiß: „Spätestens nach Erscheinen des NÖN-Berichts wird unser ,Bärli‘ zu einer echten Berühmtheit!“