Wenn die Kündigung per WhatsApp kommt. 90 Prozent mehr Beratungen und ein Fall, wo eine Kellnerin nach der Krankmeldung im Spital „überrascht“ wurde.

Von Christoph Reiterer. Erstellt am 05. August 2020 (03:54)
Hereinspaziert – aberbitte nur mit vorheriger Terminvereinbarung. Auch bei Martin Feigl (l.) und Christian Kauer inder Arbeiterkammer verlagerte sich die Beratung massiv auf telefonische und Mail-Kommunikation.
NÖN

4.830 Beratungen und damit um 90 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2019 absolvierte das Team der Arbeiterkammer Hollabrunn seit Jänner 2020. „Teilweise hatten wir keine Minute Luft und waren wie angeschlagene Boxer“, berichtet Bezirksstellenleiter Martin Feigl. Und natürlich kamen den Experten in der Coronakrise auch besonders krasse Fälle unter.

Wie etwa jener einer tschechischen Kellnerin im Bezirk, die wegen Schmerzen beim Arzt war und von diesem krankgeschrieben wurde. Am 15. März übermittelte sie ihrem Dienstgeber die Krankmeldung. Kurz darauf, die Dienstnehmerin befand sich gerade zur Untersuchung im Spital, schickt ihr der Chef per WhatsApp die Kündigung.

Auf Nachfrage erfuhr die Kellnerin, dass sie bereits per 12. März abgemeldet worden war. Sie wandte sich daraufhin an die Arbeiterkammer und fand heraus, dass ihr rechtlich noch fast 3.000 Euro zustehen.

„Aktuell kämpfen wir gerade um das Geld für unser Mitglied“, erklärt Feigl; der Dienstgeber sei uneinsichtig und bestreite, vom Krankenstand gewusst zu haben. Der Gesprächsverlauf sage jedoch etwas anderes aus. „Dieser Fall zeigt deutlich, wie wichtig arbeits- und sozialrechtliche Beratung und Unterstützung für die AK-Mitglieder sind – gerade in Zeiten der Coronakrise.“

Mehr als 300.000 Euro hat die Bezirksstelle Hollabrunn im ersten Halbjahr für Arbeitnehmer der Region erstritten; 74-mal musste seit Mitte Mai bei Dienstgebern wegen der Gehaltsauszahlung interveniert werden. „Durch die Coronakrise sind wir als Ansprechpartner vor Ort noch gefragter als zuvor“, weiß Feigl. Hauptthemen: Kurzarbeitsvereinbarungen, Quarantäne, Kinderbetreuung sowie Homeoffice und die Frage, wer zur Risikogruppe gehört.

Was Feigl ebenfalls betont: „Die sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit hat – wie wir es gerade in Hollabrunn gewohnt sind – super gut funktioniert.“ Zu Beginn der Krise hatte man viel zu tun, Unternehmer zu überzeugen, die Kurzarbeit in Anspruch zu nehmen.

Kammerrat Christian Kauer gibt sich indes als Verfechter der Maskenpflicht: „Es ist eine Erinnerung, dass es immer noch ein Virus gibt, das man noch nicht beherrscht. Ich war kürzlich auf einem Hauptplatz in einer Gemeinde, wo sich alles so dicht gedrängt hat, dass man glauben musste, Corona ist vorbei.“

Wie viele Experten fürchtet auch er, dass heuer noch einige Insolvenzen auf die Wirtschaft zukommen. Und: „Ich hoffe, dass auch die Regierung sieht, dass die Sozialpartnerschaft auf kleiner Ebene so gut funktioniert. Wir müssen für die Menschen da sein. Viele hatten Angst.“